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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-11-09 · Heft 45 (9.11.1845) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 45 (9.11.1845)
Date
1845-11-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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306 scn, welches sie desavouirt, alteriren, als sonst zwei inkonsequente Aeußerungen, die mit dem ganzen Charakter eines Menschen oder eines Zeitalters im Widerspruch sind, diesen alteriren können- „Der Talmud" — sagten Sie — „hat Recht", und dagegen wiederhole ich meinen Widerspruch: der ganze Talmud strafe diese Ansicht Lügen, auf jedem seiner Blätter werde das Gegentbeil dessen ausgesprochen, was Sie mit jenen zwei „agadischen Floskeln" zu begründen suchen. Sie gestehen ein, mit Ihrem Bewußtsein nicht im Talmud, sondern diesem gegenüber zu stehen, glauben jedoch mit demselben Recht und Nutzen vereinzelte freisinnige Aussprüche aus dem Talmud anführen zu können, mit welchem wir freisinnige Aussprüche der Propheten beibringen. Beides geschehe, um am Ende eine veredelte Gottesverehrung herbeizuführcn, zunächst aber zum Beweise, daß unsere heutigen Lehren nicht so neu sind, als sie den Meisten erscheinen. Statt Ihnen schon jetzt meine abweichende Ansicht entgegen zu stellen, will ich Sie lieber ganz ausreden lassen, wo Sie am Ende für die Bestätigung meiner Ansicht den bezeichnendsten Ausdruck für die Widerlegung der Ihrigen die schärfste Waffe liefern. Bei Ihrem redlichen Forschen, bei ihrem ehrenwerthen Drang, sich ganz und bis zu Ende auszusprechen, verschmähen Sie die rechthaberische Taktik, welche dem Feinde jede Schwache zu verbergen sucht, geben vielmehr dem Gegner die beste Waffe selbst in die Hände, ihn herausfordernd, Sie gründlich zu bekämpfen, wenn er es kann, bereitwillig, wenn es ihm gelingt, der Wahrheit die Ehre zu geben. Im Verfolge Ihrer obigen Gedanken sagen Sie ferner: „Dem Volke muß nachgewiesen werden, wie in der biblischen Sphäre, aber auch, wie in der talmudischen die höhere Anschauung dort zum Durchbruch gekommen, hier wenigstens geahnt worden ist." Sehen Sie, hier haben Sie die Lösung des Knotens selbst gefunden, den scharfen Differenzpunkt zwischen der biblischen Sphäre und der talmudischen zwischen den Propheten und dem Talmud charakteristisch bezeichnet. Bei den Propheten ist die höhere Anschauung zum Durchbruch gekommen, bei dem Talmud ist sie von wenigen Einzelnen kaum dunkel geahnt worden. Die biblische Sphäre ist von der in den Propheten zum Durchbruch gekommenen höheren Anschauung durchleuchtet, in der talmudischen herrscht Dunkel und Finsterniß und das matte Ahnungslämpchen einiger agadischer dem ganzen Compler fremd gegenüberftehender Aussprüche kann sie nicht erhellen. In der biblischen Sphäre, sagen Sie mit Recht, ist die höhere Anschauung zum Durchbruch gekommen. Wo eine Anschauung zum Durchbruch gekommen ist, da muß sie mit einer ihr feindlich entgegenstehenden Anschauung gekämpft und gerungen haben, bis sie den Feind glücklich besiegt und sich selbst zur Herrschaft emporgearbeitet hat, dann ist sie zum Durchbruch gekommen. In der biblischen Sphäre sehen wir in der That einen solchen ernsten und heiligen Kampf der höher« mit der vor ihr allein herrschend gewesenen nieder« Anschauung. Wenn der Prophet (Hosea 6. 6) im Namen Gottes tes aussprach: „Liebe verlange ich und nicht Opfer", so war er mit der ganzen Anschauung des Leviticus, die auch Volksanschauung war, in Kampf und Widerspruch getreten. Wenn ein anderer Prophet, (Michah 6. 6. ff.) geringschätzig von den Opfern spricht und seinen Zeitgenossen zuruft; Mensch, es ist dir gesagt worden, was gut ist und was Gott von dir verlangt, nichts anderes als recht thun, die Tugend lieben und in Demuth wandeln vor Gott, so giebt dies vollgültiges Zeugniß, daß der Prophet gegen die Ansicht von der Sündhaftigkeit des Menschen und dessen nothwendiger Versöhnung durch Opfer, wie sie im Gesetz und im Volksbewußtsein herrschend war, ernstlich angekämpft hat, und daß, wenn sie auch nicht im damaligen und spätern Volksbcwußtsein, doch im Propheten selbst zum Durchbruch gekommen war. Für uns ist das Volk, das trotz der im prophetischen Bewußtsein aufgegangenen höher« Anschauung die Opferidee nicht aufgab, und nach dem Erile erst recht lebendig in dieselbe sich versank, längst gestorben, währeud die höhere Anschauung der Propheten lebendig geblieben ist. So vereinzelt sie damals dem Volksbewußtsein gegenüber stand, so hat doch nicht dieses, sondern jene ihre höhere Geltung erlangt, wie auch der Monotheismus zu gewissen Zeiten nur eine vereinzelte Anschauung der Propheten war, während das Volk im Polytheismus versunken lag. Wenn wir uns daher auf jene prophetischen Aussprüche dem Volke gegenüber berufen, so bezwecken wir damit, auch seinem Autoritätsglauben eine mächtige Waffe entgegen zu halten, indem wir ibm zeigen, daß unser religiöses Bewußtsein, welches wir ihm als ein höheres bezeichnen, auch das der Propheten war, und daß nur dieses, nicht das damalige Volksbewußtsein das wahrhaft religiöse sei. Wir handeln, in-

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