Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1845)
- Date
- 1845-11-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2567009--1691-2569494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
365 Zettalter, so ernst und so ausführlich von Dingen handelt, die nur einer Zukunft angehören, muß an diese Zukunft glauben. Wenn sich auch im ganzen Talmud keine einzige Stelle fände, die es direkt ausspräche: diese oder jene Dinge werden in der Zukunft wieder praktisch werden — und daß sich viele Stellen finden, die es ausdrücklich sagen, soll noch später gezeigt werden — so wäre doch ein Zweifel darüber: ob der Talmud dieses glaube und ob er diesen Glauben als einen wesentlichen im Judenthum halte, sehr unbegründet. Wer eine Geschichte der Zukunft schreibt oder ein praktisches Gesetzbuch für die Zukunft feststellt — und beides enthält der Talmud, dem die Geschichte der Vergangenheit zugleich Geschichte der Zukunft ist — braucht wahrlich nicht, um jeden Zweifel, daß er selber diese Zukunft glaube, von vorn herein zu beseitigen, an die Spitze seiner Geschichte oder seines Gesetzbuches sein Glaubensbekenntniß zu setzen und ausdrücklich zu erklären: ich bin fest überzeugt, daß diese Zukunft, der ich mein ganzes Leben, mein ganzes Denken und Fühlen geweidet, einst cintreten wird. Wenn der Talmud in einem Tractat „Heiligtbümer" über Opfergesetze so ausführlich und umständlich handelt, so wollte er wahrlich nicht eine Archäologie oder eine Geschichte der Vergangenheit liefern, sondern war von dem Glauben ganz und innig durchdrungen, daß ein Tempel und Altar auf derselben heiligen Stätte erbauet und Opfer aller Arten . auf demselben dargebracht werden würden, und hielt diesen Glauben, der ausschließlicher Factor seiner ganzen Lcbenstbätigkeit war, gewiß für einen wesentlichen des Zudenthums und hat sich ohne diesen Glauben so wenig wie ohne Monotheismus ein Judenthum denken können. Wenn daher unser gegenwärtiges religiöses Bewußtsein diesen Glauben von einer zukünftigen Gestaltung der religiösen Verhältnisse, wie ihn das talmudische Zeitalter hatte, nicht mehr besitzt, wenn daher in Folge dieser Thatsache die zweite Rabbinerversammlung, von dem religiösen Bewußtsein der Gegenwart geleitet, die Bitte um Wiederherstellung der Opfer aus der Liturgie entfernte, so batte ich vollkommenes Recht, in jener Versammlung cs offen auszusvrechen, daß sowohl das gegenwärtige religiöse Bewußtsein der Juden als auch die Rabbinerversammlung, die in Folge dessen jenen Ausspruch getban, mit dem Talmud, d. b. mit dessen wesentlichstem Glauben und heiligstem Lebensprincip, in welchem die von uns negirte und geleugnete Zukunft, unerschütterlich feststeht, gebrochen haben. Wenn aber Herr vr. S. Adler, um diesen offenen Bruch mit aller Gewalt zu verdecken, mir darauf entgegnete: es finde sich im Talmud kein Gesetz, welches den Glauben an die Wiederherstellung des Opferdienstes anbefehle, so hat er, bei aller Hochachtung, die ich seiner Gelehrsamkeit und Gesinnungstüchtigkeit zolle, am glimpflichsten bezeichnet, etwas sehr Unhaltbares gesagt. Wo der Talmud seinen Lebensinhalt selbst offenbart, wo er für sein inneres Leben und Glauben thatsächlich, durch sich selbst, zeugt, ist es dann noch nöthig, daß er zu diesem Glauben wörtlich auffordere? Ich rede hier immer noch nicht von den wenigen Stellen des Talmuds, in welchen er bei der Bestimmung praktischer Gesetze auf eine baldmöglichst sich zu erfüllende Zukunft ausdrücklich Rücksicht nimmt. Solcher Stellen können ihrer Natur nach nur wenige sein. Ich rede vielmehr von dem ganzen Tbeil des Talmuds, der nur die Zukunft behandelt, der seinen festen Glauben an diese Zukunft als lebendige Thatfache offenbart. Und es sollte bezweifelt werden können, ob eine Negation des Glaubens an diese Zukunft in den Auge» des Talmuds eine Negation des Judenthums genannt zu werden verdiene? Täusche sich wer da wolle; wir können uns nicht selber täuschen und müssen es wiederholen, daß wir dadurch, daß wir an die talmudische Zukunft, in welcher Opferritus und das ganze nach dem Talmud aufgeschobene nach uns eben aufgehobene Ceremonialgesetz wieder praktisch werden sollen, nicht glauben, in einem unheilbaren Bruch mit dem Talmud uns befinden. Dieser meiner Ansicht vom Talmud, oder richtiger dem Talmud, halten Sie die zwei von Ihnen angeführten Stellen entgegen, was sollen sie dem Talmud gegenüber bezeugen? In Ihrem fortwährenden Mißverständnisse reden Sie mich an: „ Nun aber gebe ich Ihnen im Voraus zu, daß der Talmud andere (in der Nota wird hinzugefügt aber nur wenige) Stellen enthält, welche die ewige Verbindlichkeit des Ceremonialgesetzes zur Voraussetzung haben, habe ich dies aber jemals geläugner, und etwas Anderes gesagt, als daß der Talmud die Sätze niso enthält? und die enthält er ja doch einmal!" Ja wohl enthält er sie; j aber diese können eben so wenig sein ganres inneres