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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-11-09 · Heft 45 (9.11.1845) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 45 (9.11.1845)
Date
1845-11-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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364 Unser Streit hat also eine ganz andere Wendung genommen. Nicht darum handelt es sich: ob Sie für die Vergänglichkeit oder ich für die Ewigkeit des Cere, der Schlüssel zum innetit Verständniß des Talmuds und dessen Schöpfungen im Gebiete des religiösen Lebens. Die Agava bleibt immer nur ein untergeordnetes Moment im Talmud, sein eigentliches Leben ist die Halacha, und wer diese nicht durchforscht, wem sie gar wie Herrn vr. Sachs ein völlig fremdes Gebiet, ein verschlossener Garten ist, dem geht der Beruf ab, über ven Entwickelungsgang des Zudenthums nach der Zerstörung eine sichere Ansicht aufzustellen. Herr Sachs, seine Schwäche fühlend, eilt (S. 144) über diesen kitzlichten Punkt schnell hinweg und sucht seine Armuth hinter der Phrase zu verbergen, daß die Denkmale jener Thätigkcit beider Talmude ihre Charakteristik noch erwarten und ver Standpunkt, von dem aus sie dem Geschichtsforscher und Philosophen in ihrer Eigenthümlichkeit und ihrem lebendigen organischen Zusammenhang mit der Entwickelung des Zudenthums erscheinen sollen, noch nicht sirirt sei, hat aber in den wenigen Andeutungen, die er wenn auch nicht als Geschichtsforscher und Philosoph, doch als poesiereicher Prediger, über jene Denkmale geben mußte, seine große Unwissenheit auf diesem Felde selbst verrathen und es mehr als angedeutet, wie er in die Werkstatt, in welcher die Denkmale jener Thätigkeit der beiden Talmude ihr Dasein erhielten, nie eingedrungen ist. Daß die beiden Talmude an dem kolossalen Bau der Halacha für die Zukunft arbeiteten, scheint Hr. vr. Sachs nicht zu ahnen, meint vielmehr, das Alterthum als es noch lebendig und schöpferisch war, nach dem Maßstabe seiner subjectiven Liebe zum Alterthum, die nur in der poetischen Erinnerung an dasselbe besteht, beurtheilen zu müssen. Zn seinem poetisch-romantischen Gemüthe hat der Talmud in allen seinen Theilen, die sich nicht legendenartig für die Predigt verwenden oder sonst zu poetischen Kleinigkeiten verarbeiten lassen, weder eine Gegenwart noch eine Zukunft, sondern nur eine Vergangenheit, und die Erinnerung an dieselbe ist ihm eine poetisch-heilige und das jüdische Altcrthum schauet er im Lichte, oder vielmehr im gemüthlichen Helldunkel der Romantik. Zn diesem subjektiven Anschauungskreise lebend und die talmudischen Schöpfungen im Gebiete der Halacha nickt kennend, glaubt er, daß auch die Denkmale jener Thätigkeit beider Talmude, zur Zeit als sie errichtet wurden, keine andere als poetisch-romantische Zwecke verfolgten, daß auch diese keine Zukunft hatten, sondern aus purer Liebe zu einem noch ftühern Alterthum in ihrer Thätigkeit eine heilig poettsche Erinnerung desselben feierten und in dem großartigen Bau der Halacha ver entschwundenen Größe desselben würdige Denkmäler errichteten. So weiß Herr Sachs zur Erklärung jener Erscheinung nichts Besseres zu sagen als: „Was aus dem Leben entschwunden und für die Gegenwart ohne Anwendung war, fand als Reminiscenz sein Asyl in den Hallen des Lehrhauses und ward mit derselben Gründlichkeit, mit demselben Ernste nach allen Seiten hin erörtert, wie das in voller Gültigkeit Stehende und als religiöse Satzung Herrschende." Das ist also der Offenbarungsgeist des Herrn Sachs. Das die wissenschaftliche Grundlage, die er fiir sein Buch gewonnen: Die ausführlichsten talmudischcn Erörterungen über Ackerbaugesetz, über Tempel- und Opferritus, über Reinigkeit waren nichts als eine poetische Reminiscenz! Und ferner: Das ftommeVerlangen, nichts von dem, was einmal in dem Volksleben seine Stätte gefunden hatte, aus dem Gedächtnis« entschwinden zu lassen, das Interesse an dem Verständniß derjenigenThelle der h. S., an welche sich die ehemalige Praxis anlehnte, das Verdienstliche, das in der Erforschung und Ergründung des Gesetzes zu liegen schien, hatte an dieserBeschäftigung gleichen Antheil. „Also wieder keine Zukunft, wieder keine praktische Auwendung in derselben, nichts als pure antiquarische Liebhaberei für das Entschwundene, nichts als leere Spielerei mit dem Ver« momalgesetzes auf dem talmudischen Standpunkte mehr oder weniger Beweise anzuführen im Stande sind, sondern um etwas ganz Anderes und Wichtigeres. Ich behaupte nämlich: der ganze Talmud als geschichtliches Factum ist ein lebendiges Zeugniß und zugleich ein Product der ihn beherrschenden und belebenden Idee von der ewigen und absoluten Gültigkeit des ganzen Ceremoniatgcsetzes und dessen dereinstiger Anwendung im Messiasreich. Wer wie das ganze talmudische gangenen, nichts als erbärmlicher Dilletantenkram wie der des Herrn Sachs mit dem talmudischen Alterthum! Zu diesem gesellt Herr Sachs noch den Glauben, daß für die religiöse Nedung und That" die Erinnerung und das theoretische Wissen als stellvertretendes Aequivalent gelten können. „Daß das Studium der Opfer- und Reinigkeitsgesetze nach den Talmud die religiöse Uebung verttcte, ist wahr; ist aber auch dies mit dem Studium der Ackerbaugesetze. die mit derselben Gründlichkeit, mit demselben Ernst wie jene nach allen Seiten hin erörtert wurden, der Fall? Ob nach dem Talmud das theoretische Wissen an und für sich so gut wie die Erinnerung die religiöse That vertrete, möchte ich bezweifeln, nicht aber, daß der talmudische Glaube des Herrn Sachs wohl bis zum letztern nicht aber bis zum erstern sich erhebe. Das Merkwürdigste bei der ganzen Abhandlung ist, daß Herr Sachs in einer Note auf Raschi zu Sebachim Fol. 45 a hinweist, woselbst wie oben gezeigt worden, nicht von Erinnerungen an die Vergangenheil, sondern von der Verdienstlichkeit bei der Erforschung ver Gesetze in Rücksicht ihrer einstigen Geltung in der Zukunft und ob diese den Abschluß der Halacha schon jetzt nothwenvig mache, die Rede ist. In derselben Note wird auch auf Zoma 13 verwiesen. wo nichts Bezügliches zu finden ist. und soll wahrscheinlich heißen: Zoma 5. B. Auch wird das. noch Pachad Zizchak 8. v. NiTttfD1? rD*?n angeführt. Ich besitze dieses Werk nicht, und ist es mir wahrscheinlich, daß dieser Druckfehler dort seine Quelle habe wie auch daß dieses: Werk die Eselsbrücke für die talmudische Gelehrsamkeit des Herrn Sachs sei. Es ist wahrscheinlich, daß Herr vr. Sachs diesen Zrrthum nur aus Connivenz gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten, den gelehrten Rapoport verschuldet habe, und unterscheidet er sich von diesem, daß während dieser ven Talmud zum Ausgangspunkt seiner gelehrten antiquarischen Forschungen macht, ohne für sich blos an eine ernste Anwendung im Leben zu denken, er, indem er gleichfalls den Talmud wenn auch nur scheinbar zum Vehikel seiner poetischen Neproductionen nimmt, diese Abfichtslofigkeit einer praktischen Anwendung schon für das Alterthum selbst anticipirt, seinenurdie Erinnerung aber nicht die That umspannende Subjektivität in den glaubens-und thatkräftigen Talmud hineinträgt. Das sind die ttaurigen Folgen unwissenschaftlicher poetisch sich nennender Gemüthsschwelgerei. die das Altherthum durch die Brille der subjektiven Romantik sieht und alles Thatsächliche in ihm übersieht. In einer Note S. 143. wird nach einer abgeschmackten Legende die traditionelle Auslegung des Gesetzes als das, für das Iuventhum unterscheidende, ihm eigene Ab zeichen, nachdem die Bibel als Religionsquelle anderer Bekenntnisse angenommen worden, hervorgehoben. Die jüdische Hyperorthodorie in Berlin wird uns noch das Lesen der Bibel wegen D'i.in mpin verbieten! Wahrlich, wenn Herr Grätz die Poesieunv geistreiche Darstellung des Herrn Sachs nicht genug bewundern kann. so. sollte er doch, wie einst sein Lehrer Herr K. Hirsch mit geringeremMcht einem Andern zurief, Herrn vr. Sachs jene charakteristische Worte, des Talmuds Zurufen: CPJHJ bnx *p SD | nnam onn* ^sk ib -jk ni^nw.

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