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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-11-02 · Heft 44 (2.11.1845) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 44 (2.11.1845)
Date
1845-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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356 dadurch, daß er trotz der Eilfertigkeit, mit welcher er cingerechtet werden mußte, dennoch so musterhaft gelang, als auch durch die Wirkung, welche er hervorgebracht. Oder sollte man es etwa nicht für ein Wunder halten, daß sehr viele der hiesigen jüdischen Notabilitäten, von denen einige wohl seit zwanzig Jahren keine Synagoge mehr besucht haben, nicht nur n"“> sondern auch 3"’ den ganzen Tag dem Gottesdienste beiwohnten, ohne sich auch nur auf kurze Zeit aus demselben zu entfernen und also auch gefastet haben müssen? Man ist nun in den hiesigen Kreisen sehr gespannt auf die nächsten Schritte, welche die Genossenschaft zur Verwirklichung ihres großen Plaues einer allgemeinen Reform des Judcnthums, tmn werde, und es wird darüber viel hin und her gesprochen, ohne daß jedoch etwas Sicheres verlautete. Ja selbst die Männer, welche an der Spitze der Reform stehen, scheinen über diesen Punkt noch nicht ganz im Klaren zu sein. Dies soll für dieselben jedoch kein Vorwurf sein; ich möchte es ihnen viemehr zum Lobe anrechnen, Sie wollen nämlich dem fteien Walten des Volksgeistes keine Zwangjacke anlegen, indem sie ihm mit diplomatischer Genauigkeit und Abgemessenheit jeden Tritt und Schritt vorschreiben, sie wollen den belebenden Odem der Reform, welcher in der freien Aeußerung und Berückfichttgung möglichst aller Ansichten, Wünsche und Bedürfnisse besteht, nicht voreilig hemmen oder vielleicht gar ersticken; sondern das Ziel fest im Auge behaltend lassen sie denselben eine Zeitlang ruhig gewähren und sich abklären, um dann Hand in Hand mit der öffentlichen Meinung desto sicherer und schneller vorwärts schreiten zu können. Ein solcher Gährungsmoment ist nun jetzt eingetteten und wird wohl noch eine Weile dauern. Doch scheint mir schon jetzt Ein Wunsch der Reformmitglieder so allgemein und dringend zu sein, und zieht sich dermaßen als der rothe Erkennungsfaden durch alle ihre Gespräche und Handlungen, daß derselbe wohl zuerst seine Erfüllung finden dürfte, der Wunsch nämlich: daß der am 11. d. Mts. Abend 5 Uhr 49 Minuten selig entschlafene Got - tesdienst nicht zu lange im Schattenreiche weilen sondern recht balv sein Auferstehungsfest feiern möchte. Hiezu bedarf es jedoch noch vieler Zeit und noch vieler Kraft, da zu einem stehenden Gottesdienst nicht weniger als noch Alles fehlt. Es ist daher um so mehr Schade, daß die Genossenschaft für den Winter ein so schönes Talent wie Herrn Honigman verloren hat, der in diesen Tagen nach Heidelberg abgegangen ist. Was nun die alte Gemeinde betrifft, so hat dieselbe in kurzer Zeit zwei große Triumphe gefeiert. 1) Hat Herr vr. Sachs 3"1 den Sterbekittel angehabt, wiewohl er vielfach gegen denselben geeifert und man schon gefürchtet hatte. er würde diesen altehrwürdigen heiligen Brauch thatsächlich abschaffen. Es herrscht nun über diese angenehme Täuschungein solcher Jubel, daß die Stimmen einiger Unzufriednen, welche von Inkonsequenz, von Schwäche u. dgl. sprechen, kaum gehört werden. 2) Hatte die Gemeinde geglaubt, daß sie außer Herrn vr. Cassel keinen literarischen Vorkämpfer gegen die Reform habe. Aber auch hierin ist sie sehr angenehm enttäuscht worden durch die Erscheinung eines Schriftchens welches den Titel führt: Der neue Komet, Betrachtungen über die Bewegungen der Juden in jetziger Zeit und über die Aemter - Frage am Rhein; insbesondere eine Darstellung der Entwicklung der Juden unter den Völkern. Nebst einem Erttablatt als Nachttag: die Beantwortung über das Rundschreiben der hiesigen Aeltesten der Gemeinde vom 1. September d. I. von S. E. Zeller, Berlin bei Grobe. Dies Büchlein ist ein wahrhaftes Originalwerk und dürfte wohl schwerlich in der neuen Litteratnr der Juden seines Gleichen finden, wie denn auch der Eindruck den es macht kaum dem der alten Purimspiele nachstehen möchte. Geiger. Von der Oder. Ich komme eben von Breslau, wo ich die Festtage gewesen und dem Gottesdienste, bei welchem Geiger predigte, beigewohnt. Das war ein Hochgenuß! Ich glaubte, einen Propheten sprechen zu hören, und gebe gern meine sämmtlichen Hefte der Frankel'schen Zeitschrift für diese Paar Stunden wo ein in höchster Begeisterung gesprochenes Wort auch mich und Alle, die es hörten, hörten mit verständigem Gemüthe und reinem Sinn, den tiefsten, unauslöschlichsten Eindruck machte. — Uebrigens möchte wohl kaum ein Rabbiner so viel Weisheit in seinem praktischen Wirken bekunden, als Geiger, tief erfüllt von der Idee, hat er ein ebenso offenes Auge für die Bedürfnisse und Gefühle seiner Gemeinde, und indem er dieselbe immer mehr zu jener erhebt, weiß er auch auf das Edelste sich zu verleugnen und Alle seinem Berufe, dem lebensvollen Wirken — und das bleibt ja immer das Höchste — unterzuordnen. Es verdient dieses um so mehr Anerkennung, wenn man bedenkt, daß gerade in Breslau die Parteien sich schroff einander gegenüberstehn und nicht selten ein tactloser Radikalismus mit einer starren Bigotterie kämpft. Doch find durch Geigers Einfluß Neujahr und Versöhnungstag wieder einige gottesdienstliche Reformen zu Stande gekommen. So fiel u. A. mit den Opfergebeten auch das D'Nün by aus, und der Sterbekittel ward nur bei Wenigen gesehen. — Alle Verständigen find auch damit zuftieden und nur der Unverstand eifert dagegen, und nur Herr Grätz

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