Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1845)
- Date
- 1845-10-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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350 Jüdische Zustände. Krakau den 29. September. Vergebens suche ich in den öffentlichen Organen für jüdische Angelegenheiten ob irgend eins derselben auch die hiesigen geistigen und mateiellen Zustände in den Kreis seiner öffentlichen Mittheilungen zu ziehen für würdig erachtet. Sollte das gegenwärtige Dasein dieser so alter und großer Gemeinde die manche Heroen in der jüdischen Literatur nufjmrcilfn hat, an Bedeutung so tief gesunken sein, daß sich an dasielbc gar kein allgemeines Interesse anknüpfen läßt? Sollte es wahr sein, wie es den Anschein hat, daß, während unsere Nachbargcmeinden in Schlesien ein reges und thatkräftiges Streben erst bekunden, wir einen todähnlichen Schlaf schlafen oder, was gleichviel heißt, ein Leben mittelalterlicher Natur führen? Es wäre traurig um unsere Gemeinde bestellt, wenn auch derjenige, welcher mit der wahren Gestalt unserer Gemeindeverhältnisse vertraut ist, diese Fragen entschieden bejaht/. Traurig sage ich, wäre cs. wenn auch in gegenwärtiger Zeit, wo der Bessere sich gewissennaßen gewaltthätig Bahn bricht, um seine gerechte Anerkennung zu erzwingen, in unserer Mitte gar keine Empfänglichkeit für die wohlthätigcn Eindrücke der Zeit sich zeigen wollte. Allein rem beobachtenden und die wahre Gesinnung vieler Mitglieder unserer Gemeinde kennenden Menschen wird es unmöglich entgehen können, daß auch in unserer Mitte schon manche Keime des Guten hervorsprießen, die zu den schönsten Hoffnungen Raum geben. Freilich müsse» wir jeden Vergleich in Bezug auf Bildung und geistige Entwickelung zwischen unserer und einer dein preußischen Staate angehörigen Gemeinde scheuen. Man muß aber berücksichtigen , daß der Maaßstab, mit dem die geistige Cultur der deut- . schen Juden gemessen wird, keinesweges an die polnischen Juden gelegt werden dürfe, denen so viele Hindernisse durch Druck und Beschränkung von Seiten der Regierung in den Weg treten. Der Mangel an Nahrungszweigen, an dem der größte Theil der Masse laborirt, hemmt jeden fteicn und selbstständigen Aufschwung des Geistes, jedes Erwachen eines gesunden Sclbstbewußtseins und so geht die Erbärmlichkeit des Geistigen mit der Erbärmlichkcit des Matriellen Hand in Hand. Dazu kommt noch die fanatische Sucht der meisten hiesigen Juden, sich von den Christen in Tracht und Sitte abzusoodern, die den Christrn in seiner Geringschätzung und Verachtung, mit welcher er auf die Juden herabsieht, bestärkt. Zwar hat der hiesige Senat durch seinen Erlaß, daß kein Jude, wenn er nicht die Landestracht angenommen habe, vor dem dreißigsten Jahre heirathen dürfe, diesen grellen Kontrast zwischen Juden und Christen einigermaßen, wenn auch äußerlich, mildern wollen. Allein der Aberglaube imv Fanatismus wissen auch dagegen durch Umgehung des Gesetzes ihr schädliches Einwirken zu behaupten. Die Heiraths-Candidaten nämlich legen, während der Zeit der Hochzeit ihre polnische Schibize Stram - und Kolpokmütze ab, damit ihnen die Hochzcitfeier gestattet wird, sobald aber diese Zeit abgelaufen ist, kriechen sie wieder in ihre alten Kleider zurück. Die Polizei, auf diesen Betrug und Mißbrauch aufmerksam gemacht, bestrafte sie früher bloß mit der Haft auf einige Monate, da aber diese gelinde Maaßregel wenig ausrichtete, so wurde nun verordnet, daß die dieses Gesetz überschreitenden Personen in ihrer Haft zugleich Ketten tragen sollen. Man sieht hieraus, mit welcher Hartnäckigkeit die hiesige Masse an einem Brauch hängt, der keinesweges irgend im Talmud sondern bloß im Herkömmlichen seine Begründung findet. Diesen Fanatismus zu nähren tragen nicht wenig diejenigen Mitglieder unsrer Gemeinde bei, welche gewiffermaaßen die Noblesse bei uns abgeben und trotz dessen daß sie HDder Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der polnischen Kutte überzeugt sind, dennoch zu deren Abschaffung nicht stimmen wollen, weil sie ihr ftommes Ansehen und den Heiligenschein bei dem unwissenden Volke zu verlieren fürchten. Es ist namentlich Hr. Bornstein, dessen reaktionäre Haltung und Handlungsweise im Verein mit dem abscuranten Rabbiner vieles Gute nicht aufkommen läßt. Dagegen sind hier die gebildetern Juden zusammengetreten, um einen geordnetern Gottesdienst zu veranstalten, wobei der gefinnungsvolle Di-. Zwiklig viel geleistet hat. Dieses neue Institut, obgleich es noch Spuren allzu großer Unzulänglichkeit an sich trägt, berechtigt uns zu den schönsten Hoffnungen. Ich werde Ihnen darüber genau berichten. Pas Seminar. Cassel im Oct. Habe ich es Ihnen nicht schon längst gesagt, im jüdischen Seminar hier soll es nicht geheuer sein. So will man bemerkt haben, daß dort ein Geist (merkwürdiger Weise am hellen Tage) umherschwcbe, rer sehr leicht schnell bei der Hand sein soll mit einer Löschmaschine, wenn vielleicht hie und da noch ein Funke sprüht. Den kleinen Geisterchen, welche sich um ihn sammeln, gibt er Stahl und Schwamm, behält aber den Stein zurück , damit ja später im Lande kein Feuer, die Leute nennen es Neologcn-Feuer, entstehe. Eines dieser kleinen Geisterchen soll jetzt bei Hanau eine menschliche Gestalt angenommen haben, und Schulmeister geworden sein. Alles soll dieses Judenmännchen mehr strapazieren als die heilbringende Pädagogik, und statt bei seinen Kindern trifft man es unter vermoderten Büchern. Das find die Früchte der jüdischen Seminare, wenn sic nicht gejätet und gepflegt werden. Aus solchen Pflanzstätten geht das Salz der Erde hervor, das weder Kraft noch Saft hat.