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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-10-26 · Heft 43 (26.10.1845) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 43 (26.10.1845)
Date
1845-10-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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AM-8 binische, er beschäftigt sich vorzüglich mit dem Talmudstudium, und treibt Anderes nur nebenbei; er drückt sich, so gut es geht, durch die Wett, und ist zuftieden im Bewußtsein, daß es immer so gewesen; das Ziel seiner Wünsche wie im glücklichsten Falle seiner Laufbahn ist ein Rabbinat. Der romantische Bacher ist vor allem ein Malcontenter; er hat sich in den profanen Wissenschaften umgesehen und ist zu der Einsicht gelangt, daß das bloße Talmudstudium zu nichts führt, er verachtet den Lamdun als Ignoranten, und ist unzufrieden mit ihm. Er ist auch iw der schönen Literatur bewandert, der Talmud und was dazu gehört widert ihn als trocken und unpoetisch an, er ist unzufrieden mit ihm. Die neuere Philosophie ist ihm nicht ftemd geblieben, ihm genügt weder das gräcifirende Araberthum des Maimonives, noch kann er den Träumen und Windbeuteleien der Kabbala Geschmack abgewinnen, er ist unzuftieden mit More und Sohar. Moses und die Propheten findet er seit Jahrhunderten schon nach allen Richtungen aus. gebeutet, sie befriedigen ihn nicht; ihn durchzuckt Weltenschmerz, er ist europamüde, sehnsüchtig, schwermüthig, unverstanden, unglücklich; er ist unzuftieden mit der Welt. Die Vernunft kann nicht abhelfen, sie ist ihm flach, kalt und hausbacken; er ist unzuftieden mü ihr. Wie der klassische nicht fetten eine äußerliche, trägt er eine innerliche Zerrissenheit zur Schau, und flüchtet endlich, wie auch christliche Genies seiner Art gethan, ins Mittelalter und zu den Spaniern; Piuttm, Selichoth und Kindth sind ihm das Einzige und Höchste; und wirklich, wie ließe sich die einfache Sprache und Dichtung der Psalmen z. B. zu dem sinnverwirrenden dem Arabischen nachgeblldeten Geklingel iener mittelalterlichen spanischen Schule vergleichen? Hier ist nach ihm ächte Poesie zu finden, und allein in Beziehung zu ihr steht ihm die wahre Gelehrsamkeit. Auszumitteln wo, wann, von wem ein Gebetstück verfaßt worden, ist nach ihm höchste und würdigste Aufgabe des Lebens; was seinem klassischen Collegen dogmatische, find ihm literarhistorische Studien, wie jener zuweilen religiöser, ist er zugleich wissenschaftlicher Fanatiker; beide haben sich Lehrgebäude gezimmert, und sagen: unser Lehrgebäude ist die Religion, „und wer es nicht annimmt, der hat keine Religion"; beide „verwechseln die Theologie mit der Religion, den Glauben mit der Annahme gewisser Lehrsätze." *) Der klassische hält so viel nicht von sich und seinem Stanve, er ist nachsichttg, nachgiebig, .umgänglich. Der Romanttsche hat, wie es in der Art liegt, eine hohe Meinung von sich, er ist Gelehrter mit dichterischem Anfluge, er weiß und begreift, dentt und fühlt anders wie andere, er vereinigt Geist und Gemüth, mit einem Worte, er ist genial, eigentlich anmaßend, vorlaut, hochftabend, unausstehlich; er würde vor dreißig Jahren Isidor geheißen haben, jetzt führt er einen alttestamentarischen oder auch mittelalterlich-jüdischen Namen. Der Klassische ist im jüdischen Leben vielfach verwendet und nützlich, er besucht over leitet Privat- Gottesdienste, bläst Schofar, schlägt Kapores, arrangirt das Lulab, ist Zeuge bei Trauungen, besorgt Almosen an Hausarme, macht Kiddusch und Haftolah rc. Der Romantische ist für das tägliche Leben unbrauchbar, dahingegen fabricirt er Zeitungs-Artikel und Gelegenheits-Schriften, besorgt Ausgaben und Uebersetzungcn. liefert Recensionen und Notizen rc. Des ersten Heimath ist insbesondere das Königreich Baiern; Letzter stammt aus Polen und hält sich im nördlichen Deutschland auf. Wiewohl lar tm Glauben, sind beide doch Reformen gleich abgeneigt, dahin abzielende Vereine, Genossenschaften sind ihnen ein Greuel, deren Mitglieder Pfuscher, Bönhasen, unberechtigtes, unwissendes Volk, aus Muthwillen oder Müsfiggang anderen ehrlichen Leuten dMWerliche und geistige Nahrung entziehen oder schmälern will. Den neuen Rabbinen haben sie Haß bis in den Tod geschworen, weil sie glauben,, daß sie von denselben am meisten zu fürchten haben; die Rabbiner-Versammlung verursacht ihnen Krämpfe. Doch sticht hier wieder der klassische durch seinen mehr scheinbaren als wirklichen Eifer vorthellhaft vom romantischen Bacher ab, ja es würde Ersten nichts kosten, nach Zeit und Umständen sich jenen Rabbinen anzuschließen. Wir beabsichtigen nicht Naturgeschichte zu schreiben, und skizziren die zum Geschlechte der Wiederkäuer gehörende Gattung nur oberflächlich, finden überdies in unserer Nähe kein Exemplar eines romantischen Bachers vor, weder lebend noch ausgestopft, sind jedoch so glücklich eine Adresse ausgeben zn können, wo ein lebendes Exemplar zu erfragen ist, nämlich bei einem Hrn. Lebrecht in Berlin, welcher versichert *), er kenne in dortiger Gemeinde „einen armen Menschen, der gern sein europamüdes Haupt und ein von Weltschmerz erfülltes Herz im Thale Iosafat niederlegen möchte." Dieser „arme Mensch" ist, wenn nicht alle Zeichen ttügen, ein solch lebendes Exemplar des romantischen Bachers. Derselbe Hr. Lebrecht macht uns bei derselben Gelegenheit auch mit dem Grunde des Zerwürfnisses zwischen Hrn. Sachs und Hrn. Oettinger dort bekannt. Hart oder weich, das ist die Frage. Erstem waren mehre Kinoth des Eleaser Khalir zu hart und er wollte sie aus der 3"n - Liturgie entfernt wissen. Letzter, scheint dafür kein Ohr zu haben, vielleicht auch zu denken, die Gemeinde verstehe im Allgemeinen kein Hebräisch, wer Kinoth singe, habe wohl seinen Grund dazu, auf die Worte komme daher nichts an, und er möge immerhin weiter fingen, wie von jeher gesungen *) Mich, Bekenntnisse, S. 47. *) Orient, 1845, Nr. 35.

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