Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1845)
- Date
- 1845-10-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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347 Zudenthum ist also durch die ganze Pen'ode des talmudischen Zudenthums unverändert geblisben und nur mit neuen Umzäunungen und Zuthaten versehen worden; cs bat sich nicht in naturgemäßer Entwickelung zu neuer Gestaltung erschlossen, sondern ist wie ein Felsen stehen geblieben, an den die Winde eine Unmasse von Staub angcwebr. Hieraus erhellt aber zur Genüge, daß alle neuern Rabbiner, welche einer Reform überhaupt zugelban sind, diese mag gemäßigt oder entschieden sein, in Wahrheit mit dem talmudischen Zudenthum gebrochen baden. Denn ob sie mit einem Male oder allmählig reformiren wollen, darauf kommt es nicht an, das Prinzip bleibt dasselbe und ist dem' talmudischen Prinzip, welches die ewige Stabilität des biblischen ZudenthwMDksthält und eine sogerrannte Entwickelung desselbciUR in immer weiter gehenden Umzäunungen und Erschwerungen gestattet, schnurstracks entgegen. Die Rabbiner aber, welche die Reform mit talmudischen Waffen vertheidigen, verfallen in denselben Fehler in Bezug auf den Talmud, den dieser in Bezug auf die Bibel sich bat zu Schulden kommen lassen: sie thun dem Talmud Zwang an und lassen ihn sagen, was seinem ganzen Wesen widerstrebt. Dies muß aber die ganze Reform in eine schiefe Stellung bringen, und es stellt sich immer klarer heraus, daß die wahrhafte Entwickelung des Zudenthums nur nach Abweisung des Talmuds in Bausch und Bogen vor sich gehen könne. Wenn wir übrigens von einer Fortentwickelung des biblischeu Zudenthums gesprochen, so sind wir hiermit noch nicht dem Frankfurter Reform-Berein beigetreten, welcher die Fortentwickelung des Mosaismus verlangt. Der Mosaismus liegt in der Bibel oder in dem Pentateuch. Die Bibel oder der Pentateuch ist aber nicht der Mosaismus, und es ist also eine Fortentwickelung des biblischen Zudenthums ohne die des Mosaismus wohl denkbar. Nachschrift: Am 20.Sept. hielt Hr. vr. Geiger seinen zweiten Vor» trag über die Verhandlungen der diesjährigen Rabbiner- Versammlung. Der große Saal war wieder stark gefüllt, und es hatten sich auch Frauen eingefunden. Wenn wir gegen den ersten Vortrag Vieles einzuwenden hatten, so können wir diesem zweiten unseren Beifall nicht versagen. Der Redner sprach über das dreitheilige 'Thema: die hebräische Sprache beim Gottesdienste, die Messiasidee und den Opfercultus. Ein gefälliger Redefluß, eine klare Auseinandersetzung und vor Allem die Bestimmtheit des Ausdrucks zeichnete den Vortrag vortheilhaft aus. In Bezug auf die letzteren zwei Punkte ist auch ein Opponent aufgetreten, dessen Einwand auf dem orthodoren Prinzip der unveränderlichen Gläubigkeit beruhete. Geiger suchte aber diesen Einwand durch die Bemerkung zu beseitigen, daß mit der Entfernung der den Opfercultus und die Wiederkehr nach Palästina betreffenden Gebetsformeln noch nicht der Unglaube an jene ausgesprochen sei. Geschichte des Tages. Per Klassische und der romantische Dächer. / (Frankfurt a. M. im Septbr.) Wie wir uns den „romantischen Bacher" denken, des wir schon mehrfach Erwähnung gethan? Das ist so leicht nicht zu sagen, da sein Wesen aus vielen, mitunter in ffch verschiedenen Bestanotheilen zuiammengefeyt ist, und das Bacherthum überhaupt sich so wenig beschreiben läßt als das Schlnmihlthum, der Bacher ist eben Bacher, wie der Schlumihl Schlumihl ist. Der romantische Bacher verhält sich zum gewöhnlichen, wir nennen ihn den klassischen Bacher, wie nach der Versicherung des Hrn. Oberrabbiners Frankel in Dresden, seine, des Hrn. Oberrabbiners, Ansicht vom jüdischen Glauben zu der des Hrn. Kirchenraths Maier in Stuttgard. Wie nämlich er den Glauben an den geoffenbarten Willen Gottes oben, Zeitgemäßheit und Bildung hinten anstellen, und Hrn. Maier im umgekehrten Verhältnisse wissen will *), so läßt der romantische Bacher die Lebensbedürfnisse mehr im Hintergründe, der klassische hingegen sie ganz im Vordergründe erscheinen. Merkwürdig genug erstreckt sich der heutige Zwiespalt im Zudenthum auch auf das. was man als jüdisches Wissen gelten lassen will, und selbst auf das Bacherthum. Dem polnisch-rabbinischen Zuven gilt nämlich die Kenntniß des Talmuds, seiner Commentatoren rc., als die eigentliche jüdische Wissenschaftlichkeit, alles andere, selbst die Bibel, ist ihm Nebensache, er verehrt feinen Lamdun wie der Beduine seinen Marabut, derselbe ist ihm Gelehrter und Heiliger zugleich. Der klassische Bacher kennt kein Zudenthum als das polnisch - rab- *) Frankel, Zeitschrift, Maiheft 1845, S. 174.