Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1845)
- Date
- 1845-10-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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341 deutsch: nur das Kadisch, das Schema, und der Pricsterfegcn sind hebräisch beibehaltcn; ebenso geschieht das einfache Verlesen aus der Thora im Original, jedoch begleitet von der Uebersetzung. — Das glückliche Gelingen des musikalischen Elements hat die Genossenschaft der Wahl des Componisten, Hrn. Julius Stern, zu verdanken, der mit einem unbeschreiblichen Eifer und mit wärmster Hingebung für die Sache in so kurzer Zeit den aus Männern und Frauen gebildeten Chor einübte und vortrefflich di» rigirte. Die Begleitung der Orgel verfehlte nicht ihren mächtigen erhebenden Eindruck auszuüben. Daß die Männer ohne Kopfbedeckung erschienen, wird Ihnen nach meinen ftühern Berichten nicht neu sein. Das Predigtamt verwaltete Hr. vr. Philippson aus Magdeburg; seine in Inhalt und Form vortrefflichen Predigten trafen die Saiten, welche in dieser Umgebung und unter diesen Umständen angeschlagen werden mußten. Namentlich erfreute sich die zweite Predigt, in der sich der Redner eines gewissen deklamatorischen Pathos, das zuerst an seinem Vortrag unangenehm auffiel, schon ganz enthielt, eines tiefen und allgemeinen Eindrucks. Sie werden mich sicherlich der Uebertreibung zeihen, wenn ich Ihnen die Stimmung schildere, die heute in und außerhalb der Genossenschaft über den Gottesdienst herrscht; aber ich kann Sie versichern, daß ich zu den kältesten Beobachtern gehöre und gewiß Nichts von eigner Begeisterung hinzuthue. Ich habe für das, was in den Gemüthern hier vorgeht, keinen bessern Vergleich, als den mit der Stimmung, die etwa nach einem großen nationalen Siege in einem Volke hervorbricht. Es ist, als hätte man einen Triumph gefeiert; die Gegner verstummen und müssen vor der Würde und der Hoheit des Erlebten ihre Fahnen beugen; die Freunde finken sich abwechselnd in die Arme und können ihren Gefühlen nur durch seelige Ausrufungen Luft machen. Die Gleichgültigsten, die seit dreißig Zähren kein Gotteshaus betreten, bekennen sich von der religiösen Anregung dem Glauben wiedergewonnen; Männer, deren Nachkommenschaft dem Judenthnme entzogen find, beklagen ihre voreilige Entfremdung und rufen: Hätten wir je ahnen können' daß es so werden würde! Familien, für die die heiligsten Feste keine Bedeutung mehr hatten, sind in eine feiertägliche Stimmung gezaubert, die sie niemals kannten; mit einem Worte, cs ist eine wahrhafte Revolution in der religiösen Empfindungswelt vorgegangen. — Die Theilnahme an dem Gottesdienst von Seiten der Nichtgcnossen steigerte sich mit jedem Tage, und während am Neujahrs- Feste schon gegen 600 Theilnehmer waren, wird man znm Versöhnungstage noch 100 neue Plätze in den Vorsälen des eben so einfach als geschmackvoll und angemessen eingerichteten Saales, arrangiren müssen, um allen Bestellungen zu genügen. Vor Allem habe ich meinerseits e ne wichtige Lehre aus diesem glänzenden Resultate eines, wie cs schien, gewagten Versuches entnommen, daß nichts so heilsam und so ersprießlich sei, als ein praktischer Schritt. Alles Theoretisiren bei Dingen, die im Prinzip längst entschieden find, führt in unendliche Breite, zerfasert und zersplittert das Interesse und erweckt am Ende Neberdrnß an dem ewigen leeren Stroh. Aber eine That, mag sie auch mit Mängeln behaftet sein, wirkt belebend und anregend; der Geist sättigt sich an der positiven Nahrung und bekommt Muth und Kraft zu neue» Schöpfungen. Hundert Generalversammlungen und Erörterungen hatten kein so enges Band um die hiesigen Reformgenossen geschlungen, als diese beiden Tage einer gemeinsamen erhebenden Gottesverehrung. „Grün nur ist des Lebens goldner Baum!" Mit meinem Nächsten werde ich Ihnen das Programm des Gottesdienstes mitthecken. Hamburger Zustände. Hamburg. Interessante Nachrichten aus Hamburg, mein Herr Redacteur! interessant, aber nicht angenehm; denn sie bestätigen das von Lessing ausgesprochene Wort, „daß Religion auch Partei sei und daß jeder nur der seinigen die Stange halte". Es haben es die öffentlichen Blätter bis Zum Ueberoruß wiedergekänet, daß die Genossenschaft für Reform im Iudenthum zu Berlin einen einstweiligen Festgottesdienst eingerichtet und die Absicht habe, d!e Direction des neuen Tempels in Hamburg zu ersuchen, ihren Predigern zu gestatt«, im dortigen, provisorisch eingerichteten Andachtssaale während des Neujahrs - und Bersöhnungsfestes abwechselnd predigen zu dürfen. Um einen weitläufigen Briefwechsel zu vermeiden kam Hr. vr. Stern selbst hierher, um mit der Direction und den Predigern den Gegenstand zu beseitigen. Daß die Basis des eingerichteten Gottesdienstes ein ächt-jüdischer sei, daß in den tbeils hebräischen, theils deutschen Gebeten die Grund lehren des Iudenthums wiederholt Vorkommen, als da find: l) die Lehre von einem einig-einzigen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde; 2) die Lehre von der Erwählung Israels zu einem Priester- und Bundesvolk dem die Aufgabe geworden, vie reine Gotteslehre zr^irhalten und durch Wort und Leben .unter die Völker der Erde Hr verbreiten, bis 3) Alle!ße 11 von GottesGrö ß e und Herrlichkeit erfüllt sein wird—bat vr. Stern Predigern und Direction mündlich und schriftlich dargelegt. Das Neujahrsfest selbst wird in eben diesen Gebeten und Andachten in ächt-jüdischer, ja man darf sagen in ächt-rabbinischer Weise aufgefaßt, als ein Tag der Erinnerung Dv) an die Schöpfung und Regierung der Welt, dergestalt daß auch hier, dem Geiste nach von dem alten Ritus keine