Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-10-19 · Heft 42 (19.10.1845) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 42 (19.10.1845)
Date
1845-10-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2566751-2566964-2567006--1661-2569461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

338 tat Bezügliche ist aus der Unterhaltung verbannt, ja man erschrickt, wenn dem Knaben ein hebräisches Wort im Gespräche entschlüpft; man legt keinen Werth auf einige Kenntniß des Hebräischen und lacht der vormals damit verbundnen Ehrentitel; man bedient sich im brieflichen Verkehr nicht einmal der hebräischen Schrift, vielweniger hebräischer Ausdrücke: was soll die Zugend, welche im 14. oder 15. Zahre aus der Schule in das Geschaftslebeu tritt, zur Aufmerksamkeit und zum Fleiße in einem Unterrichtsgegenstand anspornen, der weder als Kenntniß geachtet wird, noch im praktischen Berufsleben irgend eine Anwendung hat? Soll etwa der Sabbathgottesdienst, der Wunsch, die hebräischen Gebete zu verstehen, alle jene entschwundenen Antriebe ersetzen und die immer mehr erlöschende Lust wieder beleben? Wer Erfahrung im Schulwesen hat, weiß, daß selbst eine größere auf diesen Gegenstand verwendete Stundenzahl nur geringe Früchte trägt, und nicht genügend ist, das Verständniß dieser Sprache so geläufig zu machen, als erforderlich ist, um die Gebete mit einer innigen und wahren, nicht bloß mechanischen Andacht zu beten. Nun aber können, bei den Forderungen, welche unsere Zeit an die Schule macht, nur wenige Stunden auf das Hebräische verwendet werden, wenn die körperliche Erziehung der Jugend durch allzugroße Anstrengung nicht gefährdet werden soll: wie soll nun in dieser wenigen Zeit erreicht werden, was mit der fünffachen unter günstiger» Verhältnissen bei der Mehrheit nicht erzielt wurde? Selbst dann, wenn der Knabe sich in der Schule einige Kenntnisse darin erworben hat, wie bald gehen diese bis auf jede Spur verloren, da sie im Leben durch nichts dem Gedächtnisse zurückgerufen werden und selbst der Savbathgottesdienst von vielen nicht besucht wird. Und nun die weibliche Hälfte der Gemeinde, hat diese nicht gleichen Anspruch auf Berücksichtigung, wie die männliche? Gar sonderbar erscheint es, wenn einige verlangten, daß man zum Behufe des Gottesdienstes dieselbe in den hebräischen Gebeten unterrichten solle. Wie? Sollten Gebete in einer Sprache, von der man weiter nichts als die mechanisch eingelernten Gebete versteht, geeignet sein, die Andacht des Herzens zu erregen? Können Worte und Klänge, die dem Geiste so ganz und gar fremd sind, irgend einen Eindruck hervorbringen und muß ein solches Gebet nicht zu einer leeren Werkheiligkeit herabsinken? Aber der Schulunterricht im Hebräischen bringt, in unserer Zeit, nicht allein kein' Frucht, er ist der Religionskenntniß und, in Folge dessen, der Religiosität selbst nachtheilig. Dadurch daß man die Bibel in der hebräischen Sprache lehrt, kann in der diesem Gegenstände bestimmten Zeit nur ein kleiner Theil derselben gelehrt werden, und selbst von diesem geht, durch die Schwierigkeit des Verstehens und den langsamen Gang, den der Lehrer gehen muß, der Reiz und Eindruck des Anhalts dem Schüler zum Theile verloren, noch weniger kann er einzelne Stellen dem Gedächtnisse dauernd einprägen. Daher die Erscheinung, daß die meisten Israeliten mit dem alten Testamente weniger vertraut sind, als viele religiös-erzogene Christen und bei Diskussionen mit denselben deren Anwendung und Deutung vieler Stellen nichts entgegen zu setzen wissen. Würde man aber auch nur einen Theil der dem hebräischen Unterrichte gewidmeten Zeit auf das Lesen und die Erklärung der Bibel in der Muttersprache verwenden, so würden alle Theile, die sich für die Äugend eignen, derselben durch die bei leichtem Verständniß öftere Wiederholung dergestalt sich einprägen, daß der Kern der h. Schrift ihr ein bleibendes Eigenthum werden, und sie vielleicht auch nach dem Austritt aus der Schule zuweilen zu denselben greifen und ihnen eine Mußestunde widmen würden. Ob in der Uebersetzung diese und jene Stelle nicht ganz richtig wiedergegeben ist, darauf kommt es, bei dem Zwecke, der durch diesen Unterricht erreicht werden soll, gar nicht an; Inhalt und Geist des Ganzen und der schönsten, gehaltreichsten Stellen bleiben unverkümmert und wirken, was sie wirken sollen: Erweckung des religiösen Gefühls und Bekanntschaft mit den Grundlagen des'JudenthumS und mit der jüdischen Geschichte. Soll demnach der hebräische Unterricht aus dem Schulplane gänzlich ausgeschlossen werden? Keineswegs; er soll als fakultativer Unterrichtsgegenstand betrachtet und die Theilnahme an demselben der Bestimmung der Aeltern anheimgestellt werden. Dann werden die Stunden nur mit solchen Schülern besetzt sein, deren häusliche Verhältnisse dem Erfolge dieses Unterrichtes günstig gestaltet sind, welche Achtung und Liebe dafür mit m die Schule bringen und daher demselben auch größere Aufmerksamkeit zuwenden werden. Frankfurt a. M. im September 1845.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.