Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1845)
- Date
- 1845-10-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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334 feu Pflugschar des Hegelschcn Geistes manch tiefe Furche eingegrabeu ist. Mir selber war es sonderbar dabei zu Muthe; die alte Märchenlust meiner Kinderjahre kam wieder über mich, da ich mich unter meinen Spielgenossen auf der Treppe zur heiligen Lade zu lagern pflegte, und mein trunkenes Auge und meinen wundcrdurstigen Sinn hinaufrichtete zu dem fremden, weithergereisten Rabbi, der so viele süße Geheimnisse vom Herrgott und seinen lieben Engclen offenbarte, so viel wunderbare Geschichten und unterhaltende Anekdoten erzählte, und dem die Hunderte von Männern ringsherum andächtig lauschten, und mit ihren belebten bärtigen Gesichtern Beifall zunickten. Heut war cs wohl wieder dasselbe Rauschen und Rumoren, dasselbe Drängen und Poltern, jener eigenthümliche Geist der Unruhe, der in den alten Synagogen selbst in der heiligsten Stimmung umhersummte; in einem engen Kreise standen sie gedrängt um den schmächtigen lebhaft und aufgeregt sprechenden Mann; hie und da schimmerte sogar ein seidener Kaftan durch das Gedränge, oder es ragte eine Zobelmütze unter den Pariser Filzhüten hervor — aber weiß Gott, es war doch ganz anders als in dem Lande meiner Erinnerung. Auf den Mienen dieser Zuhörer hüpfte nicht jenes ahnende, rathende, ^ungeduldige Verstänvniß, sie zeigten nicht jene innere urplötzliche Auffassung und Aneignung des Gehörten; es waren meist stupide, gleichgültige, gähnende Gesichter , ohne Theilnahme, ohne Leben. Es war mir klar: sie verstehen ihn nicht. Und wären deren Legion, dachte ich, die sich um einen solchen Fahnenträger der alten dämmerseligen Zeit schaarten; der Sieg ist nicht mehr bei ihnen; sie verstehen nicht mehr das Wort ihrer Anführer. Man denke sich eine Menge, deren größter Theil, als der niedrigsten Bildungsschichte angehörig, das Hebräische nur aus den unverstandenen Gebeten, das Deutsche nur aus dem täglichen Verkehr kennt — und ihr gegenüber einen Prediger, der in einer geläufigen, aber gesuchten, von Abstraktionen, fremden Kunstausdrücken und bizarren Bildungen wimmelnden hochdeutschen Sprache redet, und diesen Grund seines Vortrags mit dem ewig regen Weberschifflein bunter Citate aus der Bibel, dem Talmud, dem Midrasch, den Piutim re. in der Ursprache, durchkreuzt so daß die Rede mit dem Fremdartigen nicht bloß durchwebt, sondern ganz besäet erscheint—und man wird zugeben, daß nicht wenig Kenntniß der Quellen nicht wenig geübte Fassungskraft dazu gehört, um nur mehr, als einen dunkeln Eindruckdavon zn tragen. — Dazu kommt der eigenthümliche Inhalt eines derartigen Vortrags, der genau genommen gar kein Inhalt ist; er läßt sich nicht fassen, nicht wiedergeben; er bildet eine bunte Reihe gelegcmücher Ge. danken an einem sehr lockern logischen Faden aufgezogen. Alles ist Remiuiscenz oder Citat; kein Gefühl, kein Gedanke tritt ursprünglich auf, wie er im Bewußtsein des Redners geboren ist, 'sondern maökirt in den ersten besten bunten Lappen aus den Quellen. Dabei sprudelt Herr Plessner von Bibel und Talmuv; und in jedem Satze kreuzen sich die Parenthesen, auf deren Klammern die armen hebräischen Sätze und Sprichwörter wie wimmelnd» Käfer aufgespicßt werden; so daß das Ganze wie eine Musterkart« buntscheckiger Arabesken erscheint. Die Diction, in deren Strom dieses wundersame pele-möle ausgenommen ist, braust bald in hochtönenden schallenden Phrasen wie ein wilder Walvbach über Gestein und Unebenheiten hinweg, bald versiegt sie im Sande vulgärer Redensarten unv Wendungen. — Charakteristisch für den Mann, in welchem sein Publikum sowohl einen Feinv der Reform, als der Sachs - Partei sieht, ist es, daß er durchaus nicht fanatisch, ja kaum polemisch gegen die hiesigen Zustände austritt. Er ist in der frommen Täuschung befangen, daß seine Zuhörerschaft eigentlich der Kern unv Grundstock der Gemeinde, und daß Berlin trotz alledem was hier sich Schreckliches ereignet hat, doch der Heerv der Frömmigkeit sei. Seine Erscheinung am hiesigen Orte hält er für eine hohe göttliche Sendung, von weltgeschichtlicher Bedeutung, die schon fest stand vor seiner Geburt, vielleicht vor Anbeginn aller Dinge. — Ueberhaupt führt der gute Mann Reven im Munde, die man bei einem nüchterueu Menschen für arrogant und hochmüthig halten müßte, die aber einem berauschten kabbalistischen Schwärmer nicht eben hoch anznrechnen find. — Pre Pfälzischen Aabbinen. ") (Kaiserslautern im September). Nro. 36. dieser Blätter bringt unter der Aufschrift, die Pfälzischen Rabbiner, einen dermaßen heftigen Artikel gegen diese, daß es um so mehr Ehrensache ist, berichtigend zu erwiedern, als derselbe, nach der Versi. cherung der Redaktion, von „ sehr achtbarer Hand " herrührt, wir denn auch allerdings die ganze Fassung des Artikels trotz der Schärfe deutlich erkennen läßt, daß es dem Verfasser um die Sache, und nicht um die Personen zu thnn ist. Wir werden daher mit aller Ruhe und Achtung demselben entgegentreten, zumal sämmtliche Anklagen theils auf Unbekanntschaft mit dem wirklichen Sachverhalt, theils auf Mißverständniß beruhen. Wir, die pfälzischen Rabbiner, sind mit Nichten „zusammengetreten" um von königlicher Negierung die Feststellung unserer Casualgefälle zn erbitten, sondern Hochdieselbe, die namentlich in der jüngsten Zeit mit d rnrenswerther Fürsorge auch die jüdischen Verhältnisse zu ordnen sich bestrebt, hat aus eignem Antriebe jeden *) Obgleich wir bereits den betr. Artikel des Hrn. Rabbiner Grünebaum ausgenommen, so konnten wir doch dem Verfasser des Vorstehenden um so weniger ein rechtfertigendes Wort versagen, als derselbe besonders in dieser Angelegenheit genannt worden ist. Red.