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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-10-12 · Heft 41 (12.10.1845) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 41 (12.10.1845)
Date
1845-10-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ssr lebte in demselben Sinne. Um den Schwachherzigen keinen Anstoß zu geben, erlaubte man sich, was gegen solche Satzung anstieß, nur hinter verschlossener Thüre. Nach Verlauf von mehreren Jahren erhielt dieser Theolog eine Stellung, lehrt gegenwärtig in dem Sinne, wie es seiner frühern Lebensweise gemäß ist, sprach sich in demselben Sinne in der Rabbiner-Versammlung aus, trat in demselben Sinne gegen die 77 auf. Der Schlächter hat zwar bis jetzt noch keinen Beweis geliefert, daß seitdem in ihm in Wahrheit eine Veränderung vorgegangen fei, aber findet jetzt fein Vergnügen darin, für frommgläubig zu gelten und fich als Patron dieser Richtung zu geriren, der es gleichgültig ist, von woher ihre gar arg gelichteten Reihen ein wenig ausgefüllt werden, die den Reuigen versöhnend ihre Reihen öffnet (vergl. den Schluß des Pamphlets der 77.), ob fie von Euznach oder Deutsch-Euz kommen."*) N. S. Uns ist die Adresse nun auch in der Leipziger Allg. Zeit, vom 23. d. zu Geficht gekommen, und wir finden dabei das Begleitungsschreiben des Hrn. Trier abgedruckt, in welchem man diesen von „seiner Gemeinde" reden, Hrn. Frankel als „Amtsbruder" begrüßen, und als „treuen Führer der Zweifelnden und Irrenden" bezeichnen läßt, während Hr. Trier weder Amt noch Gemeinde mehr hat, und seiner religiösen Uebrrzeugung nach Hrn. Frankel selbst den Irrenden und Zweifelnden beizählen muß. Es ist dies so arg, daß der sonst nicht sehr schüchterne Correspondent der Oberpostamts - Zeitung, welcher, beiläufig bemerkt, auch der der Leipziger Allg. Zeit..ist, doch Anstand nahm, hier, wo die Verhältnisse allgemein bekannt find, dieses Begleitungs - Schreiben zu veröffentlichen. (Schluß folgt). Pleßner. Berlin. Wenn ich mich nicht scheute, mit einem Gemeinplatz zu beginnen, so würde ich ansrufen: wie wahr ist doch das alte Sprichwort, daß fich die Extreme berühren! Ich hätte es wahrlich nicht geglaubt, daß man wie ich zwei Jahre lang in *) H. A. Adler, Prediger in Worms, den wir seitdem als einen der gefinnungvollsten, gelehrtesten unv tüchtigsten Mitglieder der hiefigen Rabbiner-Versammlung kennen gelernt, hatte eine Brochüre gegen die 77 veröffentlicht. Gegen diese Brochüre ließ Herr Kirchheim den „offenen Brief" drucken, dessen ein Correspondenz-Artikel aus Worms in Nr. 23 v. B. u. I. in nicht eben zarter Weise Erwähnung thut. Hierauf hat nun Herr A. Adler eine „offene Erwiderung" bekannt gemacht, welcher obige Geschichte entnommen ist. Die drei Brochüren find in einem Hefte in Mannheim bei I. Bensheim erschienen, unv können, besonders in dieser Zusammenstellung, als sehr interessant empfohlen werden. einer Gemeinde gelebt, und als pflichtgetreuer Correspondent seine Augen überall gehabt haben kann, ohne doch alle Elemente, die in derselben verborgen liegen, bis auf den Grund erschaut und gekannt zu haben! Und doch ging es mir so, und am jüngsten Sabbath habe ich mitten in dem großen bewegten Berlin eine neue zahlreiche Gemeinde entdeckt, eine Kolonie des Mittelalters, eine bunte wirre Heerde um einen wundersamen fremden Hirten. — Während das öffentliche Interesse fich um die große Reformfrage concentrirt, die hier ihrer Lösung entgegengeht, sammelt fich eine Schaar von Gläubigen und Stillen im Lande um einen schwärmerischen Apostel und lauscht selbstvergessen seinen mystischen Offenbarungen; während hier die Männer der Zeit an der Wiederherstellung der Religion im Lichte der vernünftigen Erkenntniß arbeiten , an neuen Formen für den Cultus, an dem Werke der Versöhnung zwischen Leben und Lehre regsam schaffen, predigt kaum eine Straße weit davon ein neuer Jonas, den der Wallfisch der Qeffemlichkeit eine Zeitlang verschlungen hatte, um ihn jetzt ans diesen Schauplatz plötzlich wieder auszuspeien, der großen Residenz Buße und Bekehrung von ihrem weltlichen Treiben. Wahrlich, als ich dastand und den frommen Propheten und feine Versammlung ansah, da dachte ich: O Berlin, du bist ja Ninive, die große Refivenz, drei Tagreisen lang, von der geschrieben steht, „daß sie mehr denn zwölfmal zehntausend Menschen hat, die nicht wissen weder rechts noch links und sehr vieles Vieh"! Vielleicht kennen meine Leser schon diesen Jonas, es ist Herr P l e s s n e r, der ehedem hier einen stillen Wirkungskreis hatte, und von dem vor Jahr unv Tag noch soviel die Rede war, als er fich um eine Stelle in Posen bewarb. Ob ihn der Herr hierher gesandt hat, um dem verderbten Ninive Büßpredigten zu halten, oder ob er nur gekommen, um die Schäden seines gescheiterten Schiffleins auszubeffern, das weiß ich nicht; aber dreimal hat er seine getreuen alten Anhänger um fich versammelt, um ihnen das Wort Gottes zu verkündigen *). Nur das letztem«! bei der Abschiedspredigt habe ich ihn gehört, und mehr gefunden als ich je hier zu sehen hoffte. Es lohnt sich schon der Mühe, dieser Geschichte eine Spalte zu opfern; wie es doch manchem deutschen Leser interessant sein mag, von einem ins Hochdeutsche übersetzten Magiv in Berlin etwas zu hören, von einem gühenden Kabbalisten auf einem Boden. dem von der schar- *) Es ist nicht uninteressant, daß Herr Plessner seine Borträge in demselben Hause gehalten hat, in welchem noch vor kurzem Dr. Stern wohnte, und wo also die merkwürdigen Vorlesungen über die Aufgabe des Judenthums das Licht der Welt erblickt haben. In demselben Hausraume, vielleicht gar in demselben Saale fand bisher der Gottesdienst der Altlutheraner statt. O Ninive! —

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