Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1845)
- Date
- 1845-10-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2567005--1652-2569451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
330 ursprünglich Einfachen, diese Lösung des Bewußtseins ist ja eben seine Entwickelung. Es mußte der kindlichnaive Glaube, der am Gängelbande des Rabbinismus einher ging und dabei sich so selig und sicher fühlte, aufhören und an seine Stelle ein freies männliches Bewußtsein treten. Es mußte die Einheit und der Friede, die aber, weil unvermittelt, es auch nicht waren, schwinden und einem höhern Frieden, und einer wahren Einheit , die nun erst durch Vermittelung und organische Durchdringung der Gegensätze erreicht werden kann, weichen. — Allein in dieser Getheiltheit der Zeit liegt nickt nur ein großer Fortschritt zur Wahrheit, sondern auch zur Freiheit, zur Glaubens- und Gewissens-Freiheit, oder vielmehr kein Fortschritt, keine Annäherung zu ihr, sondern sie selbst, der ganze tiefe Grund, die volle heilige Bürgschaft für ihre Gewährung. Solange nämlich das Bewußtsein in der Zudenheil noch ein ganz einiges war, solange es mit einer Gläubigkeit, die auch nicht die leiseste Ahnung eines Zweifels auftommen ließ, an der überkommenen Lebre bürg, mußte es jede abweichende Ansicht, als eine ungläubige und gottlose verdammen; jetzt aber, wo die verschiedensten Richtungen neben einander bestehen, wo Niemand, auch die Orthodorie nicht, dem früheren Standpunkt treu geblieben (denn sie verpönt ja nicht mehr weltliche Wissenschaften, Bürgerthum, überhaupt moderne Bildung, was sie doch früher gethan) wer wollte da sprechen: Bis hierher und nicht weiter: wer wollte da nur für seine Richtung das Recht des Besteheus fordern , wer da nicht vielmehr dem individuellen Rechte, dem weitern Forschen des Meuschengeistes, mit einem Worte der Glaubensnnd Gewissensfreiheit im edelsten und vollsten Sinne ihren Anspruch einräumen? Zn der Christenheit war mit der Reformation dieses Recht angebahnt worden, aber es dauerte lange, bis es zur vollen Geltung gelangte. Erst der Arianismus hatte eine lebendige Idee davon, und forderte, daß man ohne Unterschied des Glaubens alle diejenigen in der äußern christlichen Gemeinschaft belasse, die unbescholten lebten und auf diese Weise vom christlichen Geiste getrieben sich zeigten. Ihm traten bald die erleuchteten Theologen Englands und Frankreichs bei, und in Deutschland war es schon das vorige Jahrhundert, in welchem die große Lehre der Glaubens - und Gewissensfreiheit bei allen rationellen Theologen Anerkennung fand, so daß Semlrr den kirchlichen Vorstellungen nur eine Bedeutung für die kirchliche Gesellschaft, für die nothwendige Gleichförmigkeit, die in öffentlichen Gebeten, Gesängen und Glaubensbekenntnissen herrschen mußte, einräumt. In der Synagoge wurden auch bald' die dreizehn Glaubensartikel des Maimonides reducirt, und schon Aben Esrah stellt in seinem Jesvd Moreh die Ansicht ans, daß nur die dem Herzen eingepflanzte Vorschriften Grundgebote seien. Gebote, — fügt er höchst freisinnig hinzu, — waren auch durch die Vernunft bekannt, bevor die Thora durch Moses gegeben wurde und sie wurden nur durch Moses wiederholt. "Von einer gleichenAuffassung gehtMendelssohn in seiner bekannten Erklärung der ewigen Wahrheiten, die Gott allen vernünftigen Menschen ins Herz geschrieben, und welche die mosaische Religion nur erneuert habe, aus; es ist aber mehr als wahrscheinlich, daß hierin, wie in der Ansicht vom Ceremonialgesetz, welches er nur als eine Abwehr des Anthropomorphismus und Polytheismus betrachtete *), schon die Ueberzeugung unseres großen Weisen von dem durchaus freien und vernünftigen Wesen des Zudenthums und von seiner ewigen Zeugungskraft und Fortbildungsfähigkeit sich aussprach, in dem Sinne nämlich, daß dem immer weiter forschenden, immer mehr sich entwickelnden Menschengeiste auch der innerste Kern der Schrift, ihr tiefster und größter Gehalt sich immer mehr erschließen, sich, immer vollkommener offenbaren werde. Mögen das die Leiter der neuesten Reformbewegung (wir meinen der in Berlin erfolgten) beherzigen; Es giebt sich in demAuftrcten derselben, wie in ibrerAbsichr, sich über ein positives Bekenntniß des Zudenthums zu vereinigen, etwas recht Erfreuliches kund. Auch wird es nicht schwer halten, ein solches zu gewinnen, wenn man dasselbe auf das anerkannt Characteristische des Zudenthums beschränkt, aufseine Lehre von einem einigen und heiligen Gott, der in und durch Israel sich verherrlichen will, und dem wir uns durch tugendhafte Gesinnung wie durch Gebet und Feier der an ihn und an unsere Erwählung erinnernden Zeiten (Sabbath und Festtage) nähern sollen. Aber man erkläre bei Aufstellung eines solchen Bekenntnisses ausdrücklich, daß man demselben keinen ausschließenden Character beilege, sondern es viel- *) Siehe den Brief Mendelssohns an Herz Homburg in Nro. 4 dieser Blätter.