Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1845)
- Date
- 1845-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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vermeiden wollten. Denn daß für diese halbe Maßregel nicht einmal alle orthodoxen Herzen der Gemeinde schlagen, zeigt die Wirkung dieses Rundschreibens offenbar. Es giebt nur eine Partei, und fie ist wahrlich, nicht geringer, als die der Reform, welche sich fester um das alte Rabbinat schaart, und entschieden gegen jeden Berbesserungsversuch in der Synagoge protestirt. Und zu derselben gehören nicht nur die krassen ungebildeten Anhänger alles Neberkommenen, die auf die Worte ihrer Repräsentanten blindlings schwören, sondern auch alle Indifferenten, die gar nichts wollen, und jene, nirgends fehlende Fraktion geborener Opponenten und Bes« sermacher. die an Allem zu mäckeln und zu nergcln haben, und die mit einem gewissen Anschein von Bildung mit Gründen für und rvider Alles bei der Hand sind; hier wollten sie ein festes Prinzip, dort wieder keines. Hier loben fie die Consequenz, dort tadeln sic dieselbe; hier soll das Leben entscheiden, dort die Schrift: Nichts und Alles ist ihnen reckt, je nachdem es in ihren Kram paßt. Dieser Leute giebt es hier nicht wenige, und während sie die Entschiedenheit des Reformvcrems eifrig verdammen, und ihm gegenüber den mäßigen Fortschritt anpreisen; erheben sie jetzt wieder die feste Consequenz des Rabbinats, das sich zu keinerlei Concesfionen versteht, und von seinem Boden auch nicht einen Finger breit abtrttt. — Also der Vorstand ist so weit entfernt Spaltungen zu vermeiden, daß sein akldrkennungswerthes, aber unfruchtbares Bestreben vielmehr neue Spaltungen erzeugt; so daß in diesem Augenblick drei Fraktionen in derGemeinde bestehen. Aber, das sollte man doch aus der Geschichte unserer Tage schon gelernt haben, daß Spaltungen unvermeidlich sind, wo zwei Principien in Reibung gerathen; und daß das Nothmittel des Zurte-mMeu, eben nichts thut als eine neue Partei erschaffen, statt die alten zu verschmelzen , abgesehen davon, daß das juste-milieu immer eine Halbheit und Principlofigkeit darstellt. Das zuste-miUeu mag sich nur getrost aufgeben, und mit der Seite verschmelzen, zu der es offenbar innerlichst am Meisten hinneigt, und deren Princip es, wenn auch noch nicht in allen Consequenzen, schon anerkennt. Nur so wird die äußerste Fortschrittpartei in ihrer scharfen Entschiedenheit gemildert: nur so werden alle andere bedenklichen Spaltungen vermieden, außer der einzigen, die in der Natur jedes Ideenkampfes liegt, und die sich durch alle diplomatischen Ausgleichungsversuche nun und nimmermehr beseitigen läßt. — Per Wtriburger Neligionsfreuad überdie Juden. (Aus Baiern im September.) Wenn ich Ihnen, werthe» ster Herr Redacteur, seit langer Zeit von hier nichts mitgetheilt habe, so wollen sie mich entschuldigen und Ihre Leser werden es von selbst, denn gewohnt nur unangenehme Nachrichten unv Ieremiaden zu vernehmen, wird eS Ihnen gar nicht leid thun, wenn ich schweige. So lange nur Unangenehmes zu berichten war, schwieg ich wirklich, aber wenn das Unangenehme in's Stadium des Schmerzlichen Übertritt, dann wird Mittheilung Bedürfnis und Pflicht. Das ewige Aechzen und Klagen des Patienten über seine Leiden erregt allmählig Ungeduld und macht überdrüssig, aber wenn die Umgebung seinen Schmerz vergrößert, seine Leiden statt zu mildem erhöhen will, dann wird jeder mitfühlende Menschenfreund nachsichtsvoll ihn anhören, wenn er auch nicht helfen kann, wird ihm wenigstens die Erleichterung gönnen, seinem gepreßten Herzen Lust zu machen. In dieser traurigen Lage befinden wir uns. Daß man den Fortschritt hemmen will, daß die baierischen Rabbiner in der Rabbiner-Versammlung nicht Antheil nehmen durften, daß für diese nicht einmal gesammelt werden darf, daß unsere Zeloten sich ein immer größeres Terrain verschaffen, dem Indifferentismus immer mehr in die Hände arbeiten, das alles ist unangenehm, für den aufrichtigen Freund des Iudenthums seht unangenehm. Aber wenn dieser Fortschritt nicht blos bekämpft, sondem sogar zum Vorwände oder als eine Gelegenheit vom Zaune gebrochen wird, um uns mit jenen Vorwürfen zu belasten, die der Fortschritt beseitigen will, wenn Diener der Kirche verrostete Waffen unsinniger Beschuldigungen hervorsuchen, um uns beim Staate zu verdächtigen und gegen das Bott aufzureizen, wenn man sich nicht scheut, in einem theologischen Blatte die abgeschmacktesten Lügen und verruchteste Lehrsätze als im Iudenthume vorhanden und unbestritten aufzutischen, und in einem Blatte, welches gegen jeden Fortschritt im Iudenthum eifert, mit aller Kraft die wissenschaftliche Bildung der jüdischen Theologen hemmen will: dann ist es schmerzlich und wird einem fast ängstlich zu Muthe. Sie lesen wahrscheinlich den zu Würzburg erscheinenden Religions- und Kirchensteund von Saffenreuter nicht. Ich habe leider die ttaurige Pflicht, es thun zu müssen, weil ich es für nöthig erachte, solche Gegner doch etwas zu überwachen, welchen der Zweck das Mittel heiligt, um, soweit es angeht, ihre schlechten Absichten zu veretteln. Zn diesem Blatte, das schon mehrmals Beweise der judenfeindlichen Gesinnung seines Nedacteurs an den Tag gelegt, wird Rro. 43 des bekannten Broschürchens eines Rabbinatskandidaten: „Eine deutsch-jüdische Kirche — die nächste Aufgabe unserer Zeit" zur Sprache gebracht. Von der Neberschrist „Deutsch-Jüdisch "das den Herausgeber an die deutsch-katholische Bewegung erinnerte, und noch mehr von den ersten Zeilen, die derselben erwähnen, wird er so schmerzlich ergriffen, fühlt er sich sotief verwundet, daß er in seinem wüthigen Zorne Juden und Zu-