Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1845)
- Date
- 1845-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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LSS Geschichte des Tages. F> Pie Urformen in ver Berliner Synagoge. Q Berlin. Ich habe Ihnen heute über ein äußerst interessantes Aktenstück zu berichten, das einen offiziellen Charakter hat, und daher über die religiösen Zustände der hiesigen Gemeinde eine ganz zuverlässige Auskunft giebt. Es ist dies nämlich ein Rundschreiben der Aeltesten und Vorsteher der Zudenschaft an sämmtliche beitragenve Mitglieder der Gemeinde, das nicht nur von den bedenklichen Reibungen innerhalb der nicht rcformatorischen, konservativen Partei, an deren Spitze bekanntlich der Vorstand selber steht, Zeugniß ablegt, sondern auch alles dasjenige vollkommen bestätigt, was ich Ihnen zeither über die ohnmächtigen Verbesserungsversuche des Herrn vr. Sachs, so wie über seine peinlich-delicate Stellung zu seinen Herren Collegen Oettinger und Nosenstein berichtet habe. Der Inhalt dieses einen Druckbogen starken Rundschreibens dem auch Auszüge aus einem Bericht des Hrn. vr. Sachs über vorzunehmende Cultusreformen, sowie die abschlägigen Resolute der andern Rabbinatsmitglieder beigefügt find, ist etwa folgender. Schon am 11. November 1843 forderte der Vorstand den vr. Sachs auf, eine motivirte Ansicht über einzuführende gottesdienstliche Verbesserungen abzugeben. Hierauferfogte am 2. Dezember ein Gutachten welches sich über die Herstellung des äußerlichen Anstandes im Gotteshanse, über Gesang und Vortrag ver Gebete durch Vorsänger und Chor, und über die Weglassung gewisser Gebete verbreitet. Gestützt auf dieses Gutachten wendete sich der Vorstand einerseits an die Herrn Nabbinatsassessoren um ihre Mitwirkung zur Einführung jener Reformen zu erbeten, andrerseits, setzte er eine Commission nieder um die wegen der neuen musikalischen Einrichtungen nothwendigen Büdgetpofitionen festzustellen und resp. zu bewilligen. — Die Herrn Nabbinatsassessoren aber sprachen sich entschieden gegen die Zweckmäßigkeit einer Cultusverbesserung aus, „weil dann dem Unwissenden, dem die Beurtheilung des Wesentlichen und Unwesentlichen mangelt, nichts mehr heilig bleiben würde, weil dadurch den unbefugten Lehrern, die keine Autorität achten, Anleitung gegeben werde, sich durch willkührliche Neuerungen bei ihren Gemeinden geltend zu machen rc." — Ebensowenig bewilligte die niedergesetzte Commission aus der Gemeinde alle Geldforderungen der Aeltesten, indem sie wohl den Zahrgehalt eines zweiten Vorsängers so wie 1200 Rthlr. für die Ausstattung und Erhaltung eines Chors annahm, dagegen eine Summe von 2500 Rthlr. zum Bau von Galerien für den Chor verweigerte. — Nichts desto weniger setzten die Aeltesten ihre Bemühungen fort: sie nahmen im Mai d. Z. zwei neue Entwürfe des Hrn. vr. Sachs ent gegen, eine Gebetorvnung, und Festsetzungen über die äußere Orvnung in der Synagoge. Was die erste betrifft, so erfahren wir daß der „ Kern der Liturgie " die s. g. , in der gesetzlich normirten Form unv Zahl nicht angetastet werden, daß jevoch in Beziehung auf die übrigen Bestandtheile des Gottesdienstes ein freieres Schalten gestattet sein und sogar einigen deutschen Elementen derZugang geöffnet werden sollte.— Auch die Sachs'sche Gebetordnung wurde den Nabbinatsassessoren vorgelegt, unv von diesen peremtorisch verworfen; die Belege ihres deßfallsigen Bescheides habe ich Zhnen bereits in einein meiner letzten Briefe (Nr. 35.) mitgetheilt. An diese Geschichtserklärung schließt sich nun die Erklärung der Aeltesten, „daß die Entscheidung der Rabbinatsassessoren, welche, wenn sie als Princip gelten sollte, die Möglichkeit einer Entwicklung gegebener Zustände geradezu in Abrede stellt, so sehr mit aller Erfahrung in Widerspruch steht, daß sie die (Aeltesten) sich im Verttauen auf die Unterstützung der Gemeinde nicht abhalten lassen können, ihr Ziel weiter zu verfolgen und Maßregeln zu ergreifen, von denen sie sich einen gedeihlichen Erfolg versprechen dürfen. Indem sie sich hierüber anderweitige öffentliche Mittheilungen Vorbehalten , tragen sie keine Scheu es auszusprechen, daß nur die baldige Regelung des Gottesdienstes die GeMinde vor bedenklicher Spaltung zu wahren vermag." — Wenn dieser letzte Passus auf die Reformgcnoffenschaft sich beziehen sollte, so klingt er, Angesichts der nun unerschütterlichen Thatsache der Reform, ein wenig naiv; ganz abgesehen davon, daß durch alle diese an unv für sich höchst achtbare Bestrebungen der Aeltesten unv des Hern. vr. Sachs, selbst wenn sie ungehindert sich realifiren sollten, das innere, tiefere Resormbedürfniß, das in der Zeit liegt, unv von der hiesigen Genossenschaft ausgesprochen worden ist, nicht im Entferntesten befriedigt werden könnte. Sehen wir nämlich den mitgetheilten Bericht des Hrn vr. Sachs an, so spricht sich darin nirgends die Spur eines Princips aus, worauf sich eine Reform des Cultus seinem Znhalte unv seiner Zdee nach bauen ließe; es lauft alles auf die ästhetische Form hinaus, die allerdings nicht unwesentlich, aber immer doch nur ein Aeußerliches ist. Ob die Bitte um Rückkehr nach Palästina, und Wiederherstellung des blutigen Opferdienstes von der ganzen Gesammtheit, „mit ohrzerreißendem, verstanvwidrigen Durcheinanderschreien" (wie Herr vr. Sachs mit Recht sagt,) gebrüllt, oder von einen gut erercirten Chor gesungen wirr, ist für das heutige reformatorische Bewußtsein ganz gleichgültig. Die ehrenwerthen Aeltesten, die den Weg der Oeffemlichkeit gewählt haben, um sich von dem Borwurf des völligen Znvifferentismus für die Sache des Fortschritts zu reinigen, sollten die Sach? etwas tiefer nehmen, wenn sie bedenkliche Spaltungen in der That