Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1845)
- Date
- 1845-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2567003--1638-2569435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hungen 1× ep/1044798
OCR text
318 £ere Norhwcndigkeit zur Verständigung mit der gesummten Körperschaft kann aber niemals vorhanden sein als jetzt. Es ist nicht zu zweifeln, daß die Majorität der General-Versammlung im Sinne der Bevollmächtigrcn die Fragen entscheiden werde, und sollte sie dies in Beziehung auf die eine oder die andere nicht — nun so ist es eben ras Bewußtsein der Majorität, die etwas zurückweist, was man ihr darum nicht gewaltsam octroyiren sollte. Es ist gefährlich, in einer Zeit, die zu kleinlichen Spaltungen und Nüancirungen, selbst innerhalb einer schon bestehenden Fraction, geneigt ist, den Willen der Gesammtheit auch nur einen Augenblick aus den Augen zu verlieren, oder dem freigeworrnen Bewußtsein, das eben darin seine Stärke fühlt, daß es ein Joch abgeworfcn, und seine eigne geistige Autonomie zum Gesetz erhoben hat, auf's Neue widerstrebende Satzungen aufzuerlegen. Wir hoffen, daß die Dünsche derjenigen unter den Bevollmächtigten die Hand in Hand mit rer Gesammtheit zum Ziele wollen, ras Uebergewicht haben werden!— Während hier die einsichtigen Männer aller Farben in der Flucht Frankels aus der Rabbiner-Versammlung eine tactlose Renommisterei erblicken, werden ihm aus allen Winkeln des Herzogthums Posen sogenannte Adressen zugeschickt. Auch Breslau, auch Stettin gehört zu diesen Winkeln? wird man ungläubig fragen. Wer's nicht ein wenig tiefer wüßteMan muß diese Verhältnisse in ihrer ganzen Erbärmlichkeit kennen, u:n mit Hrn. Dr. Frankel, der bei allerem doch ein ernster tüchtiger Gelehrter ist, einen Jammer zu empfinden, wie sehr er erniedrigt wird durch den feuerspeienden Schwell von Zeloten, die sich an ihn, wie an einen Stern anhefteu, um gemeinsam mit ihm am Glaubcnshimmel zu leuchten^ Sie sehen, ich verfalle selbst in den bombastischen Styl jener welthiftorlschcn Documcnie, deren Archiv der „Orient" ist.— Wer rikrirt die Adresse in Sienin? Einer der sich gelegentlich nur für eine günstige Reccnsion seiner Predigten beranken will. Wer in Breslau, oder vielmehr in den polnischen Colonien im goldn e n H i r s ch; l und in der Fcchtschule daselbst? ein anmaßender Candirar, der nach einem Rabbinat und einer Empfehlung dazu Hungen. Und darauf antwortet Herr vr. Frankel! Und wie antwortet er?: „es stürmen von innen-Feinde gegen den Glauben, unv laßt man kein Mittel unversucht, uns unser -hohes Gut geringschätzig, verächtlich zu machen, man ist bestrebt ihn her abzuwürdigen, ihn vor de.n Augen der Außenwelr als lächerlich darzustellen, auf ihn Haß und Verachtung herbrizuziehcn :c. re. — Wie, Herr Frankel, das wollten wir, die wir gerate alles das, was uns Jahrtausende lang, verhaßt, verachtet, und lächerlich gemacht hat, als dem Wesen und Kern unseres Glaubens fremd, answeisen wollen; die wir die verloren gegangene Würde und Achtung dem Judenthume durch gesittete und. edlere Formen wiedererobern wollen; wahrlich wenn wir Alles das wollten, was Sie uns znmuthen, wir brauchten nur die Hände in den Schooß zu legen, und so zu sein, wie Ihre Verehrer; wir brauchten nur alles stehen und liegen zu lassen, wie es seit Jahrtausend verfault und vermodert da ist, — und mit jedem Schritte den das Jahrhundert seiner großen Aufgabe entgegenrückte, erschiene das Judenthum kleiner, lächerlicher, verachteter unv verhaßter. Dieses Ziel könnten wir also billiger und bequemer erreichen; wir könnten es unablässig still verfolgen, und dabei geehrt und beadressirt auf dem rechtgläubigsten Rabbinerstuhl in Deutschland sitzen. — O! Sie mögen es selber fühlen, wie falsch und ungerecht Ihre Stellung zu den Vertretern des Fortschritts ist; und wenn Ihr Sinn nicht gar zu lüstern ist, nach falschen Lorbeeren die so tief wie Nesseln unter Ihren Füßen wachsen, so muß er Ihrem Ehrgefühl gar saueren Schweiß kosten, der Bruderkuß den Sie den feinen und den groben Heuchlern in Stettin und in Breslau, den Tartüffe's in Glacehandschuhen und den Tartüffe's in Büffelleder zu reichen verdammt sind. Wenn Ihr Verfahren einer Strafe würdig ist, wahrlich dann ist eö bestraft genug!- Jüdische Zustände in Hamburg. (Schluß.) Ucber unser Schulwesen habe ich Ihnen auch Notizen versprochen. Da sind sie! Im Vergleich mit unfern Synagogen-Zustanden kann unser jüd. Schulwesen — ercellent genannt werden. Und wenn auch an Herrn Bernays Pädagogik eben so viel auszusetzen sein mag, wie an seiner Theologie; so hat doch die unter seiner Leitung stehende sogenannte Talmud-Thora oder Armen-Schule bedeutend gewonnen und den Character einer organisirten Schulanstalt für die gewöhnliche Volksklaffe angenommen. Der Unterricht in deutscher Sprache unv Styl wird nach einer guten Methode ertheilt; in den Realwissenschaftcn machen die Knaben, für den Kleinhandel und Handwerke gebildet, merkliche Fortschritte; die Bibel wird, wenn auch nach der traditionellen Auffassungswdise, doch in einer guten Verdolmetschung verständlich, wenn auch nicht ganz verständig vorgetragen; vabei wird auf Anstand und Sitte geachtet und auch auf das äußere Betragen mehr oder weniger Werth geletzt > je nachdem die Schüler und deren Eltern Empfänglichkeit Mlfür zeigen. An einem systematischen R e l i g i o n s u n t e r r icht, wie er sich in den letzten Decennien in vielen jüd. Schulen ^Geltung verschafft, ist in der genannten! Anstalt freilich nicht zu denken, da nach dem Geiste, der die Lehrer