Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1845)
- Date
- 1845-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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31* im Sanhedrin nach der Majorität beschlossen und hatten sich die Minorität und die Gemeinden nach derselben zu richten. Nun erzählt die Beraitha in Megilat Taanis, Kap. 9. daß zur Zeit des Alexander Jannäus (80 v. CH.) nur Sadduzäer und kein Rabbinit mit Ausnabme des R. Schimeon ben Schetach in diesem Institut Sitz gehabt haben, daß es diesem aber durch die Diskussion gelungen sei, jene nach und nach alle aus dem Sanhedrin hinaus zu debattiren. Und doch war gewiß nach der Ueberzeugung dieses ausgezeichneten Mannes, wie auch nach der unseren, das Prinzip dieser Sadduzäer ein zerstörendes, da nach ihnen das Zuventhum keiner Fortentwickelung fähig ist. Wir möchten wissen, ob Herr vr. Frankel in diesem Institute erschienen wäre! Wohl uns, daß er nicht an der Stelle des ausgezeichneten R. Schimeon gewesen: er hätte die Sadduzäer nicht hinausgetriebcn! (Schluß folgt). Geschichte des Tages. Die Derliner Synagoge; der Gottesdienst der Neformgenossenschafr. Frankel. £)> Berlin. Es ist mir sehr schmerzlich mich selber Lügen strafen zu müssen und meine eignen Berichte nachträglich zu berichtigen. Ich habe Ihnen in meines Herzens Einfalt erzählt (No. 35), daß die Feier des neunten Ab in der hiesigen Gemeindesynagoge in mild reformirter Weise vor sich gegangen sei, daß man die Kinoth bis auf sechs rrdueirt k. — und ich habe vor den Augen von Israel etwas gesagt, was ich nicht verantworten kann. Pater peccavi! ich klopfe mir reuig die Brust und gestehe, ich habe, unwissentlich zwar, doch unbedacht, die jungfräuliche Unbeflccktheit der hiesigen Orthodoxie angetastet. Nichts ist geändert worden; auch nicht ein Seufzer weniger ist über die zerstörte Herrlichkeit Ieruschalajims ausgestoßen worden, auch nicht eine Passionsblume hat in dem welken Kranze der Kinnthlitanei gefehlt, mit dem die jungfräuliche Tochter Zion nun schon zwei Zahrtaufende ihr Haupt verunziert. Es blieb alles-, wie es von Nralters her gewesen iß, und Herr vr. Sachs war^gezwungen aus der Synagoge fortznbleiben und in einem Privatgottesdienst seine Reform zu probireu. — Weil ich gerade von Reform des Gottesdienstes spreche, so darf ich nicht vergessen Ihnen die Mittheilnng zu machen, daß die Bevollmächtigten der hiesigen Reformgenossenschaft seit mehreren Wochen unausgesetzt mit der Einrichtung einer gottesdienstlichen Feier für die bevorstehenden Feste beschäftigt sind. Dieser Gottesdienst, der nur dem dringenden Bedürfniß derjenigen Mitglieder seine Entstehung verdankt, die in keinerlei Weise in der alten Liturgie ihre Befriedigung mehr finden können, und die wichtigen Feste nicht ohne religiöse Erhebung und Andacht zubringen wollen; — dieser Gottesdienst soll keine definitive für die Zukunft der Genossenschaft normirende Gestalt, sondern nur einen provisorischen Charakter haben. Die Berathungen über denselben, denen ich zum Theil beizuwohnen Gelegenheit hatte, wurden mit einem Eifer, einem religiösen Ernst und einer besonnenen Gründlichkeit gepflogen, die den Feinden der Reform selbst Achtung einflößen mußten; zu einigen Sitzungen wurden auch die hier eben anwesenden Rabbiner, Doctoren Geiger, Hirsch, Frankfurter. Salomon zugezogen, und dieselben haben nicht unterlassen, ihre Ansichten über die eben debattirten Punkte auszusprechen. — Es find besonders fünf Hauptfragen, um die sich die Debatte dreht, und die bis jetzt, innerhalb des Plenum der Bevollmächtigten auch schon zur Entscheidung gekommen sind. Es find dies: das deutsche Gebet, die Orgel, die Kopfbedeckung, die Weglassung des Schofar und die Pause-vn Zomkippur-Gottesdienst. Die ersten beiden Punkte, als durch die Autorität der Rabbiner-Versammlung hinlänglich erledigt, fanden keinen Anstoß, eben so wenig der dritte; die Entblößung des Hauptes bei feierlichen Gelegenheiten wurzelt so sehr in der germanischen Sitte und dem Anstandsgefühle, daß selbst die conservativsten Glieder, die z. B. gegen die Pause am Ven'öhnungstage mit Leib und Leben kämpften, keinen Anstand nahmen, ihre Einführung ohne Vorbehalt zu votiren. Dagegen, wie gesagt, fanden der vierte und fünfte Punkt manchen Widerstand. Zn Beziehung auf den Schofar ist es die Ansicht der Majorität, die sich gegen denselben erklärte, daß er allerdings ein biblisches Gebot sei, aber durchaus nicht ein wesentlich integrirendes Moment des Gottesdienstes; er müsse daher der Privatandacht überlassen bleiben. — Der letzte Punkt wurde endlich dahin erledigt, daß eine dreistündige Pause zwischen dem Morgen- und Nachmittagsdienst stattfinden solle, während welcher jedoch nicht das Bethaus geschlossen werde, sondern für gemeinsame Andachtsübungen der etwa Zurückbleibenden offen stehe. -Es ist zweifelhaft, ob die Bevollmächtigten diese Gottesdienstangelegenheit noch vor die General - Versammlung bringen werden. Wir fürchten, daß es nicht geschehen werde; und können es nicht verhehlen, daß dadurch die gerechte und allgemeine Anforderung der Gcsammtheit auf unbillige Weise verletzt würde. Das Statut macht es zur Pflicht, die Generalversammlung zu berufen so oft es die Umstände für nothwendig erscheinen lassen: eine grö-