Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1845)
- Date
- 1845-09-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2567003--1636-2569433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
310 ohne daß sie es selbst weiß: so kann ich ihm die Versicherung geben, daß auch nach der Ansicht der Majorität sein Prinzip ein zerstörendes ist, und daß sie nur in ihrem Prinzip die Erhaltung, resp. die Wiederbelebung des religiösen Lebens gesichert sieht, ja daß die Majorität größtentheils den Grund des Jndifferentismus und der Lossagung so vieler Glaubensgenossen von der religiösen Gemeinschaft in der Stabilität und dem Liebäugeln mit derselben jaauch in dem nnconsequenten und darum kraftuud machtlosen nackten Vermittlungsprinzip findet. Und dennoch wünscht dieselbe, daß alle stabilen Rabbiner an der Versammlung theilnehmen, — so wie auch ich darum sehr gebeten habe, daß Herr Rabbiner Stein Herrn vr. Frankel noch besonders schriftlich einlade, — weil sic das Zutrauen zur Wahrheit har, daß sie sich durchsetze, und um diese allein es ihr zu thuu ist. Ich weiß überhaupt nicht, wie irgendwo, wo ein Prinzipien - Streit, ja wo überhaupt ein wlssenschaftlicher Streit ist, der Gegner in dem was gegen seine Ueberzcugung geltend gemacht wird, was er also für eine Unwabrheit, für eine Lüge hält, etwas anderes, — alsein Zerstörendes sehen kann? — Nur die Wahrheit schafft und taut, die Lüge kann überall nur zerstören! Daß die Majorität den Standpunkt des Herrn Dr. Frankel als einen zerstörenden ansehen muß, liegt aber hier noch um so klarer am Tage, da sie ja nur deshalb das Hebräische aus dem Gottesdienste entfernt wissen wollte, weil dieser der wahren Andacht hindernd im Wege stekt, und dies selbst aus rabbinischen Schriften von vr. Salomon nachgcwiesen wurde, während man von den Gebeten in der Muttersprache die Wiederherstellung wahrer Andacht und somit wahre Erbauung oder den Aufbau ächter Religiosität erwartet. Auch ich habe in Bezug auf das Tischgebet auf einen aus Frankfurt stammenden Rabbiner zu Mainz hingewiesen, welcher dasselbe in deutscher Sprache zu verrichten erlaubt. Es dürfte nicht uninteressant sein, denselben im Hagadah-Commentar rinn' jn» in seiner Vorrede zu pw.n w-a zu hören. „Gewiß, sagt er daselbst, die Thora sicht nicht darauf, in welcher Sprache, ob in der hebräischen oder in einer andern/ dieses Gebet verrrichtet werde, aber noch weniger Rücksicht wird von derselben auf die Formel genommen, und läßt sie es vielmehr jedem frei, auf welche Weise er dasselbe beten wolle, ob länger oder kürzer, wenn er nur Gott für die genossene Speise dankt. So spricht Einer der ausgezeichnetsten Rabbiner des 47. Jahrhunderts in Bezug auf ein Gebet, das nach den Rabbinen viel wichtiger ist, als die tägliche gottesdienstliche Andacht, — mit einem Rabbinen, der von einem solchen zerstörenden Prinzip ausgeht, würde Herr vr. Frankel gewiß nicht debattiren! Herr vr.Frankelgeht sicher, immer Schritt vor Schritt vorwärts; v e r m i t t e l t die Wahrheit so lange mit der Unwahrheit — doch wahrscheinlich unbewußt — bis von jener keine Spur mehr da ist. Vorher ging die Majorität von einem zerstörenden Prinzip aus, jetzt stellt sich, da in jeder Versammlung die „Majorität maßgebend ist, dieses Prinzip sich sogar als Norm hin," Allerdings stellt sich in einer Versammlung, die mit einem kategorischen Imperativ auftritt, die von der Minorität fordert, daß sie sich der Majorität unterwerfe, in welcher also die Stimme der Minorität nicht von weiterem Belange ist — aber auch nur in einer solchen — die Majorität als maßgebend hin. Ist dies aber auch bei der Rabbiner-Versammlung der Fall? Die Minorität selbst ist, wie schon oben gesagt, durchaus nicht verpflichtet, die Beschlüsse der Majorität anzunehmen, selbst die Gemeinden, die unter einem Rabbiner, der mit der Majorität stimmte, steht, kann von demselben fordern, daß er ihr bevor er irgend einen der Beschlüsse einführt, die Behauptungen der Minorität widerlege — ist es demnach wahr, daß auch in der Rabbiner-Versammlung die Majorität maßgebend ist? Ist es wahr, fragen wir Herrn vr. Frankel, wenn auch die Voraussetzung wahr wäre, wie sie es in der That nicht ist, wenn die Majorität wirklich von einem zerstörenden Prinzip ausginge, daß sich dadurch dies Prinzip als Norm binstellte? Wenn irgendwo, ist es gewiß in einer Versammlung, in welcher auch die Minorität der Majorität gegenüber sich geltend machen kann, von dem Einzelnen, der in der Minorität ist, Pflicht, so lange seine Ansichten auszusprechen, als er es kann, das heißt, als er nicht offenbar widerlegt ist. Er ist dies sich, der Sache und den Gemeinden, denen es um Belehrung zu tbun sein muß und die doch auch noch ein Urtheil haben und prüfen können, schuldig. Sehen wir, wozu der posi, tiv-historische Standpunkt, die Schanze, hinter welche Herr vr. Frankel sich allein flüchten zu können glaubte, verpflichtet! Bekanntlich saßen die Sadduzäer, zur Zeit als diese Sekte blühte, im Sanhedrin; bekanntlich wurde