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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-09-07 · Heft 36 (7.9.1845) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 36 (7.9.1845)
Date
1845-09-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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203 wo nicht für unberechtigt, doch für nicht zeitgemäß. So lange es fich daher von neuen liturgischen Zuthaten handelte, von deutscher predigt, deutschem Lied, Choralgesang, Orgelbegleitung re., sah man Hrn. Stein unter den Fortschreitenden in erster Reihe. Wie es aber an die Beseitigung überlebter Elemente ging, zeigte er sich bedenklich, und wußte dafür, außer den gewöhnlichen Gründen, mitunter ganz ungewöhnliche anzuführen; so für die sogenannte objektive Nothwendigkeit der hebräischen Sprache, daß die französischen refugies ihre Muttersprache beidehalten, freilich, was er nicht bemerkte, im Gebete nicht länger als im Leben überhaupt; für die Nichtabschaffung der Gebete um einen persönlichen Messias, daß Großes durch einzelne hervorragende Männer zu geschehen pflege; für Beibehaltung der Gebete wegen Wiederaufbaues der Stadt Jerusalem und des Tempels, daß dazu alle Völker der Erde in der messianischen Zeit möglicherweise contribuiren dürften rc.; wir haben alles gesagt, wenn wir hinzufügen, daß im Blatre des Hrn. Fürst deshalb von Hrn. Kirchheim seiner rühmlich-Erwähnung geschieht (Orient, 1845. Nro. 31). Nichts aber hätte Hrn. Stein ungelegener kommen können, als die Erörterung der Sabbathfrage oder der Mischen Ehegefttze, wo man nicht auf der Oberfläche sich halten und das Leben unberührt lassen konnte, sondern das Eingehen auf wesentliche Glaubenssätze und Nechtsbegriffe unerläßlich geworden wäre. Er wußte nun das Schifflein geschickt so lange auf offener See herumzusteuern. bis es Zeit zur Heimkehr war, und so fanden sich jene gefährlichen Eilande vermieden; jedoch ward den Mitgliedern möglich, aus denselben Früchte, wie dereinst die Kundschafter einige aus dem gelobten Lande, mit nach Hause zu bringen; wir meinen die Beschlüsse wegen Erlaubtseins des Orgelspielens am Sabbath, gar durch einen Juden, und wegen des Reinigungsbades der Frauen. Wir sind weit entfernt, deshalb Hrn. Stein anklagen oder demselben einen Vorwurf machen zu wollen; er blieb dabei dem Systeme treu, das er bei seinen Reformen bisher befolgt hatte, und das denen, welche ihn zum Vorsitzenden gewählt, nicht unbekannt geblieben sein konnte. Die Versammlung aber hat einmal die Erfahrung gemacht , daß die Geschäftsbesorgung dem Präsidenten großentheils überlassen ist, und wird in Zukunft davon Nutzen zu ziehen wissen. Sonst hat Herr Stein gegen seine Collegen und gewissermaßen Gäste sich zuvorkommend, liebevoll und gastfreundlich erwiesen, und in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig gelassen. Als einschlagend theilen wir noch mit, daß seitdem zwischen demselben und dem hiesigen Gemeinde-Vorstände wegen des öffentlichen Gottesdienstes am nyttfD UND eine Meinungs-Verschiedenheit stattgefundcn hat. Die HUp wurden, wie wir in Ihrem Blatte (Nro. 33) voriges Jahr vorhergesagt hatten, ganz abgeschafft, von rD’X sollte die eine Hälfte hebräisch, die andre deutsch Abends vorgelesen, und mit den Hälften auf gleiche Weise des andern Morgens beün Borlesen gewechselt werden. In soweit genehmigte der Vorstand die Vorschläge des Herrn Stein. Allein derselbe wollte des Morgens noch überdies predigen und, irren wir nicht, auch singen lassen; das lehnte der Vorstand ab, und, wie wir glauben, mit Recht. Laßt ruhen die Todten! der 3"n ist für das gewöhnliche Publikum des Herrn Stein gewesen, es weiß nichts mehr von ihm; zu was die Leiche frisch herausgeputzt zur Schau stellen und abwarten, daß sich Müssiggänger bei ihr einfinden? Diese Uneinigkeit hatte übrigens zur Folge (?), daß am 3'7>-Morgen Herr Stein fich krank melden ließ; und in der großen Synagoge der Gottesdienst ganz unterblieben ist. Dir Raddiner-Versammlung. A (Breslau, im Aug.) Es wird Sie, mein geehrter Herr Redakteur, wohl nicht sehr befremden, wenn ich Ihnen mittheile, daß die zweite Rabbiner-Versammlung hier die Männer des wahrhaften Fortschrittes wenig befriedigt, die Orthodoxen und Scheinheiligen aber wo möglich noch mehr gegen fich aufgebracht hat, als die vorjährige Rabbiner-Versammlung es gethan. Obgleich die eigentlichen Verhandlungen und Diskussionen, aus welchen allein der Geist der zweiten Rabbiner - Versammlung sich tiefer erschauen ließe, noch nicht vorliegen, so reichen doch die mehrfachen Berichte und vor Allem.die eigentlichen Resultate der Verhandlungen hin, um ein allgemeines Urtheil zu bilden. Ich glaube, daß Sie selbst, wenn ich Sie anders aus Ihrem bisherigen literarischen Wirken richtig kennen gelernt habe, mit der diesjährigen Rabbiner- Versammlung nicht sehr zufrieden sein werden; sollte aber dies nicht der Fall sein, so ersuche ich Sie doch, mir ein ungeschmälertes Urtheil über dieselbe in diesen Blättern zu erlauben, indem es Ihnen immer freisteht, Ihre etwa abweichenden Ansichten in Anmerkungen beizufügen.*) Vor Allem drängt sich mir das ralmudische: 33N ntOi* NSTVin auf. Die zweite Rabbiner-Versammlung wollte durchaus praktisch sein. sie umging mit sichtlicher Anstrengung die Prinzipien, und wo diese fich doch vorgedrängt, sollten sie wenigstens über die beliebte Praxis nicht hinausgehen, und gerade dadurch ist sie unpraktisch geworden. Ich will keine leeren Behauptungen, sondern tatsächliche Beweise Vorbringen. Wenn in irgend einer Gemeinde große Empfänglichkeit für die Reform des Jnden- *) Wir halten es zunächst für unsere Pflicht, den verschiedenen Urtheilen über die zweite Rabbiner-Versammlung Raum in diesen Blättern zu geben und behalten unftr eigenes Urtheil auf später vor. D. Red.

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