Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1845)
- Date
- 1845-08-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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2S5 sich die Zerstreuung nur mit der Sündhaftigkeit erklären können, daher das „waran’jsjdi"; setzt sehe man aber in derselben den hohen Zweck der Verbreitung der Lehre von einem einigen Gotte durch das zerstreute Israel. Auch die Strengorthodoren durften nicht um die Wiederherstellung des politischen Reiches beten, da unser Beruf in der Zerstreuung noch nicht vollendet sei, wie wir ja auch nicht um das baldige Kommen des Todes und des hierauf folgenden unsterblichen Lebens beten durften. Formstecher: Man müsse erst die Vorfrage erledigen: Ob es überhaupt nöthig sei, die Messiaslehre im Gebete aufzunehmen, und wie viel. Positiv notwendig sei dieses durchaus nicht. Die heilige Schrift verpflichte uns nicht dazu, da sie gar keine Gebete vorschreibe, sondern nur Opfer; unter diesen aber keins, welches die Messiasidee symbolisire. Später geschah dieses in der Form, in welcher die Zeit sich diese Idee dachte; das jetzige Zeitbewußtsein nöthige uns aber, jene Stellen ganz zu streichen. Es könnte nur überhaupt liturgisch nothwendig sein, der Messiasidee einen Ausdruck im Gebete zu geben. Sei sie doch der rothe Faden, der sich durch die Geschichte Israels ziehe; allein dem werde ja durch das Borlesen aus der Thora und den Propheten genügt. Man würde geradezu ein Dogma begründen, wenn man irgend etwas in den Gebeten feststellen wollte. Beschränke man sich daher auf das Erstere, und mache es der Predigt zur Pflicht, diese Idee flüssig zu erhalten und sie durch den immer reicheren Inhalt des immer fortschreitenden menschlichen Geistes immer mehr zu bereichern. Reiß: Mit dem tp usap werde nicht der Entschluß des Einzelnen, ein neues Reich zu gründen, sondern nur ein allgemeiner Wunsch ausgesprochen, der sich wohl mit der Liebe zum Vaterlande vertrage. Statt wsna6 mnDDip sollte man jedoch sagen. Philippson: Die Offenbarung sei das Fundament des Judeuthums und die Messiaslehre sein Dach. Vom biblischen Standpunkte entferne man sich übrigens nicht, da ja sonst nicht einzelne Talmudiften, wie z. B. Hillel, so freisinnige Ansichten über jene Lehre aufgestellt haben würden. Es kamen nun die beiden Fragen zur Abstimmung: Soll die Messias-Idee ferner Berücksichtigung in unseren Gebeten finden? Sollen die Stellen, welche die Bitte um Wiederherstellung eines politisch-nationalen Reiches ausdrückten, beseitigt werden? Tie erste Frage ward von der Versammlung einstimmig, die zweite durch Majorität bejaht, und zwar im Sinne des Commissionsberichtes. —s. Geschichte des Tages. Briefe über die zweite Aadbiner-Versammluag. (IV.) Reformers. / (Frankfurt, im August.) Wer erinnert sich nicht noch, oder umgekehrt wer erinnert sich heute noch des Lärms, den die hiesige Reformbewegung vor nun zweien Jahren veranlaßre? Insbesondre zeigten sich Rabbinen gleich aufgescheuchten Nachtvögeln oder aufgeschrecktem Wilde (?), und aus allen Blättern tönten keifende oder warnende Stinunen, und mißtönende oder klagende Weisen. Bon den Mitgliedern der diesjährigen Rabbiner-Versamm« lung ließen sich unsres Wissens damals öffentlich dagegen vernehmen die^erren Einhorn, Frankel, Hirsch, Philippson und Stein irren wir nicht, kam auch, etwas spät zwar, Hr. Sieskind nach; Sie, Hr. Redacteur, . standen mit ihrer milderen Beurtheilung ziemlich vereinzelt. ES ist wahr, die hiesigen Reformfreunde haben sich das Geschrei und Gekrächze nicht sehr zu Herzen genommen, wie sie ihrem vom philosophischen Rumoren „müden Freunde", Hrn. l)r. Steinheim in Altona, auch jetzt noch „ein Tänzchen" gerne gestatten, und es nicht achten, wenn er ihnen in dichterischem Muthwillen oder weltweisheitlichem Elfer je zuweilen auf die Füße tritt *), sie sind selbst gutmüthig genug, dieses seiner Kurzsichtigkeit zuzuschreiben unv sich an seinen grotesken Sprüngen zu erlustigen. Allein erfreulich mußte es ihnen immerhin sein, den gänzlichen Umschwung der Ansichten in einem verhältnißmäßig so kurzen Zeiträume wahrzunehmen, wovon die Einführung einer Deputation Reformers nach Eröffnung der Sitzungen der diesjährigen Rabbiner-Versammlung ein unverwcrstiches Zeugniß ablegte. Die erste Anregung zu einer solchen Versammlung hat wohl Geiger gegeben, der. als er noch zu Wiesbaden im Amte war, vor etwa zehn Jahren eine Anzahl Rabbinen veranlaßt, dort zusammenzukommeu; mit Ausnahme einiger Abhandlungen in der von ihm herausgege« denen Zeitschrift waren jedoch keine Folgen dieser Zusammenkunft sichtbar geworden, die selbst aber sich nicht wiederholt hatte. Es darf vielleicht angenommen werden, daß ohne die hiesige Reformbewegung *) Frankel, Zeitschrift, Juli-Heft, 1845, S. 262.