Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1845)
- Date
- 1845-08-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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377 laßt, länger -ei derselben zu verweilen. Dem Hrn. Frankel dürfte eine weitere Theilnahme an den Berathungen und ein längerer Aufenthalt am hiesigen Orte auch in andrer Beziehung nützlich gewesen seyn. Wir hatten aus beiderseitigen früheren Veröffentlichungen nachgcwiesen (No. 11 d. Bl. u. Zahrg.), daß selbst zwischen ihm und den hiesigen Reformfreunden „hinsichtlich der im „Judenthume vorzunehmenden Reformen eine principielle Verschie- „denheit nicht besteht," daß er „die Zeit und Zeitbildung zwar „würdigte, jedoch den Einfluß, welchen sie auf unsre Glaubensgenossen bereits ausgeübt, ignoriren wollte, während die „Reformfreunde diesen Einfluß als in größter Wirksamkeit längst „begriffen, als unläugbare Thatsache, gleichsam als kalt ac- „compli, voraussetzen", daß seinerseits „die ungeschlachte rohe Masse", und ihrerseits „die gebildeten Klassen der Gesellschaft" berücksichtigt werden wollten. Hr. Frankel würde aber unsres Dafürhaltens bei fortgesetzter Theilnahme an den Berathungen der Versammlung und bei verlängertem Aufenthalte dahier von diesen seinen irrigen Ansichten noch mehr als bereits geschehen zurückgekommen seyn. Es kann vernünftigerweise nicht angenommen werden, daß das, was eine Versammlung, deren Mitglieder' geistliche Führer von Gemeinden, aus allen Enden Deutschlands hier zusammen getroffen, als heutiges jüdisch - religiöses Bewußtseyn ausgesprochen, was so viele Gemeinden selbst in besondren an dieselbe gerichteten Denkschriften als heutiges jüdisches Leben bezeichnet, isolirt stehenden Ansichten Einzelner oder einer vorübergehenden Aufregung beizumessen sei und im Volke nicht Wurzel geschlagen habe. Was anders als die unabweisliche sich allenthalben kundgebende Nothwendigkcit einer gründlichen Reform des Judenthums hätte die Mitglieder der Versammlung hierher geführt, was anders sie veranlaßt in offenen Kampf gegen den fanatischen und fanatisirenden Zelotismus zu ttetcn, was anders ihnen den Muth gegeben, so vielen ihnen bevorstehenden Widerwärtigkeiten die Stirne zu bieten? Im Meinungs-Austausche durch das lebendige Wort würde Herr Frankel am besten Gelegenheit gefunden haben, seine Ansichten über Personen und Verhältnisse vielfach zu berichtigen. Aber auch der längere Aufenthalt in hiesiger Stadt würde ihm dazu Veranlassung gegeben haben. Herr Frankel war durch Zufall und eigene Wahl hier in eine Umgebung gerathen,: die ihm nicht gestattete, mit den gebildeten Klassen der jüdischen Gesellschaft in nähere Berührung zu kommen und solchergestalt eine richtige Anschauung der hiesigen Zustände zu gewinnen. Das hätte sich bei längerem Verweilen gewiß anders gestaltet, und die eigene Wahrnehmung in einer Gemeinde, die schon an Seelenzahl seinen ganzen Oberrabbinats-Sprengel mehr als um das fünffache überragt und in aller Beziehung zu den wichtigsten und einflußreichsten Deutschlands gehört, wäre ihm für das ganze Leben von Nutzen, und auf seine Richtung wahrscheinlich von Einfluß gewesen. Greifen wir nur ein Beispiel aus seinen hiesigen Erlebnissen auf. Unter den jüdischen Einwohnern hat sich hier ein Gesangverein gebildet, der aus etwa hundert Mitgliedern besteht, welche fämmtlich derjenigen achtbaren Klasse der Gesellschaft angehören, die man vorzüglich als den Bürgerstand bezeichnet, aus Künstlern, Handlungsbefliffenen, Handwerkern rc., sämmtlich junge Männer, denen die nächste Zukunft angehört. Diese veranstalteten zu Ehren der Versammlung in einem öffentlichen Garten an einem schönen Sommer-Abende ein Vocal-Concert, zu dem sie die hier anwesenden Rabbinen, die Mitglieder des israelitischen Gemeinde-Borstandes rc. einluden, und bei welchem sich auch Hr. Frankel einfand. Er kann wohl nichts dagegen haben, wenn uns diese jungen Leute ihrem Stande und Alter, ihrer Bildungsstufe unv Gesinnung nach das Volk repräsentiren, auf welches bei den Reformen im Judenthum besondre Rücksicht zu nehmen, dessen religiöses Bewußtsein dafür maßgebend sein soll, was im Juventhume noch Leben hat und beizubehalten, oder bereits abgestorben und auszuscheiden ist. Wohl, uns sind die Mitglieder dieses Vereins nicht mehr bekannt als dem Hrn. Frankel, wir kennen sie weder von Person, noch selbst dem Namen nach. Nichts desto weniger gettauen wir uns zu behaupten, daß nicht zehn davon die Vorschriften über dieSabbathfeier, über Ceremonial- und Speise-Gesetze, über Fasttage rc. befolgen oder nur mehr als ganz allgemein kennen, daß fast allen die Verrichtungen, welche dem Hrn. Frankel den jüdischen Glauben zu einer Religion der That stempeln, und die wir nicht aufzählen, um nicht das Ansehen zu haben, als wollten wir sie lächerlich machen (denn dahin ist es mit denselben großentheils gekommen. daß sie namhaft machen gleichbedeutend ist mit sie dem Spotte Preis geben), daß fast allen jenen jungen Leuten, behaupten wir, diese Verrichtungen entfremdet und unbekannt, oder bedeutungs- und gehaltlos geworden find, daß sie keine Sehnsucht nach dem gelobten Lande haben, vom Talmud nichts wissen unv nichts wissen wollen, die deutsche Sprache als ihre Muttersprache kennen und anerkennen, und vom Hebräischen nichts oder so gut wie nichts mehr verstehen, wenn ihnen gleich in der Schule hebräischer Unterricht ertheilt worden ist. Mag es sich immerhin außerhalb Deutschlands überhaupt, oder auch innerhalb Deutschlands mit den Land- und Trödeljuden, und sonst mit den keaux rest«8 des anclen rezime in Stadt und Land anders verhalten, I wir können nicht die ganze, in allen Welttheilen zerstreut lebende Judenheit unmittelbar im Auge haben, sondern nur unsre deutschen j Glaubensgenossen, und von diesen nicht den Geistespöbel, nicht die J Denkunfähigen, die Urtheilslosen, die Wahnbefangcnen, die Zitterer,