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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-08-03 · Heft 31 (3.8.1845) · page 11

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 31 (3.8.1845)
Date
1845-08-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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257 zung führte zu einem Resultate, dessen ich nur mit Kummer gedenken kann; nur mit tiefem Schmerze rufe ich.mir zurück, daß in einer Rabbiner-Versammlung eine Frage zur Abstimmung kommen konnte, eine Frage sogar durchfiel, die einen mit den religiösen Interessen des Judenthums aufs innigste verwachsenen Gegenstand behandelte und von den Religionsführern des Volkes doch zumeist in Schutz genommen werden mußte. Die Frage: „ob. wenn auch keine gesetzliche, doch eine objective, d. i. eine aus dem religiösen Moment hervorgehende Nothwendigkeit zur Beibehaltung des hebräischen Elements bei'm Gebete sich finde," wurde, als man die praktische Seite einer derartigen Erörterung in Frage stellte, dahin erklärt, daß es fich Hier darum handle, ob die Rabbiner streben sollen, das, was für jetzt — nach der Berathung hierüber — noch Hebräisches im Gebete beibehalten werden wird (denn daß auch deutsche Gebete ausgenommen und sie einen Bestandtheil des Gottesdienstes ausmachen sollen, hierüber hatte man fich von allen Seiten einverstanden erklärt) zu bewahren, dem Hebräischen sein Recht hier einzuräumen sei, vver ob die Beibehaltung nur eine r a t h s a m e, d. i. eine in den Umständen der Gegenwart bedingte Concession sey und das Streben also dahin gehen soll, diese Rathsamkeit überflüssig zu machen, das Hebräische aus dem Gebete ganz zu entfernen. Vergebens war gezeigt worden, wie das Hebräische, dieses so viele Jahrtausende geheiligte Alterthum, dem Gebete Weihe und Erhöhung gebe, vergebens darauf hingewiesen, wie die hebräische Sprache als ein theures Kleinod, da in ihr die heiligen Urkunden niedergelegt sind, bewahrt werden müsse, bewahrt, daß nicht das Verständniß dieser heiligen Urkunden, wie einst den hellenistischen Juden, uns abhanden komme; vergebens hervorgehoben, wie, schwindet sie aus dem Gebete, sie sich endlich ganz verlieren, sie auch aus der Schule verbannt und so abermals ein religiöses Element aus den schon ohnedieß ziemlich gelichteten Bestandtheilen getilgt werde; vergebens wurde appellirt an das religiöse Gefühl (und dieses ist doch bei'm Gebet beachtenswerth!) das durch diese heiligen Töne sich erhöhet, geweckt fühlt; vergebens hervorgehoben, wie gerade in dem hebräischen Gebet ein Kennzeichen der R e l igionsgemeinde, die die Juden bilden, fich finde, an dem der Jude, unter welchem Himmelsstriche er dem Juden begegne, in ihm den Glaubensgenossen, in seinem Tempel sein Gotteshaus, in seinem Gebete das eigene wiedererkenne; vergebens der Einwurf, daß die Jugend nur mit Widerwillen das Hebräische erlerne, mit den einfachen Worten widerlegt, daß, wenn nicht die Eltern diesen Widerwillen nähren und wenn die Schule endlich für den Unterricht wirkt, dieses Hinderniß von selbst schwinde, und wurde auch solches an Beispielen nachgewiesen; vergebens dargestellt, wie selbst für die weibliche Jugend das Verständniß der hebräischen Gebete, die doch nicht in zu großer Zahl beibehalten werden sollen, erleichtert werden kann; vergebens wurde zum Schluffe auf die Innigkeit, auf die religiöse Kraft und Weihe des hebräischen Gebetes und die Erhebung in ihr hingcwiesen: die Majorität der Rabbiner-Versammlung entschied dafür, daß das hebräische Gebet nur rathsam sey, die Aufgabe der Rabbiner, es allmälig ganz zu entfernen. — Von einem solchen Beschlüsse weiche ich nicht nur nach einer Verschiedenheit der Ansicht, sonvern nach Verschiedenheit der Tendenz ab. Dieser Geist der so viele wichtige Elernente unbeachtet läßt, der das, was in jeder Eonfession Gewicht und Kraft hat, das Historische, verdrängt, ist in meinen Augen nicht der der Erhaltung, sondern der der Zerstörung des positiv-historischen Judenthums, das ich der Versammlung laut als das meinige erklärte. Dieser Geist muß nlzn zugleich den fernen Beschlüssen der Versammlung jede Gültigkeit in den Augen Jenes, der sich auf dem positiv-historischen Standpunkte befindet, entziehen, da wie ich ebenfalls der Versammlung bemerklich machte, es nicht allein auf das Stimmabgeben, sondern auf das Motiv der Abstimmung ankomme, und nur wer schon vorher mit fich abgeschlossen und blos eine formelle Bestäligung sucht, kann in einer allgemeinen Abstimmung eine scheinbare Beruhigung finden. — Aus diesen Gründen sehe ich mich veranlaßt, nicht nnr gegen obigen Beschluß laut zu protestiren, sonvern zugleich zu erklären, daß mein Standpunkt ganz ein anderer als der der Versammlung sei unv ich in ihrer Mitte nicht Sitz unv Stimme haben kann. Ich drücke aber auch mein Bedauern aus, daß die Versammlung, statt bas Ziel „allgemeines Vertrauen zu erwerben und hierdurch eine Vermittlung herbeizuführen", im Auge zu behalten, fich von neuem von ihm entfernt unv viele Tausende die ein solcher Beschluß tief verwundet, von sich abgestoßen. Wie sehr ich dieses erwähnte Ziel im Ange hatte, vocumenftrt mein Erscheinen bei der Versammlung, unv ließ den Wunsch, das Meinige zu einer Vermittlung beizutragen und mit Andern mit vereinten Kräften dahin zu arbeiten, daß dieses junge Institut zu einem versöhnenden und vie allgemeinen religiösen Interessen vertretenden heranrcife, mich über manche Mißverständnisse, die dieser Schritt Hervorrufen konnte, so wie über manches meinem persönlichen Interesse Widersprechende wegsehen. Diese höhere, heilige Rücksicht veranlaßt mich, mich von dieser Versammlung loszusagcn; wo ein Göttliches, dem unser ganzes Leben angehört, mahnt, wo eine innere Ueberzeugung ruft, da muß, ohne Rücksicht auf Mißdeutung unv Unterstellung von Motiven, Folge geleistet werden. Dem redlichen Manne gehet sein Bewußtsein über Alles; er befragt vor Allem sich, befragt vor Allem seinen inneren Richter, und ist er vor diesem gerechtfertigt, findet er hier sein Urthcil bestätigt, dann geht er fest seinen Weg, treten alle andere Rücksichten vor denen der Religion und der Wahrheit in den Hintergrund. Ich versehe mich zu einem wohllöblichem Präsidium, daß dieses Schreiben der verehrlrchen Versammlung,baldigst mitgetheilt unv den Prvrocollen einvcrleibt werde. Ich habe vie Ehre, mich mit Hochachtung zu zeichnen. (gez.) Oberrabbiner 1),-. Z. Frankel. Frankfurt a. M., 18. Juli 1845. In der Sitzung vom 20. Juli machte der Präsident der Versammlung Mittherlung hievon und verlas zugleich ven Entwurf zu einer in das Protocoll nievcrzulegenden Erklärung der Versammlung, welche durch Acclamation angenoininen ward. Sie lautet: Die zweite Rabbiner-Versammlung hat ven in Folge oer

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