Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1845)
- Date
- 1845-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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der Sprache Homers und Hesiods betet? Nicht die Sprache verleihet den Werken des Genius Unsterblichkeit, sondern umgekehrt. Unsere Gottesschrift ist mächtig genug sich selbst zu erhalten, bedarf der gekünstelten Mittel nicht. Man hat behauptet, die Alerandrinischen Juden hätten den Urtert der Schrift vergeffen, weil sie die hebr. Sprache sich nicht durch das Gebet erhielten, es sei so weit bei ihnen gekommen, daß selbst ein Philo nicht mehr den Tert der Schrift lesen konnte. Ich muß gestehen, daß ich Ln manchem Buche Philo's tiefere Religiosität finde, als in manchem Buche des Talmuds, obgleich die Talmudisten das Hebräische fast noch zur Muttersprache hatten. 3) Die Einheü Israels wird zerstört, sagt man ferner, wenn aus den Gotteshäusern das Hebräische schwindet, und man weiß dieses mit recht schönen, sentimentalen Redensarten eklatant zu machen, die Einheit der Sprache ist eö aber wahrlich nicht, was ein Volk einheitlich zusammenhält, vielmehr ist es der einheitliche Volksgeist, der die Einheit der Sprache schafft. Die verschiedenen Sprachen Ln einem Lande werden alsdann erst zu einer sich verschmelzen, wenn auch ein Geist sich herausarbeitet. Die Sprache gehört überhaupt schon der Aeußerlichkeit an, im Gegensätze zu dem von ihr getragenen Gedanken. Israel hatte seine besondere Sprache, so lange seine Religion auch durch eine politische Verfassung, durch ein ihm eigenthümliches staatliches Element zur äußeren Erscheinung kam. Jetzt da wir nicht mehu einem uns eigenthümlichen Staate angehören, diesen vielmehr mit den Genossen eines andern Glaubens tbeilen, hat die hebr. Sprache, als eine uns besonders ungehörige alle Bedeutung verloren, unsere Volksunsere Muttersprache ist eine andere. Unsere Einheit wird jetzt von unserm Bekenntnisse und allein von unserm Bekenntnisse getragen, jede andere Einheit wollen wir nicht mehr, weisen wir von uns. 4) Jede Religion, brachte man vor, hat etwas Mystisches, das dem Herzen wohl thut, das vom Volke besonders geliebt wird, die hebr. Sprache beim Gebete ist, da sie vom Volke nicht verstanden wird, mystischer Natur und soll darum beibehalten werden. Auch mir steht die Mystik hoch, auch mir ist in der Mystik hohe Wahrheit. Mystik ist mir da, wo sich ganze Fülle des Geistes mit einem andern zusammenschließt und alle Partikularität aufgibt, wo der analytische Verstand wie die synthetische Vernunft sich selbst aufgeben, wo Etwas über die Sphäre dieser letzteren hinausliegt, von ihnen nicht mehr begriffen wird — die ganze Andacht ist mystischer Natur. Man verwechselt aber hier das Ueberverständliche mit dem Unverständlichen — wir haben noch Unverstand genug und brauchen ihn nicht noch zu vermehren. 5) Man will das Hebräische endlich auch aus dem Grunde beibehalten wissen, damit der dem Judenthume fremde Unterschied zwischen Priester und Laien nicht aufkomme. Man vergißt dabei, daß das Judenthum diesen Unterschied allerdings ursprünglich hatte, daß es in ihm einen besondem Stand von Priestern gab. Wollen wir keinen Unterschied haben, so müssen wir aussprechen, daß die D^ro, die immer noch besondere Prärogative in Anspruch nehmen, so beim Aufrufen zur Torah und beim Ertheilen des Priestersegens, zu besonderer Heiligkeit wie z. B. an keiner Leiche sich zu verunreinigen, sich verpflichtet glauben, alle Bedeutung für uns verloren haben. Man verschweigt es da, wo der Unterschied in der That noch besteht; wo er nicht besteht und nie aufkommen wird, da nimmt man die Miene der Befürchtung an. Dadurch daß ein gewisser Stand sich dem Studium einer Sprache besonders hingibt statuirt sich noch keine Kluft, eben so wenig wie zwischen den Gelehrten und Nichtgelehrten. Biele Gründe hingegen sprechen dafür, daß das Hebr. nicht fernerhin im Gotteshause festgehalten werde. 1) Die Werkheiligkeit ist der Krebsschaden des Iudenthums, wie viele Ceremonien werden noch geübt, ohne daß ein Gedanke in und bei ihnen ist. Ich sagte oben, daß ich mich von jeder Sentimenterlität ferne halten werde, sentimental werde ich aber da, wenn ich an den Vers des großen Jesaias denke, in welchem derselbe das Volk wegen dieser Werkheiligkeit geißelt — der geht mir immer tief ins Herz. Weil das Volk sich mir naht mit seinem Munde, mit seinen Lippen mich ehrt re. darum schwinde die Weisheit seiner Weisen und verliere sich die Einsicht seiner Vernünftigen. Wie richtig der große Prophet die Zukunft voraussah, haben wir leider alle erfahren; denn wahrlich durch diese Werkheiligkeit ist