Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1845)
- Date
- 1845-07-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2566994--1554-2569342- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S4S die oftmalige Wiederkehr derselben Gebete ist ein anderer Uebelstand, der dringende Abhülfe verlangt; ist es da ein Wunder, wenn das Gotteshaus zur Predigt sich füllt, aber früher und später die Reihen der Andächtigen gelichtet sind? Der Gottesdienst ist allerdings ein lebendiger Ausdruck des frommen Gemeingesühls, der gemeinschaftlichen Ueberzeugung; wir gehören aber keinesweges zu denen, welche sich mit einiger Ausschmükkung desselben begnügen. Die Religion, das Iudenthum, ist uns etwas Höheres, etwas Heiligeres, als daß sie Ln eine Stunde der Andacht mit flüchtiger Einwirkung eingeschloffen werden könnte. Die Religion soll wieder, wie sie es bei unfern Vätern war, eine Ueberzeugung für das ganze Leben werden, sie soll ihre volle Ausprägung in unserm Denken und Thun erhalten, wir fühlen uns darüber in einer unheimlichen Beklemmung, wenn uns Vorschriften, als unserer Religion angehörig, ausgegeben werden, die wir tagtäglich weniger beobachtet, immer mehr bespöttelt sehen. Eine Religion kann uns nicht erfüllen, sie kann nicht als eine Lebensmacht wirken, wenn sie ihr Ignorirtwerden dulden muß, und das Streben muß dahin gehen, daß wir uns freudig zu allen ihren Lehren und Pflichten bekennen, ohne mit der ganzen Bildung der Zeit, ohne nMver ganzen Gestattung des Staates und der Gesellschaft in Collision zu gerathen. Sie haben für die Gesetze des Sabbats gleichfalls eine Commission niedergesetzt; wir wünschen deren Arbeiten ein recht gedeihliches Resultat, denn Sie berühren hier einen Punkt, der die größten Schwierigkeiten erzeugt. Sehen Sie sich um in Ihren Gemeinden und fragen Sie nach der Feier des Sabbats und der Festtage, und Sie werden sich überzeugen, der größte Theil der Juden, selbst diejenigen, welche als eiftige Wächter der Orthodorie dastehen, haben eigentlich keine Feiertage. Die Kinder besuchen von Jugend an die Schulen am Sabbat, der Lehrling im Handwerke und im Geschäfte muß an diesen Tagen seinen gewöhnlichen Arbeiten nachgehen, und wenn der junge Mann endlich selbstständig geworden, dann wird er schwer zu einer Feier sich entschließen, welche ihm nicht eine liebe Iugendgewohuheit ist, sollten es ihm auch seine Verhältnisse gestatten; und wie Wenige können es in unfern Tagen, wenn ihre Umstände nicht zerrüttet werden sollen! Wie soll das Handwerk und der Ackerbau unter den Juden befördert werden, wenn ihnen noch ferner die Schwierigkeiten entgegenstehen sollen, welche die Feiertage ihnen entgegensetzen? und was soll der jüdische Beamte machen , wie wird er die Collision mit den Pflichten gegen den Staat «^gleichen? Oder soll dieß die Frucht unsrer Liebe gegen unser Vaterland fein, daß wir demselben unsre Thätigkeit entziehen? Wir legen Ihnen, hochwürdige. Herren, keine Vorschläge vor, wir glauben blos auf diesen Punkt Ihre besondere Aufmerksamkeit richten zu müssen. Nehmen Sie nicht zu sehr veraltete Bücher zu Ihren Führern, das frische Leben drängt, und der offene Blick in dasselbe gebe Ihnen die Kraft und den Muth, Gebrechen zu heilen, die Tag für Tag gefährlicher werden. Nicht minder wichtig ist ein dritter Gegenstand, die verbotenen Speisen. Es ist unsers Berufs nicht, zu untersuchen, ob die Gründe, welche diese Verbote hervorgerufen, heutigen Tages noch bestehen, noch weniger die Grenzen zu ziehen, zwischen den einfachen biblischen Vorschriften und den thurmhohen talmudischen Anhäufungen; aber das müssen wir aussprechen, daß dieses einen so weiten Umfang einnehmende Gebiet ein Krebsschaden unsrer religiösen Zustände ist. Die Küche ist die Zufluchtsstätte der Religion geworden, und das füralle religiösen Gefühle so empfängliche Gemüth der Frauen wird niedergedrückt durch die kleinliche Sorgfalt, in welche ihr vorgeblich religiöses Wirken eingeschlossen wird. Der Rabbiner wird von seiner hohen Aufgabe abgeführt, um mit diesen minutiösen Details und mit Entscheidungen darüber sich abzumühcn, die Thatkraft und die Geldmittel der Gemeinde werden für diesen unfruchtbaren Zweig vergeudet, eine Fleischverwaltung, Schlächter, gesonderte wohlthätige Stiftungen für jedes Elend werden nöthig, weil doch die Gemeinde, mögen auch noch so viele Mitglieder derselben sich über diese Gebote hinwegsetzen, sie nicht ignoriren darf, und Kräfte, welche weit Edlerem gewidmet werden könnten, müssen dafür, wir können es nicht anders betrachten, verschwendet werden. Als wir hier die Anforderung stellten, das neu zu gründende Bürgerhospital solle nicht die Juden ausschließen, da rief man uns entgegen: ihr könnt ja doch nicht den dortigen Tisch theilen; wenn wir an den Freitischen der Königl. Universität uns betheiligen wollen, dann wird uns wieder dasselbe entgegnet, und was sollen wir darauf antworteu im Ramm der Gesammtheit? Bedenkm Sie aber ferner die