Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1845)
- Date
- 1845-07-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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244 nicht erwarteten, daß das Vertrauen auf die leidenschaftlose Prüfung leicht erschüttert werden konnte. Umsomehr geben wir «ns aber dem freudige«'Glauben hin, daß die besonnene und würdige Haltung der Versammlung sich dießmal wieder bewahren werde. Wir wiederholen eS daher: es hängt von der dießjährigen Versammlung sehr viel ab, und das allgemeine Urtheil, welches bis jetzt noch nicht abgeschlossen hat, wird erst durch sie naher bestimmt werden. Wollen Sie es uns daher auch nicht verargen, wenn wir Ihnen unsre Wünsche für dieselbe kund geben; nicht Fragen und Forderungen richten wir an Sie, wir wollen Ihrer Einsicht vertraue», aber als die Männer des Lebens glauben wir, Ihnen Bedürfnisse und Zuständx enthüllen zu müssen, die Ihnen vielleicht in Ihrer Stellung weniger bekamü sisd, weniger dringlich erscheinen mögen. Wir, die sämmtlichen Unterzeichneten, selbstständige Bürger und zum überwiegend größten Theile Familienväter, sind in pünktlicher Uebung aller alten jüdischen Satzungen, in der Heilighaltung des Iudenthums nach feiner ererbten Gestalt erzogen worden; das Leben und der Geist der Zeit begannen an uns zu rütteln, die Widersprüche und Schwierigkeiten erschütterten unsre Festigkeit, und indem wir das Iudenthum nach Aeußerlichkeit beurtbeilten, wurden wir kaltsinnig und gleichgültig dagegen. Die Bewegung in demselben weckte unsre Theilnahme; die Liebe zum väterlichen Glauben war nicht erloschen, sie war nur zurückgedrängt, und freudig umfaßte sie uns wieder, als eine Aussöhnung desselben mit der ganzen geistigen Errungenschaft, mit allen höhern Gütern der Zeit in Aussicht gestellt ward. Ohne diese Bewegung wäre der bereits herrschende Indifferentismus zu unheilvoller Macht gelangt, der begonnene Abfall vom Iudenthum in die Reihen der Gemeinden ohne Gegenwehr eingebrochen; während jetzt die innigste Theilnahme Alle durchdringt. Aber verhehlen wir uns und Ihnen nicht: in der Bewegung liegt die Hoffnung, sie ist jedoch nicht das Ziel und die Erfüllung der gerechten Wünsche. Wenn diese Strebsatnkeit, wie sie jetzt im Gebiete des Iudenthums herrscht, bloß ein unruhiges Treiben erzeugt, nicht endlich die Religion in der Gestalt erscheinen läßt, daß eine wahrhafte Befriedigung durch ihre Formen und Vorschriften in die Herzen eindringe, daß sie auf das bürgerliche und gesellige Leben nicht hemmend, sondern veredelnd einwirke, dann dürfte die Theilnahme leicht wieder erkalten und die Enttäuschung »och traurigere Folgen haben, als die frühere Hoffnunglosigkeit. Ern neues Geschlecht wächst heran, nicht in jenem dumpfen Hinnehmen, aber auch nicht in jener Ehrerbietung vor dem Bestehenden erzogen, ein Geschlecht, das gewissermaaßen erst für die Religion gewonnen werden muß, bei dem nicht die Theilnahme verausgesetzt werden darf: was soll sein Loos, was soll das Loos des Iudenthums sein, wenn beide sich einander fremd bleiben, jenes keinen Glauben, dieses keine Bekenner hat? Um dieser drohenden Gefahr zu begegnen, genügen nicht untergeordnete Flickversuche, dazu bedarf es einer ernsten Hervorhebung der ewigen jüdischen Wahrheiten und der Reinigung derselben von allem Schutte, der um sie lagert. Sie haben den Gottesdienst zum besonder» Gegenstände Ihrer Aufmerksamkeit gewählt; wir wissen, die Verbesserungen, welche demselben an vielen Orten und auch an dem hiesigen zu Theil geworden, sehr wohl zu würdigen, und verdanken diesen manche Stunde reicher Erbauung und Belehrung. Dennoch muß noch Vieles geschehen, wenn der Gottesdienst als ein Ganzes von veredelndem Einflüsse sein, wenn er nicht ein bloß verbesserter bleiben, sondern ein erhebender werden soll. Wir können mit den Aussprüchen der „ Auserwähltheit Israels", als genössen wir der besonder» Liebe und Bevorzugung von dem Vater aller Menschen, mit dem Wunsche einer Rückkehr nach Palästina kein frommes Gefühl mehr verbinden, und wir müßten den Gottesdienst entweder verlassen, oder als ein bloßes Lippenwerk mitmachen. Wir können ferner in einem Gottesdienste, welcher in hebräischer Sprache abgehalten wird, die rechte Erbauung nicht mehr sindm; wir ehren die Sprache, welche die Ursprache unsrer heiligen Bücher ist, sie soll aus unserer Mitte nimmer schwinden, aber zum Ausdrucke unsrer Gefühle ist doch nur die Muttersprache geeignet. Dem gegemvärtigen Geschlechte mögen auch noch die Gebete vielleicht theilweise verständlich sein, aber was werden unsre Kinder beginnen, die nicht ihre ganze Iugendkraft dieser einzigen Kenntniß widmen dürfen und sollen?- Sollen sie bei dem Worte, das aus dem Herzen strömen soll, ängstlich erst in einer etwa daneben stehenden Uebersetzung dessen Bedeutung erforschen? Die lange Dauer des Gottesdienstes und