Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1845)
- Date
- 1845-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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1845. V e fl age zum Israeliten -es neunzehnten Jahrhunderts. Nro SO, Sonntag den Z7* Juli ~ Denkschrift der Breslauer Israeliten an die Rabbiner-Versammlung in Frankfurt a. M. Aus weiter Ferne begrüßen wir Sie, hochwürdige Herren, freudig und vertrauungsvoll! Es ist eine erfreuliche und erhebende Erscheinung, daß die geistlichen Führer der Gemeinden mit Ernst dem Verfalle unserer Religion vorzubeugen, Maßregeln ergreifen wollen, daß sie es einsehen und aussprechen, nicht Leichtsinn sei die Triebfeder Derjenigen, welche oft selbst mit blutendem Herzen sich den bestehenden Satzungen und Gebräuchen entziehen, es sei vielmehr der quälende Widerspruch zwischen der allgemein herrschenden höhern Bildung, zwischen den Anforderungen, welche unsre Stellung im Staate und im Leben an uns stellen, und den harten Zumuthungen eines veralteten Systems. Wo eine Solche Einsicht die geistlichen Führer durchdringt, da dürfen wir ruhig den Blick in die Zukunft werfen, uns der Hoffnung hingeben, daß die Auswüchse und Mißbräuche aus unfern religiösen Bestimmungen weichen werden und das Iudenthum mit seiner reinen Lehre und seinen beseligenden Wahrheiten Allen wieder das höchste Gut, Alle fest umschlingen werde. Darum vertrauen wir Zhnen auch, hochwürdige Herren, und ehren den Muth, der Sie beseelt, der Sie die Angriffe verachten lehrt, welche von Männern ohne Kenntniß des Lebens und ohne wahre Bildung ausgehen. Die Zeit ist vorüber, in welcher ein Bannspruch, von Rabbinen geschleudert, Schrecken im Lager Israels verbreitete; nur ein Gegenstand des Mitleidens sind allen Verständigen jene Fanatiker, welche die Zeit mit ihrem Unverstände meistern wollen, ein Gegenstand des Abscheues jene Schwächlinge und Heuchler, die sich zu lächerlichen Demonstrationen mißbrauchen lassen, um den Ruf knöcherner Orthodoxie um sich zu verbreiten. Wenn diese Kundgebungen jedoch den Männern, welche im Leben sich bewegen, nur Bedauern einflößen, so mögen sie allerdings den Rabbinern, welche des Vertrauens ihrer Gemeinden bedürfen und sich nun verdächtigt sehn, wohl bedenklicher erscheinen und die Besorgniß erregen, daß doch ein Theil ihrer Gemeinden ängstlich werden und ihre Stellung gefährden könnte. Umsomehr achten wir den Muth, der Sie derartige Bedenklichkeiten überwinden lehrt, und wir rufen Ihnen ein Wohlauf! entgegen; wo überall ein so.reger Sinn herrscht, wo aber auch die wahre Frömmigkeit erstickt zu werden droht, da bleibt keine Wahl, und wie wir es Ihnen Dank wissen, daß Sie in Ihrer Wahl nicht schwankend werden, so müssen wir um der Feiglinge willen erröthen, welche die eigene Sicherheit höher stellen, als die Verherrlichung unseres Glaubens, als die Wohlfahrt der Gesammtheit. Mit um so gespannterer Erwartung sehen wir Ihren diesmaligen Berathungen und deren Resultaten entgegen. Wir dürfen es Ihnen nicht bergen, daß die Achtung und das Vertäuen, welche Ihren Versammlungen in Zukunft geschenkt werden sollen, von dem Geiste, der namentlich die dießjährige leiten wird, und von deren Aussprüchen sehr abhängig ist. Wir haben die vorjährige als eine mehr verbreitende betrachtet; die Beschlüsse über den Eid und die col-nidre-Formel waren uns willkommen, weit wichtiger aber erschien uns, daß Sie Kommissionen über die Liturgie und die Sabbatgesetze eingesetzt haben; größere Resultate konnten wir von einer ersten Zusammenkunft nicht erwarten, es mußten die Grundsätze, von welchen bei der so nothwendigen Reform äuszugehen ist, erst mehr Ktahrheir und Festigkeit erlangen, und wir zweifeln nicht daran, daß die aufmerksame Beobachtung und die ruhige Erwägung im Laufe des vergangenen Jahres diesem Ziele viel näher gebracht haben. In diese Rnhe trat eine gewisse gegenseitige Bitterkeit, welche in Ihrer eigenen Mitte sich kund gab und die Sie auch vor dem Publikum nicht zurückhielten, störend ein, und wir dürfen es Ihnen nicht verschweigen, daß uns da Manches begegnete , was wir von den ernsten und würdigen Männern