Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1845)
- Date
- 1845-07-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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»40 vorschützt, zur Ausfertigung einer oder ptfflTp rnnn für Geld aber Zeit in Ueberffuß hat. So, jetzt nehme ich Abschied von dir, Bonn, empfehle dich dem Schutze des Allmächtigen, und wünsche Nichts sehnlicher, als daß meine Absicht, öffentlich wider Deinen Seelsorger zu reden, nicht verkannt werde. Bon Trier läßt sich noch nicht viel sagen, da Herr Cahm noch nicht lange dort wirkt. Es ist indeß gewiß, daß derselbe den Fortschritt will, und daß er auch fleißig seinen Sprengel bereist. Tüchtige Lehrer arbeiten unverdrossen an dem schwierigen aber erhabenen Werke: Erziehung der Zugend und Heranbildung derselben zu Menschen, Zuven und Staatsbürgern; die Vorsteher lassen es sich angelegen sein, einen feierlichen Gottesdienst einzuführen: Andacht erregende Gesänge erschallen in den Räumen der schonen Synagogen zu Aachen, Wesel und Ruhrort, in welchen Orten gebildete Männer auch emsig in den Schulen Saamcn ausßreucn, der nur gute Früchte bringen kann. Viersen, Jülich u. a. m. stehen den vorhin benannten Städten nicht nach. So viel für heute! Ich hoffe, recht bald Ihnen Mehrercs und Interessantes berichten zu können. Zustände Ungarischer Gemeinden. Der Zweck dieser Zeilen ist, meine deutschen Glaubensbrüdcr, die mein Vaterland bereisen wollen, auf die bedeutendsten Ungarischen Gemeinden aufmerksam und mit deren intellectucllen, religiösen und finanziellen Zustände bekannt zu machen. Ich werde mich mehr erzählend als raifonnirend verhalten und die nackte Wahrheit dem freundlichen Leser vor Augen führen; möge man mich nicht mißverstehen, möge man mich keiner Jnconsequenz zeihen. Preßburg ist die erste namhafte Zudengemeinde, die der deutsche Reisende, der doch gewöhnlich seine Route über Wien nimmt, in Ungarn berühren muß. Preßburg zählt beiläufig 1000 Zudenfamilien, einige darunter gehören zu den Reichsten des Landes. — Der jetzige Rabbine, ein junger Mann, der kaum noch das Ben Koach Alter (nob p) erreicht hat, ist der Sohn des berühmten M. Sopher. — Schreiber dieses lebte einige Zeit in der Mitte dieser Gemeinde und begleitete die Leiche desjenigen Mannes zu Grabe, mit dem das Geschlecht talmudischer Koryphäen unterging. Zn Wahrheit, die ganze Zudenheit Ungarn's hat noch jetzt den Tod dessen zu betrauern, der durch seine moralische Größe, durch seinen wahren religiösen Sinn und durch umfassendes Wissen im Gebiete der jüdischen Theologie die Ve^-brung aller Frommen ''einer Nation genoß. Als M. Sopher starb, schrien die Preßburger Dale Batim, „le Boi est mort, vive le Boi“ und setzten auch wirklich dey jungen Sopher (sein Erbrecht lassen wir für jetzt dahin gestellt) auf den Thron seines hochverehrten Vaters. Ist aber auch der junge Sopher in der That befähigt, diese Stelle zu bekleiden? Ist er seinem großen Amte gewachsen? Diese Fragen wird die Zukunft beantworten, aber das müssen wir ein für allemal sagen, daß Herr S. W. Sopher auf Unrechtem Wege ist, wenn er die starre Stabilität seines VaterS mit eiserner Beharrlichkeit beibehalten zu müssen glaubt. Wer wagt ungestraft dem Geiste des Fortschrittes ein Halt zuzurufen? wer die Zeit zurückhalten will, der muß eben so stark als sie selber sein, ist er's nicht (wer könnte es auch sein!) so bleibt er wohl zurück, doch die Zeit schreitet ungestört vorwärts. Die an der Seite des Raw fungirenden Dajonim sind gute Talmudisten und gehören allesammt der alten Schule an..— Für die Bildung der Zugend ist durch zwei gut organisirte Schulen gesorgt, alle übrigen Anforderungen der Zeit gingen an der Preßburger Zudengemeinde spurlos vorüber, so z. B. wird noch nach mittelalterlicher Manier gepredigt und der Chasan gurgelt am Sabbat- und Festtag wie vor Ott'm's Zeiten, in einem das Trommelfell zerreißenden Gequak unverständlich her. Hier ist der Ort zu einer kleinen Schilderung der gottesdienstlichen Vorträge der alten Rabbiner, wie sie noch bei uns gehört werden. Der Rabbiner stellt sich an das Tabernakel; hier fängt er damit an, eine Stelle aus dem Talmud laut vorzutragen. Dann bemüht er sich darzuthun, daß irgend ein großer Rabbi — meistens muß Maimonidcs herhalten — in einem seiner Lehrsätze mit angeführter Stelle des Talmud nicht vollkommen übereinstimme, unv am Ende wird "durch 1000 Seitensprünge und Spitzfindigkeiten erwiesen, daß Maimonives im vollkommensten Einverständnisse mit dem Talmud sei. Alles was der Rabbine sagt, oder — auch nicht sagt, wird bestritten, dadurch geräth dieser in Eifer und wird immer lärmender, allein mit seiner Stimme verstärkt sich auch die seiner Herren Opponenten und jetzt beginnt das Geheul und Toben von beiden Setten. Zn der Folge theilen sich die Opponenten in zwei Parteien, wovon tzie Eine die Behauptung des Rabbi in Schutz nehmen, die Andere aber sie vereiteln will, dadurch werden beide so erbittert auf einander, daß sie oft in Flüche, Verwünschungen und in giftige Beleidigungen ausbrechen und endlich zu Rippenstößen, Backenstreichen u. dergl. übergehen. Nach diesem untröstlichen religiösen Abstecher, führe ich den geneigten Leser wieder auf die Lokalverhältnisse zurück. — Preßburg hat mehrere philantropische Vereine» unter diesen ragt besonders die Chewro D’QirP ’DDin, die sich zur Aufgabe gestellt, arme Waisen zu nützlichen Bürgern heranzubilven, durch