Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1845)
- Date
- 1845-07-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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239 Israelitische Zustande in der Nheinprovinz. (Vom Rhein.). Gestatten Sie es mir, mein verehrter Herr Redakteur, daß ich mich ihrer vielgelesenen Blätter bediene, um darin die israelitischen Zustände in unserer Provinz offen und wahr zu schildern. Flößt ja unsre Provinz schon um deßwillen ein besonderes Interesse ein, weil sie die Gleichstellung der Juden zuerst beantragte. Doch will ich mich nur an das Wichtigste und Naheliegende halten. Zuvörderst also vom Rabbinate Bonn. Bonn, der Sitz des Rabbinen, bietet uns wenig Erfreuliches dar; Zwiespalt herrscht in der Gemeinde, Unordnung im Gotteshause und in der Schule. Kaum glaube ich, daß sich daselbst eine befindet; denn die Jugend wird in Gymnasien, Bürgerschulen und Penfionen erzogen: keine Spur von Religionsunterricht, der Sohn lernt vom Vater, die Tochter von der Mutter — Gutes und Schlechtes! So sieht es aus in der Stadt, wo das Rabbinat seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, und in dem Orte, von wo aus der Glanz, dis Würde, die Achtung vor dem Rabbinen und dessen gutes Beispiel sich verbreiten sollte, so sieht es aus in Bonn, wo der Rabbiner mit leichter Mühe durch Wort und That segensreich wirken könnte, wenn er nur wollte. Aber er entschuldigt sich mit dem Vorgeben: „es fehle ihm an Macht, um energisch einschreiten zn können! Köln, diese große nbnp läßt sich in der Synagoge immer noch Arien, Märsche u. dgl. vortragen, hat aber eine Elementar- und Religionsschule und hört monatlich einmal die deutschen Vorträge des stuä. MI. Jsaacssohn.*) So auch Deutz, dessen Schul- und Svnagogenwesen mit dem in Köln gleichen Schritt hält. Wenn dieser Jsaacssohn predigt, so ist die Synagoge stets überfüllt von Zuhörern. Er spricht mit hinreißender Bcrcdtsamkcit rührt die Damen bis zu Thränen, zumal er häufig von Sterbebetten und Sterbcfällen spricht, schimpft furchtbar auf die Neologen , weshalb (?) er in Frankfurt a. M. verjagt worden ist und flickt in seine Reden lange und unverständliche Brocken aus dem Sohar, den er durch das Prädikat: ,^‘ripn “iniT" wichtig zu machen sucht, — ein Nachäffen seines Lehrers Pleßner — obgleich er selbst nicht dran glaubt. Er ist der Abgott der orthodoxen Welt; der Name Jsaacssohn, pnsr p(?wy ix ist Ehrfurcht einflößend, Alt und Jung bückt sich vor ihm, indenr Jeglicher der irrigen Meinung ist, er predige aus dem Stegreife. Ja, man würde es mir nicht glauben, wenn ich versichere, daß er IWM ntinö des Jahres 1842 eine Predigt des Herrn *) Es ist dieses derselbe, der die Frommen in Frankfurt a. M. so lange entzückte, welche ihn auch auf ihre Kosten studiren lassen. Dr. Herrheimer und zwar: „Das lehrreiche Bild von der Wanderschaft, freilich mit Brocken aus rem „fc'ripn ~imi" untermischt, wörtlich vorgetragen hat *). Doch nein, ich irre mich, nicht ganz wörtlich: wo Dr. Hcrrheimer von „der Einberufung zum Xticnfr' spricht, sprach er von der Ruhe, natürlich von der am Sabdawtage — und da mußten die armen Neologen wieder herhaln.".!. Ueberhaupt scheint es an der Tagesordnung zu sein, sich mit Federn Anderer zu schmücken; denn am 14. Febr. 1843 hörrc ich bei Gelegenheit einer Vermählungsfeier in Beuel, Bonn gegenüber, den Copulator, Hrn. Dr. Auerbach, ebenfalls ein recht langes Stückchen aus einer Traurede des Dr. Herrheimer ganz ungenirt ablesen. — Herr Herrheimer! Sie haben es sich wohl nie träumen lassen, daß bewährte Prediger und sogar Rabbiner Ihre Predigten einem zahlreichen Publikum vortragen! Wie oft mag das Volk Ihnen Beifall geklatscht haben, in der irrigen Meinung, es applaudire Demjenigen, der Ihre Geistesprodukte vorträgt; und mit welcher zarten Sehnsucht erwartet es stets den Tag, wo Jsaacssohn von seinen zwölf Vorstellungen eine gibt, nicht wissend, oder nicht wissen wollend, daß die Bewohner Bernburg's Manches schon vor Jahr und Tag gehört haben! Coblen; hat sich dadurch aus seiner Niedrigkeit erhoben, daß es einen hinsichtlich seiner Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Wirksamkeit tüchtigen Mann als Prediger und Religionslehrer angestellt hat. Es ist dies der Hr. Ben Israel, der gern das Synagogenwesen daselbst ordnen würde, wenn seine Stellung darnach geeignet wäre. Das Gotteshaus, resp. der Gottesdienst, entspricht seiner Bestimmung nicht; das Verkaufen der Mizwoth hat zwar aufgehört, aber nicht das Ableiern der Arien aus der „Entführung, Norma, oder dem Don Juan." Da es dem geistlichen Oberhaupte „an Macht gebricht, energisch einschreiten zu können", so kann man cs einem Andern nicht verargen, wenn er keine Verbesserungen vornimmt, indem ohne den Willen des Rabbinen gar nichts geschehen darf! — Das ist so ohngefähr der innere Zustanv der Hauptgemeinden im Rabbinate Bonn. Auf dem Lande sieht > es noch weit schlimmer aus; ganze und von Juden stark besetzte! Bezirke fiuv ohne Lehrer; und besitzt eine Gemeinde einen tüchtigen! Lehrer, oder hat eine musterhafte Synagogen-Orvnung, so geschah dies entweder aus eigenem Antriebe, oder sie steht unter keiner geistlichen Hohheit. Die Wahrheit des Gesagten kann Linz und Neuwied, ersteres durch seinen Lehrer, letzteres durch Feierlichkeit in der Synagoge, beide dadurch, daß sie keinen Rabbinen haben, bekunden. — Was nützte auch ein Rabbiner, der die Hände in den Schooß legt, seinen Sprengel nie bereist, ihm bekannte Uebelstände nicht zu beseitigen sucht, stets „Mangel an Zeit und an Macht *) Er vredigte damals in Deutz.