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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-07-20 · Heft 29 (20.7.1845) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 29 (20.7.1845)
Date
1845-07-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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»30 Geschichte des Tages. Pi, Reform und der Lutturverei« in Derlin. * (Berlin im Juni.) Es ist ein tiefer Zug der menschlichen Seele, durch welchen Einzelne wie ganze Massen die ersten Schwierigkeiten einer neuen Sache durch Muth, Eifer, Aufopferung, Selbstvcrläugnung und andere bewunderungswürdige Tugenden zu überwinden streben, welche vermöge ihrer Natur nicht von lange: Dauer sein können, und, da sie die quantitative Länge durch die qualitative Dicke ersetzen, es auch nicht zu sein brauchen. Nach approximativ erreichtem Ziele treten gen. Eigenschaften und Tugenden des Geistes in ihre organische Thätigkeit, in ihr früheres Geleise wieder zurück, wobei sie aber ihren Zielpunkt scharf und unverrückt im Auge behalten. Nachdem sie durch die Energie ihres Wollens und Thuns die große Sache in's Leben gerufen, räumen sie dieser ebenfalls ihr Recht ein, sich aus sich selbst, allerdings mit jener Zuthun, organisch zu entwickeln. — Zch wende dies auf die hiesige jüdische Kirchenreform an. Diese ist da, sie ist unwiderruflich da. Sie hat ihre Vertreter; sie hat ihre Gemeinde. Sie wird von einer geistigen, sie wird von einer materiellen Macht getragen. Erstere hat sie im Geiste der intelligenten Judenheit, hat sie im Geiste der Zeit, hat sie in der Wahrheit ihres eigenen Geistes und Daseins. Aber auch der materielle Hebel hat sich gefunden, der ihr in ihrem Prozesse beizustehen hat. Sämmtliche Mitglieder der Reform-Gemeinde haben freiwillig in reichlichen Gaben eine solche materielle Macht den Bevollmächtigten zu Gebote gestellt, daß letztere sich in Stand gesetzt sehen, auch von dieser Seite ihrer großen Sache einen schnellen Fortgang angedeihen zu lassen. Den 25. Juni hielt der hiesige Cultur-Verein seine etwas verspätete General-Versammlung für dieses Jahr ab, da sie an seinem Stiftungstage, welcher in Februar fällt, hätte stattfinden sollen. Die Ausarbeitung von neuen Statuten, welche an jenem Tage noch nicht zur Vollendung gediehen waren, ist die Ursache der Verzögerung. Das neue Statut, welches von einer besonders dazu ernannten Commission von 25 Mitgliedern des Vereins entworfen worden war, spielt die Thätigkeit der Culturgesellschaft vorzüglich auf das religiöse Gebiet hinüber. Ein merkwürdiger Griff des Zufalls'. Zur Zeit, als dieser Entschluß gefaßt wurde, hatte noch Keiner von den jetzigen Reform-Bestrebungen eine Ahnung, und schon griffen jene Männer, denen die Entwerfung des Statuts übertragen war, in das tiefe aber noch verborgene Gebiet der Zeit fast unbewußt ein. ehe es noch zur Reife der Erscheinung gelangt war. Der erste Paragraph des neuen Statuts heißt: „Der Cultur-Verein bezweckt die Verbesserung des Zustandes der Juden in Preußen in religiöser und socialer Beziehung." Der zweite Paragraph giebt die nähere Bestimmungen zur Erlangung dieses Zweckes an. Diese Paragraphen wurden von den meisten Mitgliedern als zeitgemäße Maaßregeln mit Wärme begrüßt, von den wenigsten mit Kälte ausgenommen. Die Abstimmung über ihre Annahme oder Verwerfung, welche bei einer so wichtigen Veränderung von den Vorstehern gegen das erste Statut gewünscht wurde, konnte nicht stattfinden, da sich kaum der vierte Theil der Mitglieder zur Versammlung cingefundcn hatte, und wurde so fast einstimmig bis auf den Monat November d. I. vertagt, wo die Jahreszeit eine größere Anzahl von Mitgliedern, wenn nicht alle, zusanunenführen dürfte. Es wurde jedoch ein Bericht von der Thätigkeit des Vereins während Jahresfrist abgestattet, und die literarischen Aequifitionen durch das Loos an die Betheiligen Übermacht, wobei der spaßhafte Fall vorkam, daß der Schriftsteller S. sein eigenes Buch „über Schellings alte und neue Philosophie" gewann. Die bekannten Gegner der Reform, die Herren Di*. Z., V. und L., haben sich unmittelbar nach Bekanntwervung des neuen Statuts als aus dem Vereine ausgeschieden erklärt. H o t d h e i ui. Schwerin, am 23. Junius. „Seitdem der politische Druck im deutschen Vaterlande von „unfern Schultern genommen, und in uns der aufstrebende „Geist sich seiner Fesseln entledigt, seitdem wir in Bildung „und Sitte ganz in das Leben der Gegenwart eingetreten, hat „die religiöse Befriedigung mehr und mehr aufgehört, welche „der Trost und das Glück unserer Voreltern gewesen ist. „Unsere Religion hielt unveränderlich fest an den Formen und „Vorschriften, in denen sie uns seit Jahrhunderten vererbt „worden; unsere Ueberzeugungen und unsere Empfindungen „aber, unsere innere Religion, der Glaube unsers Herzens „ist nicht mehr in Einklang mit dieser Gestaltung. Und wir, „stehen da in Zerrissenheit mit uns selbst, in Widerspruch des „innern Lebens, des Glaubens, mit dem äußern Leben dem „gegebenen Gesetz." In diesen Worten, mit welchem der Aufruf einer Anzahl achtbarer Juden in Berlin an ihre deutschen Glaubensgenossen beginnt, liegt für jeden denkenden und wahrhaft religiösen Juden eine schmerzliche Wahrheit und darum eine dringende Aufforderung, „zu retten aus der Zerfallenheit, was in unserer geistigen Gesammtentwickelung, was in unserm deutschen Leben fortbestehen kann und

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