Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1845)
- Date
- 1845-07-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ihnen nun hiemit, verkehrtester Herr Redakteur, unfern geistigen > und religiösen Zustand in kurzen Umriffen entwerfen, und wenn - Sie diesen Entwurf der gefälligen Aufnahme in Ihr geschätztes! Blatt gewürdigt haben werden, so werde ich mir die Freiheit! nehmen, nachträglich das Bild zu vollenden, so wie auch Manches! über die benachbarten Comitate zu referiren.! Lrentschin, kömgl. Freistadt und Haupiort des Lomitates, j hat die an Zahl bedeutendste Iudengemeinve. Diese Stadt ist an sich sehr unbedeutend, unv die Juden sind auch im Ganzen, ob sie gleich viel Handel treiben, wenig bemittelt. Nur die Nähe zu dem stark besuchten Badeort Töplitz bringt große Beweglichkeit in sie, aber auch die luxuriösen städtischen Bedürfnisse und Begierden , in deren Befriedigung sie die Summe der Urbanität und der Aufklärung des neunzehnten Jahrhunderts erblicken. In dieser aufgeblasenen Hohlhett und stumpfen Gefühllosigkeit kann es uns nicht befremden, einerseits ven alten Schlendrian am Ruder zu finden, anderseits aber jener spöttelnden Selbstgefälligkeit und Aufgeklärtthucrei zu begegnen, die gleichmäßig die Keime soliderer Bildung und klar bewußter und warm empfundener Religiosität anfressen und verderben. Der noch junge und erst vor wenigen Jahren augestellte Rabbiner ist ganz vom alten Schlage, von dem man sich in dem glücklichen Deutschland wohl keinen rechten Begriff mehr machen kann; doch treibt er sein Wesen ungehindert fort. Unsre Aufgeklärten bespötteln ihn zwar, aber darin geht auch ihre Aufklärung auf; das Bestehende durch ein Besseres zu verdrängen, — dazu vermögen sie sich nicht zu erheben. Es findet sich daher in unsrer Gemeinde von keinerlei Unterrichtsanstalten, von keinerlei neuen Vereinen oder Bestrebungen überhaupt, die jetzt überall mehr oder weniger zum Vorschein kommen, die geringste Spur. E» bildete sich zwar schon vor längerer Zeit eine Art Casino, es ist aber mehr nur dem Kartenspiele unv dergleichen als den fcinern gesellschaftlichen Genüssen und gegenseitigen freundlichen Annäherungen gewidmet. — Den geraden Gegensatz zu dieser Gemeinde bildet die noch ganz einfältige und mittelalterliche Gemeinde zu Var in, einem kleinen Marktflecken. Sie ist wenig zahlreich und großenthcils sehr arm; die Meisten sind Dorfgeher oder Haufirer. Der Rabbiner R. Naftali wird für die größte talmudische Autorität in Ungarn gehalten, aber sein sonderbares Wesen ließ ihn zu keiner höhern Stelle gelangen, ob er sich gleich bei jedem zu besetzenden Rabbinate unter die Bewerber stellt. Um so weniger konnte und wird er sein eiftig verfolgtes Ziel erreichen, zum Oberrabbiner des ganzen Lrentschiner Comitates gewählt zu werden. (Schluß folgt.) Sympathien für die Aabbincr-Versammlung. (Karlsruhe.) Folgende, von den achtbarsten Mitgliedern der hiesigen Gemeinde Unterzeichnete Erklärung wollen Sie gütigst in Ihrem auch bei uns warme Theilnahme findenden Blatte ausnehmen: Den vollsten Anklang haben auch in unserer Mitte die kräftigen Worte gefunden, mit denen eine Anzahl jüdischer Bürger in Heidelberg und Mannheim, dem gegen die erste und alle künftigen Rabbiner- Versammlungen geschleuderten Anathema der 77 Rabbiner entgegen getreten sind. Auch wir fühlen uns verpflichtet, diesen Gesinnungen uns öffentlich anzuschließen, da auch uns jene, zugleich ausdrücklich an die Laien gerichtete, Erklärung der Siebenundsiebenzig, sowohl durch ihren Inhalt als ihre Form in unseren heiligsten Gefühlen verletzte, und wir auch mit Bedauern einige badische Rabbinen unter denselben fanden. Unsere Religion kennt keine* hierarchische Gewalt; die freie wissenschaftliche Forschung in den Lehren des Judenthums und der hieraus hervorgehende in der eigenen Ueberzeugung wurzelnde Glaube ist das einzige Priesterthum, das wir anerkennen, und nur den Jüngern einer solchen Religionswissenschaft können wir die Entwickelung und Fortbildung unserer kirchlichen Institutionen anvertrauen. In diesem Sinne wurde an alle Rabbinen, zu welch' religiöser Gesinnung solche sich auch bekennen, eine Einladung zur gemeinschaftlichen Beratbung unserer heiligsten Interessen erlassen, und diese Richtung vertraten auch die Männer der ersten Versammlung. — Mit innigstem Danke begrüßen wir diese An. fange, mit den zuversichtlichsten Hoffnungen folgen wir der nächsten Versammlung, die in größerem Umfange diese hohe Aufgabe zu lösen bestimmt ist. Mögen alle Rabbinen, die dieses im wahren Sinne des Wortes find. L e h r e r I s r a e l s , die sich zur höchsten Aufgabe ihres Berufs gestellt, den Kern, die ewigen Wahrheiten unserer Religion der Zeit gemäß zu entwickeln, unfern heiligen Institutionen eine würdige Gestaltung zu geben, und so eine reine Erkennmiß, innige Liebe und lebendige Theilnahme für dieselben in der Mitte unserer Glaubensgenossen zu erwecken, besonders auch unter der Heranwachsenden Generation der leider nur zu deutlichen Abnahme der Deliziösen Gesinnung zu steuern, sich dem heiligen Werke zum Gedeihen unseres Glaubens anschließen. Mögen der ursprünglichen Aufforderung gemäß Männer der verschiedensten religiösen Richtungen recht zahlreich diese Versammlungen besuchen, und von den ihrigen abweichende Meinungen mit den Waffen des Geistes und der Wissenschaft widerlegen, damit