Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1845)
- Date
- 1845-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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aus dem freien Austausch der verschiedensten Ansichten die Wahrheit um so reiner hervorgehe. Vor Allem aber geht diese unsere Aufforderung an unsere badischen Rabbinen, welche durch zahlreiche Theilnahme an der künftigen Versammlung bethätigen mögen, daß auch in unserm Baden die Gesinnungen der Siebenundsiebenzig in der Minderzahl sich befindet. Karlsruhe, den 16. Mai 1845. (Folgen die Unterschriften.) *). Literarisches. j lieber die Rabbiner-Versammlung des Zahres 1650. Eine historische Abhandlung. Festschrift Sr. Ehr-; würden H errn I. Z. Oettinger, Rabbiner in Berlin, zu seinem 25jährigen Amtsjubiläum in Ehrfurchr geweiht von Selig Cassel aus Gr. Glogau. Herr Cassel gehört zu den Leuten die das Rad der Zeit vori überrollen sahen und dann den Staub, den es aufgewühlt har,; emsig zusammenkehren, und das nennen sie historische Bewegung. ' Herr C. weiß nicht blos, sondern sagt es auch, daß die Geschichte : einer Rabbiner-Versammlung im Jahr 1650 eine pure Erfindung ist, aber das verhindert ihn nicht eine englische Scharteke, welche diese Geschichte enthält, ins deutsche zu übertragen und mit cinenr des Textes würdigen Rotenplnnder zu versehen, und das nenn:; er eine historische Abhandlung. Und warum sollte er nicht? Scharteke bleibt Scharteke, ob ein Rabbi im vierten oder ein englischer Missionär im 17. Jahrhundert Fabeln geschmiedet hat, was ist der ' Unterschied? warum sollte das eine weniger eifrig commentirr, mit > weniger Ehrfurcht behandelt werden als das andere?! Eigentlich scheint diese Fest- und Ehrensäule hauptsächlich der! Spitze wegen, in welche sie ausläuft, errichtet worden zu sein, an j welcher nämlich die vergangene und alle zukünftige Rabbiner-Verj sammlungen gespießt werden. Die Mesfiasidee, ruft Herr Cassel,! ist in der größten Gefahr. Herr Selig Cassel kann im Abendlande! nicht selig genug werden, er will durchaus nach Palästina; wir! wünschen ihm nicht blos glückliche Reise, sondern daß es ihm ge, lingen möge, recht viele seiner Gesinnungsgenossen zu dieser Reise auf gemeinschaftliche Kosten zu bewegen. Die Messiasidee ist in Gefahr! Es ist Gefahr vorhanden, daß man den Gedanken aufgibt die Allmacht einst wieder durch das Abschlachten von Rindvieh zu *) Auch der Gemeinde-Vorstand in Darmstadt, dessen Rabbiner auch zu den 77 gehört, bat der Rabbiner-Bersammttmg seine Adhäsion in einer sehr schön geschriebenen Adresse zu erkennen gegeben. (Corresp.) versöhnen. Herr Cassel hat vollkommen Recht, die Gefahr ist nicht gering, denn es ist mitunter sehr, sehr nöthig, daß das Rindvieh abgeschl.-chtet wird. Herr C. wirft den Rabbinen vor, sie hätten zu viel Rücksicht auf das Christenthum genommen; wie ganz anders tritt er auf, der unerschrockene Laie! Mit welchem Muthe bedient er sich z. B. des liebenswürdigen Jargons, des Mischmaschs von hebräisch und deutsch, des theuren Erbstücks unserer Väter. Heißt Herr Oettinger zuerst auf gut christlich „Seine Hochwürden Herr Z. Z. Oettinger" flugs wird er eine Seite später auf gut jüdisch „Rabbi Zaacob Zosef ben Mvrvechai, der Gaon, Weise, Fromme, Gelehrte" genannt. Und warum diesen wohlklingenden Titel nicht da, wo er hin gehört, auf dem Titelblatte? sollte selbst ein Cassel angesteckt sein von der allgemeinen Seuche, und —was er an anderen beklagt — sich des Zudennamens schämen? Unsere denkenden Geistlichen mögen sich durch Schmähungen, wie sie diese friedliche Festschrift enthält, nicht in ihrem so hohen als schweren Berufe, das Zndenthum aus dem talmuvischen Schlamme zu ziehen, irren lassen, eingedenk der Göthe'schen Worte: So will der Spitz aus unserem Stall Uns immerfort begleiten Und seines Beüens lauter Schall Beweist nur, daß wir reiten. Sn. Miscelle«. Im allgemeinen Anzeiger d. D. vom 17. Mar 1845 (Nr. 130) äußert ein evangelischer Christ seine Gedanken über die Reform-Bewegungen in der katholischen Christenheit und in der Iuvcnheit, und zwar, was letzte betrifft, im wesentlichen dahin: „M't diesen Bestrebungen (in jener) gehen gleichsam Hand in Hand die gleichartigen Versuche vieler unserer jüdischen Mitbrüder in Religionösachcn den Weizen von der Spreu zu reinigen, welche ein Erzeugniß thörichter Menschensatzungen war, und somit der göttlichen Würde der Vernunft wieder zu mehreren! Recht zu verhelfen. Wir wollen ihnen von Herzen ein Vorwärts! zurufen. Die ehrenwerthen Männer, welche sich in Berlin, Breslau und Frankfurt an die Spitze stellten, mögen nur in ihrcur rühmlichen Eifer nicht ermüden und bedenken, daß das Samenkorn des Guten , wie bisweilen im Pflanzenreich, nur langsam keimt und sich entwickelt. Zhre Aufgabe wird hauptsächlich darin bestehen, im Gebräuche- oder Ceremonienwesen tüchtig auszufegen, einen glanzlosen, aber würdevollen Cultus herzustellen; Vorschriften, welche vcr Gesundheit Gefahr bringen können zn verwerfen und Ungebildete