Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1845)
- Date
- 1845-07-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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»LS ziehen. Ich frage zuerst, auf welche Partei soll diese Legitimitätserklärung wirken? Etwa auf die Reformgenoffenschaft selber? Diese hat ihren Schritt nur in der vollkommensten Ueberzeugung von seiner Loyalität gethan; sie hat keine gewaltsame Revolution beabsichtigt; sie hat nur ihre Bedürfnisse ausgesprochen, und von der Souveränität des tobten verachteten Gesetzes an die Souveränität der Gesammtüberzeugung appellirt. Braucht also die Reformgenossenschaft eine Rechtfertigung vor ihrem eignen Bewußtsein? Nein! Wird sie zum inner» Fortschritt erhoben, durch die dürre Anerkennung ihrer Eristen; als eines halb bedauerlichen fait accotnpli?• Nein! Was gewinnt also die Reform durch die bloße Toleranz der Rabbinen? Nichts! — Oder gewinnt sie vielleicht dadurch Anerkennung in den Augen der strengen Orthodorie? Gewiß nicht! Die Orthodorie würde auf den Protest der 77 Hinweisen, und um* höhnisch zurufen: Wer hat denn die Rabbiner-Versammlung für legitim erklärt; -ps tar\y “piy! Es bleibt nur noch die freilich zahlreiche Partei der Anhänger der neuen Rabbiner übrig, die Männer des gemäßigten Fortschrittes, die in der Rabbiner-Versammlung die Garantien der Reform sehen, und bei denen allerdings der Ausspruch jener Versammlung großes Gewicht hat. Bei dieser kann der Erfolg jener Anerkennung möglicherweise ein doppelter sein: entweder sie halten die Bewegung für berechtigt und schließen sich consequenterweise derselben an; dann wirkt die Erklärung der Rabbiner-Versammlung doch wie eine Aufforderung zum Beitritt, wie eine direkte Förderung, die sie eben umgehen wollte: oder die Männer des gemäßigten Fortschrittes schließen sich nicht an, und sehen, trotz der lauen Anerkennung der Rabbiner-Versammlung, die volksthümliche Bewegung demnach nur für eine auf den Umsturz des Bestehenden gerichtete Revolution an, und dann hat die ganze überflüssige Demonstration nicht nur nichts genützt, sondern wesentlich geschadet. Denn dadurch, daß die Rabbiner sich jedes direkten Einflusses auf die Reform-Bewegung vorsichtig entbalten, wird sich die Meinung erzeugen, als gebe es wieder im Iudenchum eine neue, über die bis jetzt äußerste, noch hi'ausgehende Partei von Reformern, und so kommt in das Bewußtsein der religiösen Gesammtheit eine neue Spaltung und Zerrissenheit. Und doch ist dies ein unheilbringender Irrthum! Die neueste Reform-Bewegung geht noch nicht ein Haarbreit über die Grenze hinaus, die das moderne Rabbinerthum schon vor 10 Jahren für den Fortschritt vorgezeichnet hat. Ich brauche nicht erst die Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie und Holdheim zu citiren um meine Behauptung zu beweisen; im Iuniheft der Frankel'schen Zeitschrift, zeigt Herr <5 im ton in einem Sendschreiben an den Redakteur, wie die Berliner Reformbestrebungen fast mit wörtlicher Uebereinstimmung sogar den Frankel'schen Standpunkt festgehalten, und daß sie eben nichts als den s. g. gemäßigten Fortschritt im Auge haben. Wenn Frankel darauf mit einer Erklärung antwortet, die weder warm noch kalt ist, und'eine Anerkennung mit hundert kleinen Hinterpförtchen zum gelegentlichen Entschlüpfen, sich abzwingen läßt, so liegt dies eben in dem Schwankenden und Haltlosen des Frankel'schen Standpunkts, der sich vor seiner eigenen Consequenz fürchtet, und nur mit rückwärtsgekchrtem Gesichte vorwärts zu gehen wagt. Von den entschiedenen Vertretern des Fortschritts verlangen wir aber entschiedene und ehrliche Antworten. — Die Rabbiner- Versammlung wird gestehen müssen, daß die Bestrebungen und Wünsche der neuen Vereine specifisch gar keine andere seien als ihre eignen. Der Unterschied der heutigen Bewegung von der Bewegung der letzten lO Iabre liegt nur darin, daß erstere eine volksthümliche und praktische werden will, daß die Gemeinde die Initiative ergreift, und der theoretischen Arbeit der Theologen eine Realität zu geben sucht. Dafür sollten die Rabbiner dem Volke Dank wissen, daß es ihren Tendenzen entgegen kommt, und ihnen so willig und begeistert ein Fundament giebt, worauf sie jene ausbauen können. Wenn die Rabbiner-Versammlung den Grundsatz adoptiren wird: „ alles für das Volk, nichts durch das Volk", so wird sie den Beweis liefern, daß sie wohl Reformen zu machen, aber nicht an der lebendigen Wiederverjüngung des religiösen Bewußtseins thätig Theil zu nehmen befähigt ist. Die Rabbiner- Versammlung wstrde ihre Stellung verkennen, wenn sie sich nicht der so günstigen religiösen Stimmung bemächtigte, um dieselbe zu leiten und auf ein positives festes Ziel zu bringen. Sie muß es als ihre Aufgabe ansehen, dieser sehnsüchtigen, über sich selbst halb unklaren Stimmung, zu einem sichern bestimmten Ausdruck zu verhelfen. Das ist das wahre Bedürfniß. Das Volk sagt: ich fühle was mir noch thut, Leben, Frische, Bewegung. Aber ich bin kein Arzt; ich habe Mißtrauen