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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-07-06 · Heft 27 (6.7.1845) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 27 (6.7.1845)
Date
1845-07-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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216 Miseellen. Aus der „Ansprache an die Juden der Stadt Glogau" des Hrn. Selig Cassel (Allg. Zett. d. I., 1845, Nr. 22,) erfährt man manches, wovon man früher keine Ahnung hatte. So vaß ein Selig Cassel auf Erden wandelt, daß er aus Glogau ist, „kein Rabbi, kein Rabbinats-Canvivat, kein dunkelmännischer (?) Talmuvist, sondern ein Laie, ein Schüler der historischen Bewegungen (?), die in der Vergangenheit fluthen" (?); daß Glogau die „alte «stadt des Glaubens und der Lehre, eine Stadt voll Bildung" ist, welche jedoch auch solche beherbergt, „die nicht dem jüdischen Ritus bis in alle Nüancen getreu" geblieben,- daß es in Berlin Männer giebt, die nicht etwa auf der Oberfläche der Spree, sondern „auf den oberflächlichen Tendenzen der Zeit schwimmen", die sich nicht in Weißbier, sondern „durch Phrasen" berauschen, „und untergehen" wie die Rotte Korah's? nein, — „in Ungewißbeit und Willenlosigkeit"; daß dort „dem Judenthum Manifeftrezepte (?) verschrieben werden, es aber anderer Heilmittel bedarf", insbesondere „des Wissens", überdies der Talmud-Thora-Schulen nach dortigem neu-polnischem Zuschnitte *); daß» „wenn in Israel alle weise, alle verständig sein werden, die Reform fertig, weil keine uöthig,,; daß „die Stimme der Vorwelt rührend" ist; daß „die Reue mit all' (sic!) ihren Uebelkeiten auf den verzückendcn Reformationsrausch folgt;" daß die jüdische Religion „den Waffen der Gothen und Sarazenen widerstanden;" daß, wenn die Glogauer Juven-Gemeinde sonst geistvolle Söhne als sogenannte Schaspolacken nach Berlin entsendet, woran der Ansprächige nicht erinnert, sie nun dort „ihren natürlichen Repräsentanten in ihrem geistvollen Sohne findet"; wohl in einem Sachspolacken, an den sie sich anzuschließen habe; und daß endlich die Ansprache „am Rüsttage (Rumpcltage?) des Pesachfcstes 5605" geschrieben ist. Herr Selig Cassel ist vielleicht ein Anverwandter des Herrn David Cassel, welcher, wiewohl oder weil gleichfalls aus der „Stadt voll Bildung", nicht gewußt zu haben scheint woher und wohin? und endlich bei dem kunstgläubigen Rabbinismus Dienst nehmen mußte. Hr. I. A. Ettlinger, Oberrabbiner zu Altona, schon bekannt durch scharfsinnige Untersuchungen, z. B. über die Weise, wie der jüdische Gegenfüßler das Esrog zu halten, wie ein Jude ohne Arme Lulab zu schütteln habe re., verdient durch seine Bemühungen um Wiederherstellung des alten Gebrauches frühzeitigen Begräbnisses (Allg. Ztg. d. I. 1845 Nr. 13), welcher der „Vernunftrcligion" einen „Rachen" geliehen, geeignet, „sowohl Judcnthum als Chriftenthum zu verschlingen", der „den Wolf erkannte / welcher die Heerde Israel zerfleischen will, (Radb. Gutachten über die Beschneivung S. 36, 37,) dieser Mustcr-Rabb. hat sich als Lrubscribenten-Sammler für das ungarisch-polnisch-rabbinische Sendschreiben (Nr. 13) nun noch neue Verdienste erworben. Nack dem bekannten Dtnys "WH ^3 bewegt sich Alles in der Welt kreisförmig; warum hätte der freisinnige Verfasser des biblischen Orients, Hr. Cha cham Bernays in Hamburg, nicht in eine kringelförmige Bewegung geratheu dürfen? m. vergl. Allg. Ztg. d. I. 1845, Nr. 21. *) Hr. Dr. Veit in Berlin und die ihm Gleichgesinnten, welche die dortige modcrnisirte Talmud-Tora-Anstalt patronisiren, mögen die Ansichten eines Ramensverwandten des Unternehmers Horwitz über jüdische Erziehung Nachlesen in der Correspondenz zwischen Hrn. L. Holländer in Epcrias und dem verstorbenen Oberrabiner zu Papa, Hrn. P. H orwitz, in Betreff der ungarischen Rabbiner-Versammlung vom I. 1844 (Beil. z. Allg. Ztg. d. I. 1845 Nr. 21.) Nachdem die Allg. Ztg. des Judenthums den Frankfurter Reform-Verein verschiedentlich todt zur Welt kommen, in der Geburt ersticken, auf sonstige Weise verscheiden, und sich in Nichts auflösen lassen, läßt sie ihn endlich in Nr. 20 d. I. sich selbst begraben, wahrscheinlich um ihn wieder auferstehn und neuerdings sterben zu lassen. Es ist sichere Aussicht vorhanden, daß das die Civilgesetzgebung verunstaltende, napoleonsche, sogenannte Juden -Decret in sammtlichen Rheinprovinzen beseitigt werde. Hr. Selig Cassel ist nicht blos ansprächig, er ist auch gesprächig, und hat sich über die vorjährige Rabbiner-Versammlung vernehmen lassen in der Nachschrift zu einer Festschrift, gewidmet dem Rabbi Jaakob Josef bcn Mardochai, dem Gaon, welcher sonst als Hr. I. I. Oettinger in Berlin bekannt ist. Hätte Hr. Selig in seiner „Aussprache" nicht das Gegentheil versichert, wir hätten ihn für einen von den romantisch gewordenen Bacherim genommen, die sich hier ustd da zu zeigen anfangen, und in fanitätspolizeilicher Hinsicht wohl einige Beachtung verdienten. Er hat mit denselben die anmaßende, aber hohle Gespreitztheit, das tönende, aber sinnlose Wort, die schwülstige, aber nichtssagende Phrase gemein. Ihn ärgert an der Rabb.-Vers. ganz insbesondere, daß sie sich in den Formen anderer europäischen Versammlungen bewegt, da doch grade die Formlosigkeit das jüdische Wesen charaktcrisire, im Gegensätze zum blos äußerlichen (?) germanischen (?); jene sei der „ganzen orientalisch gebauten (?) Natur" des Juden angemessen, die Form aber „eine occidentalische Fessel"; letzterer schreibt er die „blutlosen und begeisterungslecren (?) Wangen" der formvoll gewordenen Juden zu; ach, wer kann ohne Wehmuth an die blühenden Wangen der formlosen Bacherim, Rewwes rc. von ehedem denken! Einen persönlichen Messias scheint er zwar nicht zu erwarten, aber „die Meffiarve ist in der größten Gefahr", ruft er aus, sie, die „durch die Jahrhunderte versinnlicht (?), durch die Geschichte verkörpert (Jesus?) worden ist, ein Gedanke, auf den das Judenthum stolz sein darf, der der Trost des Geistes, der sich in der Geschichte selbst betrachtetes?), gewesen, und der die Thrane wischte aus dem Auge des Denkers, der in dem Vergangenen die Zukunft sah. „Der Jude", meint er, „wird nie Palästina vergessen, er soll das Land nicht vergessen; die Phantasie des Unglücklichen erbaut sich in Lustschlössern (!) der Vergangenheit; daß der messianische Gedanke (nach ihm ein Lustschloß der Zukunft) an das Land der Erinnerung anschloß, ist mehr als natürlich, ist rührend", und kann, darf man in seinem Geiste hinzufügen, der Wahrheit entbehren. Diesem Gedanken von den Gedanken der Vergangenheit von der Jukunft nachhängen, diesen Traum eines entschwundenen Traumes heißt er „den Muth einer Idee, einer Meinung haben". Ja wohl, der Muth einer Idee, aber einer fixen, die in's Narrenhaus gehört. Diesem geistvollen Sohne der „alten Stadt der Lehre und Frömmigkeit" dürste es übrigens nicht begreiflich zu machen sein, daß jene Männer zu Braunschweig die Messias- Idee geistiger, würdiger und mehr im Sinne der Propheten aufgefaßt haben, als die Zeit geistiger Ohnmacht und Nichtigkeit, für welche er zu schwören glaubt oder doch glauben machen will. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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