Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1845)
- Date
- 1845-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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315 gen. Anders aber ist es allerdings mit dem Rabbiner, der jene Erklärung öffentlich zu Papier gegeben und durch die That mehr als irgend einer dagegen handelt. Mit seiner Erklärung im Einklänge hätte er bei der Leiche seiner Frau als Seelenhirt seiner Gemeinde nüt dem Beispiel des Gehorsams gegen die Landesgesetze vorangehcn müssen, anstatt sie noch früher als irgend ein Laie begraben zu lassen, wenn das „noch früher" nicht als noch orthodoxer erscheinen sollte; seitdem er das Bann-Circular gegen die Rabbiner- Versammlung unterzeichnet, mußte er consequenter Weise die größte Energie und Thätigkeit entwickeln, ja, an die Spitze derjenigen treten, die der Regierungsverordnung ohne irgend eine Umgehung derselben nachzukommen den Willen haben. Doch wird dies eben so wenig.geschehen, als bis jetzt der ausdrückliche Wille des Königs, den er bei seiner Anwesenheit in Altona dem Rabbiner persönlich erklärte, daß Religionsunterricht und Constrmation der Jugend in den Herzogthümern statt finden solle, wie es im dänischen Staate schon seit langer Zeit Gesetz ist, zur Wirklichkeit gekommen sein mag. Was nur am meisten bei derlei Vorgängen auffallend, ja, fast unbegreistich scheint, ist, daß Herr Dr. Steinheim, der früher mit zum Vorstande gehörte, der sich großen Einstuffes rühmen kann, der schriftlich für die jüdische Sache in ihrer religiösen und bürgerlichen Seite so viele Theilnahme zeigt, sich handelnd so ruhig verhält und so wenig dazu beitragt, diesen und ähnlichen Uebelständen entgegen zu treten, die nicht dem Zndcnthume. sondern lediglich den Juden zur Last gelegt werden müssen, die aber von den Gegnern unserer Religion innerhalb und außerhalb Israels der Religion selbst zur Anklage dienen; als Arzt obenein, trifft St. doppelt der Vorwurf, diesem Treiben gegenüber so passiv sich verhalten und namentlich der absurden Behauptung des Physikus nicht sowohl offiziell als vielmehr literarisch opponirt zu haben. Doch so weit ist, wie ich schon oft gesagt habe, die Kluft zwschen Wort und That, oder, wie Lesfing sich ausdrückt, wie viel leichter andächtig schwärmen sei, als gut handeln. Bei solcher Sachlage aber, we sie wahrlich nicht blos in Altona vereinzelt sich findet, hat es nnt der Reform selbst, nach conservativer Ansicht, nicht eben viel auf sich, und bei solchen Bestrebungen in der Wirklichkeit hören sich die Phrasen, daß das Juventhum vie Bestimmung zur Weltreligion habe, in der That sehr lustig an. Die Reformers könnten mit ihrem Bekenntnisse vom Messiasreich, das sie immer voran schicken, noch lange warten; ehe die Zukunft zur Wirklichkeit wird, muß erst die Gegenwart eine Wahrheit sein. Reform - Bewegung in Giesen. (Giesen im Mai.) Die Protestation der 77 hat in der hiesigen israelitischen Gemeinde nur Gutes geschaffen. Hier war man nach und nach, verzweifelnd an eine bessere Gestaltung unserer religiösen Angelegenheiten, dem Indifferenlismus in die Hände gefallen. Doch kaum war ver hellige Krieg der doppelt heiligen Zahl 77 gegen die Beförderer des Lichts und der Wahrheit verkünd«, als man dahier sofort zur Einsicht kam, daß es letzt an der Zeit sei, den alten Fanatikern und Finsterlingen einmal ernst enigegenzutreten. Am 11. d. M. 'ocvp.mmdtcn sich -aber die Neformfreunde der hiesigen israelitischen Gemeinde zur Besprechung und Beratdung darüber, was nunmehr nach Lage ver Sache zu tyun sei. Man sprach sich allseitig dahin aus, daß die Bildung eines Vereins zur Beförderung der Reformzwecke im Allgemeinen nur von segensreichstem Erfolge sein dürfte, we^'-aib sich venn sofort die Versammlung als „Reformvereiu" eoustuuirre und zu ihrem Vorstande die Herren Rosenberg, Worms, Berlin und Falkenderg wählte. Darauf erössnete der Verstand seine Function damit, daß er der Versammlung Mütheilung machte von der Protestation ver 77 und eine Gegenerklärung gegen vieselbe beantragte, was auch die Versammlung sofort einstimm g beschloß unv ihren Vorstand mit der Revacnon dieser Gegenerklärung beauftragte. In der zweiten am!8v. M. stattgehablen Versammlung wurde vabcr die inzwischen abgefaßle Erklärung genehmigt unv ihre Veröffentlichung beschlossen. *) Auch beschloß rie Versammlung zur Bildung einer Kaffe für Förderung der die form uv ecke Beiträge zu leisten, und es wurden auch sogleich von ven Anwesenden zusammen über 50 st. gezeichnet. Uebrigens zählt unser Verein bis jetzt 25 Mitglieder, alle dem intelligenteren Theile der Gemeinde angehörend und fast die Mehrzahl derselben bildend. Er wird vorläufig blos observativ zu Werke gehen, d. h. die Reformbewegungen in anderen bedeutenderen Städten , wie z. B. Berlin, sorgfältig beobachten und im Uebrigen die Beschlüsse der nächsten Rabbiner-Versammlung abwarten, denen sodann in hiesiger Gemeinde alsbald Eingang verschafft werden soll, was um so leichter sein dürfte, als man dahier auch eigentliche Schwierigkeiten kaum stoßen wird und von unserem Rabbiner» Hrn. Dr. Levi — der ohne Zweifel der nächsten Rabbiner-Versammlung anwohnt — ein energisches Auftreten im Sinne des größten und emfichlsvolleren Theils seiner diesigen Gemeinde sicher zu erwarten steht. Gott gebe, daß die Rabbiner-Versammlung wesentliche unv recht zahlreiche Beschlüsse fassen möge, damit die aufgeregten Gemüther beruhigt und dadurch einem Schisma vorgebeugt werde, zu dem man im äußersten Falle auch bi« schreiten müßte. «. *) Der Hr. Corresponvent bat uns diele in würdiger und energischer Weise abgefaßte Erklärung mitgetheilt, die wirjedoch wegen Beschränktheit des Raumes nicht geben können. D. R.