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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-07-06 · Heft 27 (6.7.1845) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 27 (6.7.1845)
Date
1845-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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311 noch immer sagen zu müssen, daß die „deutschen Männer Israels, denen das Licht des Tages in seinem vollen Glanze aufgegangen und die den jüdischen Orientalismus verabscheuen und deren Satzungen mit Füßen treten, damit allein fich nicht begnügen dürfen," sondern von den Männern, die in den deutsch-katholischen Gemeinden an die Spitze treten, ein Beispiel nehmen möchten, „die das Joch der Hierarchie nicht getragen, die der Katholicismus in ihrem Privatleben nicht beengt, die in ihrem erleuchteten Geiste über die kirchlichen Formen erhaben find." Sie haben nicht sowohl für ihre persönliche religiöse Freiheit, als vielmehr für dieVolksbefreiung von papistischen Satzungen und Einflüssen" den Kampf begonnen; aber die deutschen Männer Israels freuen fich nur ihrer eigenen religiösen Aufklärung und ihres eigenen freien Lebens, haben aber kein Mitleid mit dem armen Volke, das der Rabbinismus so umsponnen und zugeschnürt hat, daß cs fich kaum bewegen kann! Es ist von mehreren Rabbinen mit vieler Selbstgefälligkeit behauptet worden, daß im Zudenthum nicht, wie im Katholizismus, eine festbegründete Hierarchie eristire, und ich glaubte daher mit Wenigem Nachweisen zu müssen, „d'ß fich im Iudcnthum eine noch drückendere Despotie des todten Buchstabens, des orientalischen Ceremoniendienstes und des hohläugigen Rabbinismus" entfaltet hat, wie das talmudische Iudenthum den Rabbinen eine noch größere persönliche Heiligkeit und Macht vindicirt, als der Katholizismus den Priestern, und daß „die Freiheit, die die jüdischen Individuen jetzt privatim genießen, nicht im Iuventhum begründet ist, sondern in der Nichtanerkennung res rabbinischen Kirchenrechtes von Seiten der Staatsgewalten. „Die deutschen Staatsregierungen fangen an, auch den jüdischen kirchlichen Verhältnissen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und den anarchischen Zustand in gesetzliche Schranken zurückzuführen. Sie können hiebei aber natürlich nur auf dem historischen Boden des Iudenthums fußen, fie können nur das als berechtigt anerkennen, was bereits seine geschichtliche Eristenz in einer kirchlichen Form ausgeprägt hat." Gelangt nun einmal das historische Iudenthum und mit ihm das rabbinische Kirchenrecht zur staatlichen Anerkennung, dann wird unfern jüdischen Männern, die fich jetzt so viel auf ihre individuelle Freiheit zu Gute thun, nur noch die traurige Alternative bleiben, entweder aus dem Iudenthum gänzlich auszuscheiden, oder das rabbinische Joch mit zu tragen. Man muß es zwar gestehen, daß es jetzt nicht wenige neuere Rabbiner gtebt, die gegen den Rabbinismus aus allen Kräften ankämpfen und mit der aufrichtigsten Hingebung für die innere Freiheit des Iudenthums streiten; man kann es fich aber auch nicht verlaugnen, daß viele den ungemessensten hierarchischen Zwecken nachjagen und mit dem alten Pharisäismus anch noch die jesuitischen Künste verbinden; während die meisten fich nach dem Winde drehen und gewiß nicht den Muth haben werden, aus dem fichern historischen Kirchenrecht herauszutreten. Aus dem Gesagten dürfte es nun erhellen; daß die Anknüpfung jener Brochüre an die deutsch-katholische Bewegung dem Plane und Zwecke derselben angemessen war und daß der Schein der Nachahmung oder gar der Nachbeterei von einem vorurthcilsfreien Gefichtspunkte aus gänzlich verschwindet. Was aber die Bezeichnung: „deutsch-jüdische Kirche" betrifft, so möchte ich das deutsch-jüdische nicht nur im Gegensätze zum polnisch-jüdischen Elemente, sondern übrhaupt zu allem nicht-deutschen, es sei orientalisch, over polnisch re. verstanden wissen. Die deutschen Juden sollen nur Deutsche und Juden sein, alle nationalen Beziehungen zu Palästina und zu den Juden anderer Länder müssen durchschnitten werden, unv nur das reine, an keinen Boden und keine Zeit gebundene Iudenthum sollen fie mit den übrigen Juden gemein haben, im Uebrigen aber nur Deutsche sein. Ueber den Ausdruck: „Kirche" mag ich aber, ob er mir gleich unanstößig erscheint, nicht richten, wie ich denn überhaupt Einzelnes gern fahren lasse, wenn man nur, wie Ihr geehrter Correspondent, im Wesentlichen mit jener Brochüre übereinstimmt, unv fie nicht, von ihrer Wahrheit getroffen, boshaft verläumdet. — Wahlkampf. / (Frankfurt a. M. im Juni.) Dieser Tage hatte die jährlich wiederkehrende Wahl dreier neuen Mitglieder in den israelitischen Gemeinde-Ausschuß statt, und es fanden fich dabei, zum ersten Male seit mehreren Jahren, die Poinisch-Rabbmischen wieder ein. Allein wie immer und allenthalben, wann und wo fich diese Partei bei uns öffentlich zeigt, blieb fie auch diesmal in der Minderheit, und konnte keinen ihrer Candidaten durchsetzen. Was fie zu diesem Wiederauftreten bewogen, war der Umstand, daß seit der Anwesenheit des Herrn Stein ihre Gegner keine compacte Masse mehr bilden, indem die einen fich mit den von demselben bei dem Gottesdienste vorgenommenen Reformen vorerst zufrieden gestellt fühlen und noch andres von ihm erwarten, die andren von demselben nichts erwarten. Im Leben beobachten fie sämmrlich die Sabbat-, Speise- und Ceremonialgesetze nicht, auch der Wunsch nach Reformen ist ihnen gemein. Sie unterscheiden fich insbesondere dadurch. daß die einen es wollen kommen lassen, und aut die Zeit vertrösten, eigentlich fich freiwillig selbst täuschen, während die andern meinen, dabei komme nichts heraus, die Zeit an fich helfe niemals, immer feien es Menschen, von denen die Hülfe komme, und der Himmel helfe dem, welcher fich selbst helfe. Diesen inneren Zwiespalt ihrer Gegner hatten nun die Polnisch-Rab-

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