Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1845)
- Date
- 1845-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DSL Ihnen, Hr. vr. Hyldheim; cbeusswcnigfM Aeußerung 8. 49, „ es sei Zeit, daß man nicht mehr den schweren Folianten, ohne sie. aufzuschlagen, eine unschuldige Aeußerung ablauere": was sollen die Worte „ohne sie aufzuschlagen" bedeuten? wissen Sie etwa, wie oft oder wie selten ich diese Folianten ausschlage? oder was wellen Sie 8. 50 damit sagen, das; „eine genauere Kenntm'ß des Talmuds das moderne Verfahren der Reformatoren zurückweise"? fangen Sie auch an, Jedem, der nicht mit Ihnen übereinstünmt, geringere Kcnnlinß des Talmuds zuznschrer-en? überlassen Sic doch diese Wendung Denen, die keine bessere Waffen babenOder wollten Sie bloß das Vergeltungsrccht üben für den Ausdruck auf S. 26 meiner Predigten: „Wer den Talmud kennt, ich meine nicht, wer alle seine verschlungenen Windungen ewig durchkriecht mit' Maulwurfsaugen, sondern wer ihn kennt in seinem innersten Geiste, der weiß, daß dieses Riesenwerk nicht bloß die freisinnigsten Ansichten einschließt" u. st w. .Beinahe scheint es so, denn Sie nennen diesen Ausdruck unpassend im Munde eines Rabbiners; doch hatten Sie nicht übersehen dürfen, daß das Wörtchen „ewig" meinen ZM auf diejenigen einschränkt, welche aus der bezeichnetcn Art, den Talmud zu studiren, niemals aufsteigen zur Bildung eines eigenen Urtheils über ihn; daß mir aber am wenigsten eingefallen sein kann, das Studium des talmudischen Details auch als Vorarbeit vornehm zu verwerfen, da ich allein es war, der in der R.-V. wicderholentlich die Rothwendigkeit hervorhob, ihre Beschlüsse auf die gründlichsten talmudischen Voruntersuchungen zu basiren. Eben so unrecht war es, Herr Dr. Holdheim, daß Sie S. 51 sagen, „ man müsse, wenn man auch nur die Ahnung eines kritischen Bewußtseins in sich verspüre, vorerst untersuchen, ob unsere religiöse Anschauung Formen überhaupt und welche nothwendig mache". Ob ich die Ahnung eines kritischen Bewußtseins in mir verspüre, darüber will ich mit ihnen nicht rechten; das aber kann ich Ihnen versichern, daß ich untersucht habe, und gefunden zu haben glaube, unsere religiöse Anschauung, die keine andere sein kann als eine in dem Wesen des Menschen begründete, mache Formen nothwendig, und zwar solche, die unseren übrigen Anschauungen vollkommen entsprechen, aber, wenn es irgend angehet, aus alten Formen hervorgebildet sind. : Was den Inh-jt IhlA Angriffe grifft, so habe ich Ihnen Folgendes entgegenzuftellen. Sie sagen S. 48, ' „ der ganze Talmud strafe meine Ansicht (daß im Messiasreiche das Ceremvnialgesetz nicht mehr herrschen werde) Lügen; auch seien die (von mir) dafür angeführten Aussprüche nur agadische Floskeln; für die Ewigkeit des Gesetzes nach talmudischer Ansicht zeuge Ioma 5, 6, auch vergleiche man Chullin 17, a und Ascher bcn Iechiel daselbst." Zuvörderst ist hier zu rügen, dass Sie Anfangs den ganzen Talmud gegen mich zum Zeugen anfrirfen ,' und dann zum Beweise nur zwei Citate geben, von denen überdies das zweite ganz und gar nichts hieher Bezügliches enthält, abgesehen davon, daß ein Ascher ben Iechiel zu Chullin 17, a nicht cristirt; und bliebe also nur ein talmudisches Citat gegen.meine zwei „agadischen Floskeln" übrig. Nun aber gebe ich Ihnen im Voraus zu, daß der Talmud andere *) Stellen enthält, welche die ewige Verbindlichkeit des Ceremonialgesetzes zur Voraussetzung haben; habe ich dies aber jemals gelängnet, und etwas Anderes gesagt, alsdaß der Talmud die Sätzexust -i'Nph vN' onyien enthält? und die enthält er ja doch einmal! Ich bilde mir nicht ein, mit meinem Bewußtsein im Talmud zu stehen, wie Sie mir aufbürdcn; ich bin mir vollkommen bewußt, daß mein Bewußtsein ein ganz anderes als das talmudische ist; ich glaube aber, daß ich mit demselben Rechte und, wie ich meine Glaubensgenossen kenne, auch nn't demselben Nutzen aus^ dem Talmud vereinzelte freisinnige Aussprüche anführen kann, mit welchem' Sie und ich freisinnige Aussprüche der Propheten beibringen — Beides geschieht, um am Ende eine veredelte Gottesverehrung herbeizuführen, zunächst aber znm Beweise, daß unsere heutigen Lehren nicht so neu sind, als sie den Meisten erscheinen. Fürchten Sie, daß in Folge meines Verfahrens der Talmud in den Ruf der Frcisinnigkeit kommen, und *) Aber um wenige; in mir hat das Studium der talmu- ' Aschen Literatur die Ansicht hinterlassen, daß, im Widerspruch mit jenen wenigen Stellen, im Ganzen in ihr die Erwartung einer zwiefachen Zukunft herrsche, einer vielleicht nahen, in welcher der jüdische Staat und der Tempel wiederhergestellt, sein werde, daher das häufige n’Zl Ino, und einer sehr fernen, in welcher die Bekehrung aller Völker zu dem Gotte Israels werde vollendet sein; und die Annahme, daß in jener ersten Zukunft das Ceremvnialgesetz in voller Kraft sein werde, nicht aber in der zweiten , um die es sich aber gerade auf unserem Standpunkte handelt.