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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-22 · Heft 25 (22.6.1845) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 25 (22.6.1845)
Date
1845-06-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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106 tische Verbindlichkeit gegen die Totalitär unserer Gemeinde, welche und streng gebietet, weder für noch gegen eine abgegrenzte Partei uns auszusprechen, um kernen Theil unserer Gemeinde uns zu entfremden, um nicht gerade diejenigen unempfänglich für unseren geistlichen Einfluß zu machen, welche desselben am meisten bedürfen? — Die Frage: soll ich mich für ein Prinzip aussprechen oder nicht: bringt den gewissenhaften Rabbiner eben wegen dieses scharfen Theilens unserer Gemeinden in zwei Parteien in die größte Verlegenheit. So lange der Rabbiner sich in der Mitte beider Parteien hält, so lange werden die einzelnen Nüancen der verschiedenen Glaubensfarben in einander fließen und sich verbinden, tritt aber der Rabbiner mit einem entschiedenen Prinzipe auf, so wird flugs eine Gegenpartei mit einer Unterschriftensammlung auftreten und die Erklärung abgeben: das Prinzip des Rabbiners wird von uns nicht anerkannt! und das bis fetzt noch namenlose, darum auch noch nicht firirte Schisma im israelitischreligiösen Leben erhält einen Namen, dadurch seine Abgrenzung und seine Constituirung. — Ich höre zwar im Geiste Dich, fragen: ist denn dem Iudenthume anders zu helfen, als daß das in seinem Leben sich vorsindende Schisma auch als solches Gestalt und Namen empfange? sind die Gegensätze zwischen dem Taschlich- Macher und dem Leugner einer inspirirten Offenbarung nicht so streng polarisch, daß an einen Jndifferenzpunkt zwischen beiden nicht zu denken ist? wird nicht der religionslose Haufe im Iudenthume aus den Schaaren der Orthodorie sich immer starker rekrutiren und endlich zu einer furchterregenden Größe heranwachsen, wenn wir ihm nicht entgegentreten und das religiöse Gemüth retten, so lange noch Rettung möglich ist? — Deine Frage verdient allerdings Berücksichtigung und besonders deßhalb, weil der stupide sich selbst überlassene Ceremonien-Mensch, sobald ihn Lectüre oder Umgang aus seinem Traumleben aufrüttelt, nicht zu einer reinen gemüthlichen Religion, sondern zu einem abergläubigen Unglauben überschlägt, der für ihn verzweifelungsvoll und für seine Umgebung grausenhaft sich darstellt. Eröffnen wir aber dem Israeliten, welcher noch religiösen Sinn und religiöses Gemüth besitzt, ein Gebiet, wo er mit Liebe ausgenommen wird, wenn er durch den Einiluß der Gegenwart aus dem Ceremonien-Gebiete seiner Kindheit sich vertrieben fühlt, wo er für Geist und Herz die Nahrung findet, welche ihm seine alte Wcrkheiligkeck nicht mehr bieten konnte, dann haben wir ein Religionsleben gerettet, welches beglücken und beseligen kann. Es ist wahr, nach der Theorie kann nur die Ausstellung eines Iudenthums, welches den intellectuellen und gemüthlichen Anforderungen der Gegenwart entspricht, Hülfe und Versöhnung bringen, und doch sagt mir ein gewisses Gefühl, daß dieses in der Praxis für die Gegenwart noch unausführbar sei. Du stehest, lieber A. ich will mich durch eine vorgefaßte Meinung nicht selbst tauschen, ich kämpfe noch mir mir selbst, auf der einen Seite drängt sich mir unabweislich die Nothwendigkeit auf: ein Prinzip für unsere Wirksamkeit festzusetzen und auf der anderen Seite machen sich wieder solche ernsthafte Bedenklichkeiten geltend. Hier rufen mir unsere israelitischen Brüder zu Frankfurt, Berlin, Breslau, Königsberg u. v. a. zu: Wir lauschen auf eure Berathungen, wir lassen uns aber nicht täuschen durch euere schönen, aber leeren Phrasen! dort rufen uns ebenfalls Glaubensgenossen und Freunde des Iudenthums zu: „Ihr Weisen seid vorsichtig mit euren Reden" damit ihr nicht mehr schadet als nützet! Ich gestehe Dir, ich fühle die Wichtigkeit unserer Aufgabe in ihrer vollen Größe; ich fühle es, daß wir unsere Lebensaufgabe nicht lösen, wenn wir in indolenter Unthätigkeit für unsere Besoldung weiter nichts thun als manchmal ein triviales Thema herunterpredigen, Kopuliren und — paskenen; ich fühle es, daß unsere Literaten gedroschenes Stroh dreschen, wenn sie mit vornehmer Professoren- Miene Nachweisen, daß der Raschbam zwei Monate früher gestorben ist als man bisher glaubte, und daß jenes Stückchen Piut nicht wie bisher allgemein geglaubt wurde vom Rabbi Elieser Hakalir, sondern vom Rabbi 38. ben 38. herrühre; ich fühle es, daß wir am Rubikon stehen daß ein Janus-Kopf nichts mehr taugt, und doch frage ich mich; ist mein Gefühl ein richtiges, ein segenbringendes? — Jedenfalls glaube ich, daß dieses Jahr die Rabbiner-Versammlung die Frage nicht zurückweisen kann, ob über die Nothwendigkeit der Feststellung eines leitenden Prinzips diskutirt werden soll oder nicht, sie wird dann die Nothwendigkeit anerkennen und ein Prinzip feststellen, somit einen Standpunkt bezeichnen müssen, von welchem aus sie bei ihren Thätigkeiten sich bewegt. Wie sich dieses leitende Prinzip gestalten wird, soll die freie Diskussion uns lehren,

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