Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1845)
- Date
- 1845-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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195 gungsbekenntniß, ein Bekenntniß, was auf dem Gebiete der Religion für uns Autorität hat und was nicht? dieses verlangte ich und dieses möchte ich noch heute verlangen. Was ist normgebender Coder des Judentums? Der Schulchan Aruch mit allen seinen Randglossen und Commentaren? der Coder des Maimonides? die unentschiedenen Disputationen des Talmuds nach den später über dieselben aufgestellten Entscheidungsregeln? oder ist es die außerhalb der Disputation liegende vom Talmud selbst als solche ausgesprochene Halacha? Oder sollen wir über das Materielle des Talmuds binausgebc'n und nur die heilige Schrift als normgebendcn Coder aufstellen? Dann frage ich von Neuem: Soll die heilige Schrift streng nach ihrem Buchstaben aufgefaßt werden, oder nach ihrem, besonders in den Propbeten, sich uns darstellenden Geiste? Dürfen wir die heilige Schrift interpretiren und in derselben zwischen relativ wahren und absolut wahren Lehren und Vorschriften unterscheiden? Wie dürfen wir sie interpretiren? soll der Talmud, wenn wir auch dessen materiellen Gehalt aufgeben, doch in feiner formellen Methode, weil sich diese im Iudenthume eine historische Basis errungen hat, für uns normativ sein, daß wir etwa behaupten: so wie d e Talmudisten zu ihrer Zeit für ihre Gegenwart die heilige Schrift rationell r'nterpretirten, so wollen wir sie in unserer Zeit für unsere Gegenwart rationell interpreriren, und somit gänzlich als Rabbaniren in dem organischen Entwickelungsgange des rabbinischen Iudenthums stehen bleiben, oder sollen wir bei unserer Interpretation auch nach einer neuen Methode greifen, etwa nach der kritisch-philologisch-philosophisch-historischen der heutigen Wissenschaft? Doch ich schließe meine Fragen, man hat mich, wie Du weißt, ihrethalben schon einmal nicht mit den delicatesten Prädikaten bezeichnet; aber es sind nach meiner Ansicht stets diejenigen Fragen, welche vor Allem beantwortet werden müssen, wenn unsere Berathungen nicht gar zu unsystematisch und verworren sein sollen. — Ich kann es wahrlich nicht begreifen, wie nur irgend ein Gegenstand der Commissionen-Arbeiten erledigt werden kann, ehe diese Vorfragen beantwortet sind. Ihr wollt ein Ehe-Recht entwerfen? Wie dünket Euch denn um den Eben Haöser und allen seinen ihn stützenden Autoritäten? Ihr wollet den Gottesdienst umbilden? Wie, „darf man die Münze verändern, welche unsere Weisen prägten "? sehet Euch vor! „wer den Zaun einreißr, den wird die Schlange beißen." Idr wollet über Sabbach-Gesetze sprechen? Himmel! über Sabbath-Gesetze, welche in der heiligen Schrift so streng dastehen, daß ein armer Teufel, welcher am Sabbatb nur wenige Holzspänchen aufsuchte, deßhalb gesteinigt wurde, und ibr wagt es die erste Mischna im Traetat Sabbarh in's Lächerliche zu ziehen? Fühlt Ihr es denn nicht, daß Euch der Boden unter den Füßen fehlt? Mir ist es ein reines Räthsel, wie man das Dach vollenden will, ehe das Fundament angefangen ist! So lange wir nicht ausgestellt haben: dieses ist uns Autorität und jenes nicht, so lange dürfen wir gesetzlich kein Stückchen Pint aus unserer Synagoge entfernen. — Wir dürfen es zwar nicht verkennen, daß die Ausstellung eines leitenden Prinzips auch ibre bedenkliche Seite har, sowohl für die ihm huldigenden Rabbiner, als für das einheitliche Band unserer Gemeinden. Vor Allem nöthigt uns der Gedanke an. die materielle Subsistenz zu der Frage: kann und darf der Rabbiner em begrenztes Prinzip als leitende Norm seiner Bestrebungen aussprechen? denn mit diesem Aussprechen tritt er entschieden für die eine und gegen die arll auf, wird nun die gegnerische Partei, befer sie die rabbi'm'sch-ortbodore ist, nicht alle mö tel aukbicten solch einen Rabbiner zu verketzern * »v.a' sie nicht alle ihre Angestellten, nämlich die Zwicker die Esrogim-, Seforimn. dergl. Händler, die talmu dischen Celebritäten, die ohne dieses talmudische Wissen in ihre Nullität herabsinken, u. dergl. nrehr, anfenern, ihn zu verfolgen und zu verdrängen? wird sic nicht alle ibre goldnen Hebel, und diese sind oft sehr mächtig, in Bewegung setzen um ibn „mit der Wurzel auszureißen"? was soll dann dieser brodlose Rabbiner mir seiner hungrigen Familie beginnen? sotten wir etwa Viehhändler werden, wie Herr N., oder dürfen wir erwarten, daß unsere modernisirten Glaubensgenossen, welche so gern die erleuchteten sich nennen lassen, uns durch materielle Mittel unterstützen werden, sie, welche größten Tbeilo nur für Course und Geschäfte Sinn und Energie besitzen, welchen eine wahrhaft heilige Begeisterung für ein reines Iudenthum der Gegenwart noch lange nicht inwohnt? — Doch gesetzt, wir besitzen diese Kraft zur Selbstverläugnung und Aufopferung, so drängt sich uns dennoch ein Bedenken höherer Art auf in der Frage: haben wir nicht vermöge unserer Anstellung eine mora-