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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-15 · Heft 24 (15.6.1845) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 24 (15.6.1845)
Date
1845-06-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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189 Die Schrift von vr. Lasset; Vas Cor.iite in der Aesormangelegenheit; die Deform in ver alten Synagoge. Berlin. Mit einem eignen Gefühle lege ich die neulich erwähnte Schrift des vr. Cassel gegen die Reformbestrebungen aus den Händen. Nichi die Enrrüstung über den hochfahrenden Ton, nicht die Lachlust über so viele Albernheiten, nicht der Widerwille gegen den nnsaubern Schimpfgeist behauptet in mir die Oberhand, sondern ein wahrhaftes Mitleiv über die geistige Ohnmacht, die sich so abmartert das Gute in den Staub zu ziehen, und doch Niemanden so tief herabwürdigt als sich selber. Und wäre cs noch der blinde Eifer des Fanatismus, der im glaubenstrunknen Wahnsinn die Schläge nicht berechnet, die er austheilt; — aber nein, es ist ein Spiel mit falschen Karten, es ist die besonnene kalte Kunst des Taschenspielers, dem nur die Geschicklichkeit fehtt sich nicht durchschauen zu lassen; und das ist es, was mich so traurig macht. Oder wie? ist dies etwa die Sprache der Begeisterung; kann die Milch der ftommen Denkungsart zu solch sauertöpfischem Brei gerinnen, kann das stille-Lamm der Frömmigkeit zu solch einem höhnischen Satyr werden? — nein, nicht die Begeisterung für irgend etwas spricht aus solchem Munde, sondern ein fremder Geist; aus der einfältigen Wagnermiene lauert der grinsende Hohn des versteckten Mephistopheles, und dem armen einfältigen Leser wird von alldem so dumm, als ging' ihm ein Mühlrad im Kopf herum. — Lassen Sie mich von dem Inhalt schweigen; diese Schrift ist eine von denjenigen, die man nicht beurtheilen sondern nur widerlegen kann; alles steht auf dem Kopf darin, man müßte Satz für Satz umkehren und zurechtstellen, und so leicht diese Mühe wäre, so wenig ist die Schrift sie doch wertst. Auch von den säubern Bezeichnungen, deren sich Herr Cassel gegen dieses Blatt, so wie gegen andere Institute und gegen Persönlichkeiten bedient, lassen Sie mich schweigen; ich unterdrücke meine Empfindung dabei, um nicht als Ihr Parteigänger zu erscheinen. — Aber das darf ich nicht verhehlen, daß mir und allen denen, die an dem literarischen Bildungsgang des Bcrf. ein Interesse nehmen, dieser Verfall in eine unselbstständige polemssche Richtung, diese gedankenlose Unterwerfung unter fremde Einflüsterungen ebenso bedauernswert- , als eines noch strebenden, unfertigen Mannes unwürdig erscheint. Den schlechten Schriftsteller, der das polemische Talent vermissen läßt, mögen wir schon hinnehmen; aber den schlechten Theologen, der es so sehr an Ehrlichkeit fehlen läßt, können wir schwer verschmerzen. Und anders als unehrlich können wir es nicht nennen, wenn man der Reform, von deren Nothwendigkeit man selber überzeugt ist, das nachsagt, was man gegen die Personen auf dem Herzen hat, wenn man diesen Worte in den Mund legt, die ihnen fern liegen, wenn man falsche Voraussetzungen seinen Räsonnements unterschiebt, wenn man endlich über gewisse parties hontcuses des Rabbinismus, die man so zu sagen von Amtswegen kennen muß, hinweggeht, als hätte man nie etwas davon gesehen dQ) gehört. Alles dlefts könnte ich wörtlich belegen, wäre hier der Or: dazu, uns fände es nicht jeder Leser von selbst auf d.n ersten Augenblick. — Es thut mir leid, daß das einzige Gute was ich dem Autor nacksagen kann, eben die schlechte Haltung seiner Schrift ut; wenn er ein Lob verdient, so ist es das der Ungeschicklichkeit semer Darstellung; er beweist nämlich, daß er sich in einer falschen Maske noch nill t frei und fein zu bewegen weiß; aber das lernt sich! — In Angelegenheit rer neu constituirten „Genossenschaft für Reform des Iudenrhums" habe ich Ihnen heute nur zu berichten, daß vor einigen Tagen das Resultat der Bevollmächtigtenwahl den Mitgliedern mitgetheilt worden ist. Unter den t5 Bevollmächtigten ist Herr Dr. Stern zum Vorsitzenden. Herr Carl Heimann zum Stellvertreter desselben, außerdem die Herren vr. Fr. Behrens zum Sectetair. Adolph Meyer zum Protocollftihrer, Joseph Behrend zum Kassenrendanten, und PH. Hellborn zum Kasseneontroleur ernannt worden. Die übrigen 9 Bevollmächtigten sind die Herren: Ludwig Lesser; M. S>mion; I. N. Frievländer; A. Rebenstein; M. S. Dasswitz; Lion M. Cohn; I. Löwenherz; vr. Waldek sen.; Dr. Bressler. — Binnen Kurzem findet die zweite General-Versammlung statt. — Die, auf Antrag des vr. Sachs von dem Gemeindevorstanv projcctirre, Errichtung eines ChorS in der hiesigen Synagoge ist in der Berathung der 27 Gemeinvemitglieder mit großer Majorität zurückgewiesen worden. Während einige Mitglieder ver Reformgenossem'chaft für den Antrag stimmten, hörte man von Männern, die sich der Bewegung nicht angeschloffen haben, den Gegengrund geltend machen, daß es in einem so kritischen Moment, wie dem gegenwärtigen. wo die organlsche Umgestaltung des Cultus miv die Lostrennung eines großen Theils der Gemeinde von dem alten bevorstehe, nicht rathfam fei, auf eine bloß äußerliche Verbesserung des Gottesdienstes eine so unverhältnismäßig hohe Summe, wie veranschlagt wurde, zu verwenden. Wenigstens spricht diese verbürgte Tbatiache gegen ven Vorwurf, den auch Herr Cassel den Reformfreunden macht, daß ste es seien, die alle Verbesserungen hintertreiben . um das Berürfniß nach einer radicalen Umänderung in ihrem Sinn schreiend hrrauszustellen. - —

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