Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1845)
- Date
- 1845-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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ISS Scherflein beiträgt, um rabbinisch - historisch bestbercchtigte physische und moralische Erbkrankheiten zum wenigsten in Palästina bis zur ersehnten Ankunft des Messias zu erhalten, behauptet einen religiösen Standpunkt über den Parteien einzunehmem Umgekehrt sagt das von sich, wer zwar sich und die Seinen Wtzst reformirt hat, nichts destowenigcr aber auf die Reformfreunde mit gleich mitleidigem Lächeln wie auf die Orthodorcn herab- und theilnahmlos mit zusieht; der glaubt Wunder wie gescheiv er sei, während er nichts ist als träg und lebenslustig. Wie erhaben dünken sich nicht die Jüsiemilianer, die traurigen Geschöpfe, die, weil sie selbst nicht wissen, was sie wollen, und dies anzugehen auch nicht im Stande find, hierin einen Vorzug vor denen suchen, die sich und andern von dem, was sie wollen, Rechenschaft zu geben vermögen. Auch die Zweideutigen, welche ihrer Denkweise oder ihrer Stellung nach voller Rücksichten und Nebenabsichten find, möchten glauben machen, sie hielten sich ihrer besseren Einsicht wegen abgesondert. Selbst das schofcle Volk, das gar keinen oder einen 'chlcchten Charakter bat, das nichts ist und doch etwas gelten inöchte, ras hin und wider trägt, für und wider schreibt; Magister Lämmermeier, in deren Begleitung sich öffentlich sehen zu lassen, deren Namen öffentlich zu nennen man sich wie einer Unanständigkeit schämen muß, auch diese Leute, welche, von der Gesellschaft ausgespieen, außerhalb derselben stehen, wollen glauben machen, sie stünden über ihr. Und vollends unsere Theologen l Glaubte nicht selbst Geiger von sich sagen zu dürfen, daß er , die Strömung der Wogen nach beiden Seiten aufmerksam beobachten" lNr. 18), und „über den Parteien sich erhalten" (Nr. 20) ,rolle, und hat ihn der Erfolg nicht eines andern belehrt? Nein, «lle, wie wir find, gehören wir einer Partei an; wir seien für den Fort- oder für den Rückschritt, (und einen Stillstand giebt es nicht. » für Aufklärung oder für Verdummung, für Bewegung oder für Ruhe. Theilnehmer oder Zuschauer, verzweifelnd oder vertrauend. bewußt over unbewußt find wir irgend einer Partei verf.rllen. Wir können uns übrigens damit trösten, daß es in der europäischen, insbesondere deutschen Christenheit sich kaum anders verhält; auf die politische Reform-Bewegung der Dreißiger Zahrr folgt die religiöse der Vierziger; was das nächste Zahrzehnd bringen wird, wer vermag es zu sagen? Doch dürfen wir auf Fortdauer des europäischen Friedens hoffen, und in dessen Folge auf weitere naturgemäße nicht blos materielle, sondern auch intellectnelle Entwickelung. Man muß aber, was die Zudenheit betrifft, jene Einbildung, über den Parteien zu stehn, nicht für eine unschuldige . oder doch unschädliche halten. Uns ist nichts bekannt. was der wahren Würdigung der Zustände, der Interessen, der Kräkte re., was selbst einer friedlichen Ausgleichung mehr im Wege wäre. Wie wir lctz'e begreifen, darüber haben wir uns (Nr. 22, 23) bereits ausgesprochen; wir glauben nicht, daß es mehr in des Menschen Macht stehe, den Zwiespalt zwischen der rabbinisch. talmudischen Lehre und dem europäischen Leben und religiösen Bewußtlein auszugleichen; wir wollen denen die Tage nicht verkümmern, welche sich für jene Lehre entscheiden, nehmen aber für uns, die wir für immer mit ihnen gebrochen haben, ein Gleiches in Anspruch; beide sind wir nicht wie die siamesischen Zwillinge zusammen gewachsen, es ist möglich, selbst unerläßlich, daß wir uns trennen, nur geschehe es ehrlich, aufrichtig, ohne Rück- und Hinterhalt, ohne Anfeindung und Anschwärzung, in Ruhe und Frieden. Allein von dieser Lösung wollen insbesondere die nicht hören, welche den Dünkel haben, eine Ausgleichung von Gegensätzen, eine Verschmelzung von Unvereinbarem bewirken zu können; davon wollen die nicht hören, die sich für das eine oder das andere offen aussprcchen, oder die von ihrer Bequemlichkeit etwas aufgeben müssen; als ob cs sich von einem Wollen und nicht vielmehr von einem Müssen handelte, als ob es ein anderes Mittel gäbe, den inneren Frieden, insbcsonderer größerer Gemeinden zu erhalten und wieder herzustellcn. Wenn z. B. in Breslau die Parteien sich getrennt, die einen Geiger und die andern Tiktin zum Rabbiner gehabt hätten, wäre dieser Zustand dem dermaligen nicht vorzuziehen, wo durch die diplomatische Wahl eines mährischen Darschan kein Theil zufrieden gestellt wird? Wie hätte hier z. B. derjenige sich für den Bau einer neuen Synagoge intcresfiren, gar freiwillig zu demselben beitragen sollen. dem das, was mit und in ihr beabsichtigt werden will, nicht zusagt, gleichviel ob weil ihm dabei des Alten oder des Neuen zu viel oder zu wenig scheint? Wen kümmerten die 77, deren Nachwuchs und Nachbeter, wenn sie einer abgesonderten Glaubensgemeinde angehörten? Und welcher Gewinn, welches Glück wäre es nicht für die Gesammtheit, wenn die Zwittergattung von jüdischen Theologen einginge, die schielen, während sie nach beiden Seiten hin liebäuglen wollen, die alles nur halb find, Halbwisser, Halbaufgeklärte, Halbfromme, Halbliberale, Halbreife, Halbpfaffen, nicht Fisch und nicht Fleisch, nicht warm und nicht kalt. Wie der Halbheit im Allgemeinen würde diesen das Handwerk gelegt. Aber auch mit dem Schlendrian hätte es ein Ende, und man könnte wenigstens in so fern nicht mehr mit dem Dichter *) sagen: Der Schlendrian, der alles knickt, Führt Tag an Tag vorbei! vielmehr fände sich jeder in die Nothwend gkeit gesetzt, über fein religiöses Bewußtsein, wie über seine Stellung, sein Verhalten im Leben sich Rechenschaft zu geben. und seine Wahl danach zu wessen , überhaupt selbftthätig aufzutreten und einzugreifen; der Wahn aber über den Partheien zu stehn würde gänzlich schwinden. Platen, gesammelte Werke, Bd. 1, S. 349.