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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-15 · Heft 24 (15.6.1845) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 24 (15.6.1845)
Date
1845-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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18« torität des Talmuds verwerfend — auch unserer Zeit das Recht der Fortbildung und die Pflicht der inneren Betheiligung am Staate und an der edleren europäischen Gesittung und Anschauungsweise und der Beseitigung dessen, was dem in Lehre und Cultus wihMpricht, zusprach, und anderntheils dadurch, daß sie bei den praktischen Reformen von der Rücksicht aus das Gewordene und vielen Gemütbern noch Heilige sich leiten ließ. — Geiger kömmt jedoch auf die Aufgabe der Rabbiner- Versammlung selbst zu sprechen und sieht diese darin, den Gemeinden, dem praktisch-religiösenLed en zu nutzen und förderlich einzugreifen. „Wie die Verhältnisse gegenwärtig noch stehen, begnüge sich die reine Wissenschaft mit der Anstrebung des jüdisch-religiösen d'ebens durch die Literatur, während diese Versammlungen einen unmittelbaren Erfolg beabsichtigen." Im beschrankten Sinne ist diese Auffassung ganz richtig. Es ann nicht die Aufgabe der Rabbiner-Versammlung sein, .einwissenschaftliche Erörterungen anzustellen, denn dazu würde die kurze Dauer ihrer Zusammenkünfte, die dem d'e bcn und seinen Bedürfnissen gewidmet ist, nicht ausreichen. Allein wenn dieses in größererer Ausdehnung genommen, wenn man „wie die Verhältnisse gegenwärtig noch stehen," verlangen würde, es solle die Rabbiner-Versammlung Grundsätze gar nicht besprechen, sondern nur rein über praktische Reformen berarhen, so würde man das innerste Wesen jener Berathungen, die Bedingung aller Erneuerung desIuden- -bums, ja den tiefsten Grund alles religiösen Lebens selbst vernichten. Schon ein flüchtiger Blick in die Protocolle der ersten Rabbiner-Versammlung muß die Gewißheit begründen, daß ohne die vorhin erwähnten Prinzipien, welche in der Versammlung zur Sprache kamen und indirect von ihr adoptirt wurden, Anträge auf ein neues Ehegesetz, auf eine neue Liturgie und auf «'ine Vermittlung zwischen Lehre und Leben hinsichtlich aer Sabbath- und Speisegesetze, in der Weise, wie sie in der Versammlung gestellt wurden, — und in beschränkterer wären sie auf ein Nichts herabgesunken — unmöglich gewesen wären. Auf der Gesinnung beruht aber auch die ganze Erneuerung unseres Lebens; an dieser hat es ja gerade gefehlt, auch denen gefehlt, welche im Leben längst der bestehenden Satzung den Rücken gekehrt haben. Gesinnungen sind aber nur eine Folge von Grundsatz en, und die Rabbiner-Versammlungen sollten diese nicht zur Sprache bringen, sollten nicht gerade ihren wahren und wesentlichen Beruf darein setzen, die höheren Ansichten über Inhalt und Form des Iudenthums, welche bereits in dem Bewußtsein aller denkenden Zeitgenossen wurzeln und von vielen Rabbiner: selbst *) verkündigt wurden, als die ihrigen zu erklären, sie mir ihrem Ansehen zu unterstützen und dadurch gerade die wahre Reform des religiösen Lebens hervorzurufen, einen heiligen Grrmd für die weitere Entwickelung derselben zu legen, und auch denen ihr Recht dabei einzuräumen, welche schon jetzt höhere Ansprüche machen und auch der Zahl nach stark genug sind, um ihnen lebendige Gestaltung zu geben. Nein! unmöglich kann Geiger der Rabbiner-Versammlung diesen ihren wahren Beruf verkümmern wollen, er, der die Idee einer geistigen und lebendigen Fortbildung des Iudenthums zuerst wissenschaftlich angebahnt und ihr bis dahin mit dem ganzem Neichthum seines Wissens gedient hat. Es zeigt ganz von der Milde des Charakters, von einem ächten Streben nach Wahrheit, wie sie stets mit strenger Wissenschaftlichkeit und erleuchteter Religiosität verbunden, wenn Geiger weiter den Wunsch ausspricht, daß die verschiedensten Richtungen in der nächsten Rabbiner-Versammlung vertreten sein möchten. Wenn er aber diesen Wunsch auch auf die Coterie, welche Herr Frankel repräsentirt ausdehnt und daran Hoffnungen für die Sache selbst zu knüpfen scheint, so hofft er gewiß wohl zu viel. Es kann unseres Erachtens von einem Ideenaustausch unter Männern verschiedener Richtung nur dann Gutes für die Reform des religiösen Lebens erwartet werden, wenn Alle diese wollen, wenn man, selbst im Prinzip verschieden, doch darin sich einigt, daß man das Bestehende nicht belassen, sondern ihm eine wirklich verjüngende und neues Leben erzeugende Gestalt geben wolle; dann wird jedwede Richtung irdend einer Seite der Beherzigung darbieten, und jedwede gegenseitig von veränderen gewinnen. Die Coterie des Herrn Frankel will aber keine solche Reform, hat gar keinen Sinn für die Erneuerung dns Iudenthums, weil, wie bereits (in unserem letzten Artikel) erwähnt, in ihr selbst keine Er- *) Zn den Gutachten über das Hamburger Gebetbuch, über die Breslauer Rabbinat-Angelegenheit, und in mehreren andern Aussätzen und Schriften.

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