Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1845)
- Date
- 1845-06-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2566987--1477-2569258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
183 (ijorii-c-ifff, dem Volke in lebendiger Unmittelbarkeit erhalten wer- :en,7so müssen vor Allem die Schranken fallen, womit sich das Judenthum, früher ans politisch-theokratischcn, später aus zufälligen Gründen, so starr umgeben hat, daß es darin fast versteinert >.st; es muß ssss> in seiner, den heutigen Lebensbedingungen und der heutigen Bildung so grell widerstrebenden Aeußerlichkeit mit dem Geiste des Jahrhunderts und mit seinem eigenen Schicksale -aussöhnen. Das Judenthum muß endlich energisch an seiner Europäisirung arbeiten! So lange der Jude auf all seinen Lebcnsstufcn uns in all seinen Lebensbewegungen von dem eisernen Arm emes seltsamen Ceremonialgesetzes gehemmt und gefesselt ist, so lang ein Gebrauch, der unserer europäisch-humanen Gesittung widerstrebt, schon seine Geburt bedroht, so lang ein auf längst verschwundene Nationalität gegründeter Gottesdienst unser religiöses Bevürfniß mehr verstimmt als befriedigt und erhebt: so lange wird das Judcnthum sowohl auf die Achtung seiner eigenen gebildeten Angehörigen, als auf das herzliche Entgegenkommen der andern Confcssionen verzichten müssen, so lang wird es ein Fremdling in Europa bleiben. Nur eine kräftig durchgreifende, vom sittlichen Ernste ausgehende Reform, nur ein rücksichtsloses Ausscheiden der kranken, lebensunfähigen Thcile kann das Ganze vor rem schmählichsten Tode, dem Tode der Entkräftung rettenDie Reform ist Pflicht und Aufgabe jedes bessern Juden; sie erfordert weniger Muth und Opfer als redlichen Willen und Hingebung die Gebildeteren haben nur vereint das als Grundsatz und Ueberzeugung auszusprechcn, was jeder Einzelne seit Jahren, bewußt over unbewußt, gefühlt over erkannt hat. Mit dem veralteten RabbinismuS ist keine Ausgleichung möglich; wir müssen uns, mit verehrendem Hinblick auf die höchsten Lehren der Bibel, religiös emanzipircn und aus die alte, reine Grundlage einen neuen Bund des Glaubens und der Geistesfreiheit gründen. — Wir haben eine große Verantwortlichkeit für die Zukunft; wir haben unfern Kindern und Enkeln nicht blos ein freies, geehrtes Vaterland, wir haben ihnen auch eine edle, reine Religion zu hinterlaffen. Fassen nur daher unsere ernste Aufgabe wohl ins Auge! Jüdische und hristliche Mitbürger sind uns mit lobenswerthcm Eifer vorange- .angen: in Frankfurt, in Schlesien und Preußen hat man das cköne Beispiel gegeben, wie der Muth in einem heiligen Kampfe or keinem Hindernisse zurückwcichen soll. Haben wir erst den Schutt, den das rabbinische Judenthum um die erhabene mosaische Idee ausgcthürmt hat, weggeräumt, haben wir unsere aus Uederzeugung hervorgehende Gottesverehrung mit edleren, vaterländischen Formen umgeben, dann wird auch der zeitgemäß positiveTheil des Judenthums sein Licht um so glänzender leuchten lassen und mächtig genug sein, neue Lebenskeime aus sich zu erwecken. Arbeiten wir also rastlos, uns von den Fesseln des Talmues zu befreien, der uns fass eben so sehr als die politische Zurücksetzung bindert, uns als Söhne unseres Vaterlandes und unserer Zerren fühlen; versagen wir, nichr aus Gleichgültigkeit, sondern aus religiösemPrinzipe, all'jenen äußerlichen Gesetzen eines veralteten. dunkeln Glaubens die Anerkennung, die uns in religiöser wie socialer Beziehung das Gepräge einer sich selbst abschließenden Kaste anfdrücken! Die nächsten wohlthätigen Folgen einer solchen Reform, die gänzliche Umgestaltung des Rabbinismus in ein rein geistiges, auf Wissenschaft, sittliche Bildung und Talent gegründetes Predigerinstiint, sowie die Neberwachung des jüdischen Gemeinde- und Schulwesens durch intelligentere, strebendere Kräfte, werden mächtig dazu wirken, dem jetzt so tiefstehenden Ju dcnthume seine religiöse Berechtigung wieder zu geben, und der Jude darf rann mit doppeltem Stolze sein natürliches Recht politischer Emanzipation fordern. Solche Nebcrzcnzungen haben unstreitig die Frankfurter und Berliner Erklärungen hcroorgerufcn; sie liegen im Zeitbewußtsem tief begründet, und sie werden ihre Erfüllung erhalten, trotz allen Anfeindungen und Berläumdungen der zum Glück ohnmächtigen Gegenpartei. Ein Mannheimer Reformverein, der das Werk der religiösen Emanzipation ohne zu ängstliche Rücksichten auf die durch keine Concession zu versöhnende Orthodoxie ernst unv kräftig ausführen will, rindet seinen Weg vorgczeichnet; er schließe sich den Berliner und Frankfurter Resormsreunden aufs Engste an, und lasse sich durch unerhebliche Meinungsverschiedenheiten im Schooßc der Reform selbst nickt aus den falschen Weg des isolirten Handelns und Wirkens verlocken, wodurch das Interesse an der durch ganz Deutschland gehenden Bewegung nur gelähmt und zersplittert würde. Das Beispiel Mannheims, dieser durch politische und intellektuelle Bildung bedeutendsten Stadt Badens, wird für die übrigen Gemeinden des Landes ein unwiderstehliches Beispiel sein; und ist einmal der Forn'chritt vnrck ein ganzes Land organifirt, dann ist die Sache der Freiheit für immer gewonnen und wir feiern zugleich das Fest unserer religiösen Wiedergeburt und unserer endlich noch zu erringenden deutsch-nationalen Anerkennung! — Die Zeit streut ihre großen, beglückenden Ideen mit gütiger freigebiger Hand in die Furchen der Menschheit; von unserer eigenen Güte und Empfänglichkeit hängt es ab, ob sie in fröhlichem sruchtreichen Gedeihen zu Thaten emporschießen, oder ob sie im Kenne elend verderben. Zeigen wir uns der Wohlthaten der Zeit nicht unwürdig! — Dr. Loewenthal.