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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-08 · Heft 23 (8.6.1845) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 23 (8.6.1845)
Date
1845-06-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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L8S sie müssen überwunden werden. Nichts ist nämlich irriger als, wie so häufig geschieht, anzunehmen, die Reform-Bewegung im Iudenthume sei eine willkührliche, dieser oder jener habe fie veranlaßt, sie werde wieder vorübergehen, und Alles ins-gewöhnliche Gleis zurückkehren. Diese Reform-Bewegung bringt nichts Neues; was sie anstrebt, ist schon da; fie offenbart eine vorhandene Thatsache und knüpft daran naturgemäße Folgerungen. Versucht es, die materielle und intellectuelle Revolution der letzten sechzig Jahre für Europa ungeschehen zu machen; verhindert, daß der Saame aufgehe, den eure Vater ausgestreut; findet die Formel, mit welcher ihr die Ideen bannt, welche die Welt, und euch mit, bewegen. Was ihr verhindern möchtet, dessen Existenz ihr läugnen wollt, es ist euch über den Kopf gewachsen; seht euch nur in euren Kreisen, in euren Familien um; prüft eucb.nur selbst; wagt es euch zu gestehen, was ihr noch, und was ihr nicht mehr glaubet. Bei einem großen, bei dem intelligenten Theilc der Gemeinde handelt es sich nicht mehr mn Einführung der Reform, sondern vom offenen Bekennen zu solcher, von Sancrionirung des Bestehenden, von Organisirung des Willkührlichen, von Gestaltung des Chaotischen. Die Denkfaulen, die Diplomatifirenden, die Halbgebildeten , die Rücksichtsvollen, oder auch solche Rabbincn, die sich ihrer Nichtigkeit bewußt sind, und mit dem Hergebrachten allen Halt zu verlieren fürchten, meinen freilich oder wollen doch glauben machen, es sei mit Aeußerlichkciten gelbem, mit einigem Singsang, mit deutscher Predigt, und ähnlichem, das sic den alten Einrichtungen und Gebeten hinzufügen wollen. Was wollt ihr mehr, rufen jene uns zu, wer hindert euch nach Gefallen zu leben, wer zwingt euch die Sabbat-, die Spelle-, die Ccreuwnial-Gesetze zu beobachten? Seht nur, wie wir es treiben, wir besuchen an den Sabbat- und Festtagen die Lvnagoge, werfen selbst gelegentlich den Burnus um, spenden, sind wir vom Stamme Aarons, ren Pricstersegen, und gehen von da in unsere Gewölbe und Eomproirs, überhaupt unfern Geschäften nach, und lassen uns dabei die Cigarre trefflich schmecken; worin findet sich unsere Freiheit durch das Iudenthum beschränkt. und wozu bedürfen wir noch einer Abhülfe? Hören wir, wie sich der Verfasser der Brochüre: Eine reutsch-judischc Kirche, S. 21, darüber ansspricht: „Es hat sich im Iudenthum die allcrdrückendste Glaubens- und Ceremoniendespotle entwickelt. Die Freiheit, die die indischen Iudividuen ictzt privatim genießen, ist nicht im Iurentbum begründet, sondern cs ist diesem in den civilifirten Ländern die Macht genommen, die Frevler nach der Strenge des Nabbinismus zu bestrafen. In Konstanrinope! läßt noch iimner das Rabbinat wegen Übertretung der rabbinischen Vorschriften die Dastonnare erthcilcn; *') und dies *! In Jerusalem scheint rieft nach einem bekannten Vorfälle ist auch noch in sehr vielen polnischen und andern Gemeinden der Fall. Die jetzige religiöse Freiheit der Juden ist vielmehr eine Zügellosigkeit, Freiheit der Wilden, fie ist aber nicht die wahre, durch Gesetze sichergestellte." Und so ist es; die Freiheit, deren ihr euch rühmt, nicht das rabbinische Iudenthum, von dem ihr nicht lassen wollt, gewährt fie euch; nein, ihr nehmt fie ihm zum Trotze, ihr lebt in dem ungesetzlichen Zustande der Selbsthülfe. Versucht es einmal, laßt euch von eurem Rabbincn den hundertsten Theil von dem, was ihr thut, erlauben, er wird sich hüten! Darum rufen wir euch mit den Worten jener Brochüre zu: „Tretet zusammen, o Ihr deutsche Männer Israels! Seid wahr und sprechet Euere innerste Ueberzeugung in feierlicher Erklärung aus.' Sprechet es aus: daß Ihr Euch vom Rabbinismus und vom Orientalismus losgesagt, daß Ihr Deutsche seid und Deutsche im vollen Sinne des Wortes! Euer armes, unglückliches Volk (?) wird Euch einst segnen, es wirs einsehen, daß Ihr nicht von ihm abgcfallen, sondern daß Ihr ihm mit allem Muthe vorangeschritten und ihm die Hindernisse weggeräumt. Es wird cs erkennen und Euch segnen, daß Ihr ihm das edelste Gut des Iudenthums von der orientalischen und rabbinischen Fäulnis gesäubert." Pie jüdische Aesorm. Mannheim, 20. Mai. Die religiösen Bewegungen, die sich im Schooße des Iudenthums kund geben und die sich bereits in Frankfurt, Berlin und Breslau, den intelligentesten Iudcngemcinden Deutschlands, große Geltung erworben haben, fangen auch in Mannheim an die Gemüther zu beschäftigen und in den Bessergefinnten, die in Geist und Gemüth nicht hinter den großen Ideen der Zeit Zurückbleiben wollen, das Bewußtsein eines nach edlem Gehalt und edler Form ringenden religiösen Bedürfnisses lebhaft zu wecken. — In seiner heutigen Gestalt hat sich das Iudenthum überlebt. Es hat sich mühsam, durch äußere Mittel scheinbar gestärkt und gehalten, bis zu den Pforten unserer Zeit geschleppt, und nun beginnt seine Lebenskraft sichtbar zu erschlaffen; mit jedem Schritte, den die Civilisation vorwärts thut, zerfallen die alten, für ein anderes Land, eine andere Zeit und ein anderes Volk berechneten Satzungen und Formen mehr und mehr. Soll aus diesem Schiffbruche morscher, verbrauchter Institutionen nicht eine allgemeine, gedanken- und gemüthlosc Gleichgültigkeit hervorgehen, soll der innerste Kern des Iudenthums, die große, ungetrübte zu den großentheils mit dem Gelre deutscher Schwachköpfe ausgewirkten Befugnissen des Nasi Zebi Hirschel, sonst Lehren genannt, und seiner Agenten zu gehören. A. d. E.

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