Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1845)
- Date
- 1845-06-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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L84 Adler'.- Send schreiben. (Worms im Mai.) Gleichzeitig mit der Erklärung der hiesigen Gemeinde gegen die 77 (Nr. 20) ist von unserem würdigen Prediger, Herrn A. Adler, ein Sendschreiben an dieselben veröffentlicht worden, welches in Gesinnung und Ausdruck das beste und wahrste ist, was gegen das berüchtigte Manifest jener licht- und emanzipationsfeindlichen Coalition bisher bekannt wurde. Da solches nicht die Verbreitung haben dürfte, welche es verdient, so erlaube ich mir einen kurzen Abriß daraus mitzutheiten. „Wächter wollt ihr sein über das Haus Israel," ruft er den 77 zu, „o der Wächter, die das zu bewachende Haus nicht kennen, es dem Sturme preisgeben, zum Verfalle kommen ließen, und es nun durch Gebet allein erhalten zu wollen vorgeben. Euer Haus Israel ist ein Luftgebäude; das intelligente Israel, das gewerbfleißige und gewerbthätige Israel wohnt nicht in Eurem Hause. Daß nicht alle zu Braunschweig versammelte Männer dem Namen nach Nabbinen waren macht Ihr geltend, das sieht Euch Sylbenstecher ähnlich; käme Moses, kämen die Propheten oder die frühesten Lehrer des Talmuds, chr würdet sie zurückweisen, weil sie den Namen Rabbinen nicht führen.- Das gründliche Studium rabbinischer Schriften wollt Ihr uns absprechen; habt Ihr denn vergessen, wer ein solches Studium vorbereitete, wer das Licht der Kritik hinzutrug, Ihr oder wir? Laßt doch die Schriften Eurer Heroen ins Deutsche übersetzen, damit die Welt ein Pröbchen Eurer Gründlichkeit bekommt. Gebärdet Ihr Euch doch, als kämet Ihr heute erst mit uns, mit unseren Gemeinden zusammen, als staunte das Publikum noch heute über Eure geheimnißvolle Gelehrsamkeit; ja wohl staunt das Publikum. aber nur über Eure Unwissenheit. Sagt, wo habt Ihr denn Eure Theologie, in welcher Sprache ist sie abgefaßt? in der Muttersprache? die sprecht Ihr ja nichr; in der hebräischen? die hebräische Grammatik zu studiren habt Ihr ja verpönt. Nur in Einigem, dem Staate gegenüber, hätten wir das Richtige getroffen? Ihr Feiglinge! Den Gemeinden gegenüber habt Ihr den Muth Eure Gesinnung oder vielmehr Gesinnungslosigkeit zur Schau zu tragen, nicht aber dem Staate gegenüber. Ihr sprechet von Religionsbüchern , welche meint Ihr? Ihr sprechet von Synagogen und Schulen, in denen gelehrt wird. Wer fing denn an in den Synagogen wieder zu lehren, I,,r ovcr wir? Und welche Schulen meint Ihr, die Talmudschulen zu Preßburg re. oder die Schulen, gegen deren Errichtung Ihr so lange geeifert habt? Ihr klagt die Verderbtheit der Zeit an. Nicht die Zeit, die Ihr verläumdet, trägt die Schuld, sonst würde die Macht und nicht die Intelligenz Abhülfe suchen, sondern Eure Verderbtheit, Eure Bornirtheit. Ihr habt Mendelssohn und Wessely theils verläumdet , theils in den Bann gethan, es hat Euch nichts geholfen; gegen deutsche Schulen habt Ihr geeifert, vergebens; deutsche Namen wolltet Ihr nicht aufkominen lassen, fruchtlos; das Lesen deutscher Bücher erklärt Ihr für Abfall von Iudenthume, Eure Erklärung verhallte in leerer Luft; unsere Frauen, die ihr Haupthaar offen trugen, erklärtet Ihr für Unzüchtige, niemand kehrte sich daran. Und mit Eurem Pamphlet glaubt Ihr unsere besten Bestrebungen hemmen zu können? o Ihr Thoren!" Ein vom Viehmarkte zu Frankfurt zurückkehrender Landjudc hat in der jüdischen Garküche dahier ausgesagt, sein guter Freund, der dortige Schochet, mit dem er Geldgeschäfte mache, (er nannte ihn Schmirchem,) habe gegen unseren Prediger ein Schriftchen drucken lassen, das er gratis vertheile; fein Exemplar habe der Mann auf der Hierherreise verbraucht. Ihr Blatt wird wohl Näheres über dieses koscher gefallene Stück mittheilen. M i s e e l l e n. Die Braunschwcigcr Negierung hat den Juden auch die politischen Rechte, namentlich das landstänvische Wahlrecht zugestanden. In Mainz zirculiren jetzt Snbscriptionslisten für und gegen die Reform des Indenthums; beide sollen mit zahlreichen Unterschriften bedeckt sein. In Gießen, wo die Mehrzahl der Gemeinde dem Fortschritt zugethan ist, beabsichtigt man ebenfalls eine Gegenerklärung gegen die Protestation der 77. Zur zweiten Rabbiner-Versammlung sollen sich jetzt schon über zwanzig angemeldet haben. Der erste Jude, welcher kürzlich in ras sehr vornehme Casino zu Trier ausgenommen wurde, ist der Oberrabbiner Cahn, worüber besonders die dortigen Christen sich sehr gefreut haben sollen. Auch ist derselbe seit einiger Zeit Mitvorsteher eines wohtthätigen Vereins, in welchem monatlich Sitzungen unter Vorsitz des Landraths und Oberbürgermeisters gehalten werben. Ueberhaupt soll zu der großen Toleranz, die jetzt in Trier herrscht, das Beispiel CahnS nicht wenig beigetragen haben. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe iu Offenbach.