Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1845)
- Date
- 1845-06-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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181 scheint, trägt einen Stein zur Befestigung der neuen Bewegung. Das alte Nabbinat ist jetzt damit beschäftigt, den Cultus der alten Synagoge etwas zeitgemäßer einzurichten. Es soll vom Vorstände dazu aufgefordert worden sein, um wenigstens eine gewisse Anzahl gebildeter Israeliten der alten Gemeinde zu erhalten, und so hiermit rer neuen Gottesgemeinde auf dircctem Wege entgegen zuwirken. Allein dies wird doch nur etwas zu sagen haben bei denen, die das Illdenthum im Cultus, in der Synagoge suchen; sicherlich wird es aber ohne Einfluß auf die sein, welche nicht nur einen Cultus, sondern auch eine Religion haben wollen, und welche wissen was das Wort „Religion" auf sich hat. — Es scheint fast, als habe der Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde, indem er den zelotischen Sachs berief, sich mit diesem verschworen, die dem mittelalterlichen Judenthum entwachsenen Glaubensbriidcr in den alten Kram rabbinischer Satzungen gewaltsam zurückzuführen. Denn wozu sonst Sachs? Waren unsere ehrlichen orthodoxen Mitbrüder nicht mit ihrem Oettinger zufrieden? Nein, er sollte für die Fortgeschrittenen sein, um sie mit gleisnerischen Phrasen in den Glauben an alles Gegebene hineinzubetäuben. Glaubt aber der Vorstand daran? Ich sage: Nein. In welche Kategorie von Juden gehört er also? Die Antwort liegt in Folgendem: Es gibt drei Klassen von Juden: die eine, die ehrliche orthodore ist rabbinisch fromm, nnd will natürlich auch, daß andere in diesem Sinne fromm sein sollen; die zweite, eben so ehrliche, besteht aus solchen Religiösen, welche selbst nicht rabbinisch fromm sind, und auch andere so haben wollen; sie wollen aber die echte Lehre des Judenthüms für sich und andere. Diese find die Träger der Reform; die dritte Klaffe zählt solche Individuen, welche, selbst nicht fromm, sich aber alle mögliche Mühe geben, andere fromm zu machen und zu erhalten. Reformen im Iudenthum. (Schluß.) / (Frankfurt a. M. im Mai.) Ja, wir dürfen es mit freudigem Stolze nnd ohne Ruhmredigkeit sagen, in Deutschland, in unserem Vaterlande, sind im Allgemeinen die Juden ihren Glaubensgenossen in andern Ländern geistig weit vor; dies inuß sie aber auch bestimmen, ihre religiösen Interessen von denen der letzten zu sondern, wie es die bürgerlichen Interessen längst allenthalben sind. Man mißverstehe uns nicht; es liegt in der Natur der Dinge, daß die Glaubensgenossenschaft jeder Zeit eine erhöhete Theilnahme für einander gegenseitig wach erhalten wird, auch dürfen die geistig emanzipirten Juden nie aufhören, ihren noch in geistigen Fesseln schmachtenden Glaubensbrüdern hülfrrich die Hand zu bieten, um sie aus dieser Knechr''cbatt zu befreien. Allein aus übel verstandener und schlecht angeweudercr Pietät selbst Zurückbleiben, weil die andern nicht gleichen Schritt mir ihnen zu halten vermögen, das sollen, das dürfen sic nicht, das ist Versündigung, schwere Versündigung an den Heranwachsenden, wie an den kommenden Geschlechtern. Sie dürfen „inchr warten bis der letzte polnische Jude sich den Barr abgeschorcn. bis die ganze jüdische Masse in allen Welttheilen sich zu ihren: Siandpunkr binaufgearbeitet hat," wie der klar und scharfsehende Verfasser derBrochüre: Eine deutsch-jüdische Kirche, S. 19, richtig bemerkt. Gegen die Bezeichnung: deutschjüdische Kirche jedoch läßt sich geltend machen, was gegen die Brochüre überhaupt, daß sie nämlich an die Reform-Bewegung im Katholieismus anknüpfen, gewissermaßen diese nachahmen zu wollen scheint. Wir hätten lieber den Eingang der Brochüre, wo von letzter die Rede, nicht geschrieben gesehen, und zwar aus mehrfachen Gründen. Zuvörderst ist es gar nicht an dem, daß die Reform-Bewegung im Judentbume durch die im katholischen Christenthume hervor gerufen worden; jene ging im Sommer 1843 von hier, diese ein Jahr später von Schlesien aus. Als jene begann, war nicht eünnal von der unmittelbaren Veranlassung dieser, von der Wallfahrt nach Trier, noch die Rede, geschweige daß an sie selbst gedacht worden wäre. Sodann ist es jedem denkenden Menschen unbenommen, selbst angemessen, alle geistigen Bewegungen der Zeit, welcher Natur sie auch seien, mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Allein den inneren Zwiespalt einer Glaubenspartei auszugleichen muß ihr selbst überlassen bleiben, und wer außerhalb derselben stebt. pflegt dazu nicht einmal die erforderliche Einsicht;u besitzen. Welche unrichtige Urtheile haben Christen nicht schon über die jüdischen religiösen Zustände gefällt, und wie sollte es Juden besser ergehen, wenn sie über christliche urtheilen wollen. Dabei ist noch der Unterschied, daß der Christ dadurch seinen Glaubensgenossen weder Verlegenheiten noch Nachtheile bereitet, was der Jude wobl bewirken kann. An sich ist aber die Bezeichnung: deutsch-jüdisch, insbesondere als Gegensatz zu polnisch-jüdisch, richrig und sachgemäß, nur würden wir statt: Kirche vielmehr Gemeinde setzen, wie es in der Judenheit auch lange schon portugiesische Gemeinden giebt. Es ist darum nicht nöthig, daß das Gemeinde-Vermögen getheilt werde. daß dessen Verwaltung eine abgesonderte sei, daß die öffentlichen Anstalten, Schulen, Hospitäler :e. getrennt seien. Wenn es sich an den Orten, wo portugiesische und deutsche Gemeinden neben einander bestehen, so verhält, so ist dies geschichtlich zu erklären, weil jene nicht aus diesen entstanden, sondern später, zum Theil selbst in der früheren Heimath bereits constituirt, hinzugekommen sind. Freilich werden sich in der Ausfübrung manche Schwierigkeiten Herausstellen; allein