Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1845)
- Date
- 1845-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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180 Religion, die keinerlei äußeres Symbol bebedingt, und das Recht der Glaubens- und Gewissensfreiheit in seinem ganzenUmfange predigt, gebietet. Es wird die Rabbiner-Versammlung die Berechtigung jener Vereine, dem, was Ln ihren Mitgliedern als Gedanke lebt und längst auch in Handlungen und Lebensweise übergegangen ist, die Form eines religiösen Bekenntnisses zu geben, aussprechen; sie wird die ehrenhafte Gesinnung, die sich dabei kund gibt, anerkennen, sie wird mit einem Worte die Erklärung abgeben müssen, daß jeder als rechtgläubiger Israelit betrachtet werden müsse, der in dem Verbände seiner Glaubensgemeinde bleibt, an r'hrenInteressen sich betheiligt, wahrhaft und sittlich in ihr lebt, mit seinem Geiste und seinem Herzen ihr angehört. Geschichte des Tages. Pie Reform - Bewegung in Berlin. Der Vorstand, Dr. Sachs. Die hiesige Reform hat schon ihren Märtyrer gefunden. Der jüdische Religionslehrer (Lehmann) zu Aalen an der Elbe hat, in Folge des Aufrufs der Achtundzwanzig an die deutschen Glaubensbrüder , dem engeren Ausschüsse der Reformfreunde seine Approbation und seinen künftigen Zutritt zur neuen Kirche kund gethan. Der jüdische Vorstand gen. Ortes, von dem kühnen Schritte seines »ackern Lehrers in Kenntniß gesetzt, citirte alsobald letztem vor seinen Gerichtsstuhl, um die Wahrheit der Nachricht aus seinem Munde zu hören. Der wahrheitsliebende Mann stand nicht an, seine Gesinnung und Bethätigung derselben seinen Richtern offen in's Gesicht zu gestehen, obgleich er hiermit sich und seine Familie (denn solche hat er) der Gefahr der Brodlofigkeit aussetzte. Was er befürchtet, erfolgte schneller, als er es doch erwartete; er wurde seiner Stelle in dem Augenblicke des Geständnisses entsetzt. Anders aber verhielt sich der Magistrat des Ortes gegen ihn. Dieser machte die hiesigen Reformfreunde mit dem traurigen Vorfälle und seinen Gefahren bekannt, und sah schon binnen wenigen Tagen seinen Schützling vorläufig mit einer Summe von 50 Thaler unterstützt und für seine nächste Zukunft dadurch gesorgt, daß das Somit« der Reform ihm in ihrem Bmeau eine Stellung anwies. Auch berühmte jüdische Geistliche beeilten sich, den vorläufigen Trägern der Reform mitzutheilen, daß sie diesen für jetzt mit ihrem Rath und später mit ihrer That beistehen wollen. Ein durch seine philosophisch-theologische Thätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen Dogmatik namhafter Rabbiner soll sich schon als künftiger Seelsorger der hiesigen neuen Reformgemeinde gehörigen Ortes angekündigt haben. Die Presse, besonders die hiesige, steht auf der Seite derer, welche das reine Judenthum wiederherznstellen bestrebt sind; unsere jüdischen Ultramontanen müssen jedes schwarze Artikelchen, ja jedes engherzige Wort, das sie durch die Presse gegen jene erscheinen lassen, mit schwerem Geld aufwiegen. Vier der hiesigen reichsten Banquiers, die für unsere Sache begeistert find, liefern vorläufig den Fond, dessen der administrative Vorstand zur Betreibung seiner Angelegenheit bedürftig ist. Wie ich höre, soll nächstens eine zweite General-Versammlung gehalten werden, in welcher die ersten Schritte für die zusammen zu berufende Synode, welche den Läuterungsprozeß des Judenthums von den babylonischen Satzungen und mittelalterlichen Schlacken unternehmen soll, gethan werden sollen. Man beabsichtigt, die bevorstehende Rabbiner-Versammlung mit den Zwecken der hiesigen Reform vertraut zu machen, auf daß sie der Sache des Judcnthums mit geflügelter Eile zu Hülfe komme. Es wird die Frage gestellt werden, nicht was das Judenthum nicht ist, sondern was das Judenthum ist, was sein Wesen ausmacht, worin das Glaubensdekenntniß des jüdischen Individuums besteht. Dadurch wird man seinem Ziele auf dem kürzesten Wege viel näher rücken. Daß die Retrograten, an deren Spitze der dritte Rabbinatsbeisitzer, Dr. Sachs sich breit macht, alle mögliche Machinationen und Insinuationen in die regierende sowohl, wie in die regierte Welt mit gewaltiger Kraft schleudern, läßt sich leicht denken. Nachdem des gedachten Mannes geifernde Worte, die er sprudelnd aus seinem kochenden Innern einem neugierigen Publikum an heiliger Stätte entgegengedampft, bei diesem wirkungslos geblieben, versucht er es durch ein Heer von drachenbewaffneten Brochüren, die er von seinen Geschöpfen verfertigen und in's Feld rücken läßt, die gegen seine Grundsätze und Ansprüche sich auflehnenden Pflegbefohlenen in seine pharisäische Politik wieder zurückzuziehen. Bleibt nun aber das lebendige Wort wirkungslos, wie sollte der todte Buchstabe eine Wirkung hervorbringen können'. Sie werden zwar gelesen, wie sich dies bei einer solchen bedeutenden Bewegung, wo man gern jeden Gran von pro und contra auf die Wagschaale der Vernunft legen möchte, von selbst versteht, allein gerade dadurch , daß sie gelesen werden, eilt die Sache der Reform um so schneller vorwärts. Jede Flugschrift, die im Solde des vr. Sachs er-