Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1845)
- Date
- 1845-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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17& Verhandlungen und in den Beschlüssen, welche inan faßte. Es war freilich nun auch zu erwarten, daß, nachdem die Verhandlungen durch den Druck bekannt geworden, die Angriffe und Schmähungen von Seiten unserer Stabilitäts- und Neactionsmänner nicht ausbleiden würden. Am behendesten war die Fraction, welche Herr Ober-Rabbiner Frankel vertritt. Es ist Ln derselben so viel Zweideutiges, Schwankendes, bald nach der einen, bald nach der entgegengesetzten Seite hin sich Drehendes und Wendendes, daß es schwer hält, einen Namen für sie zu finden. Am bezeichnendsten ist noch der Name eines TirQ. Da dieser allerdings eine bedeutende Figur unter den jüdischen Theologen der neueren Zeit bildet. Man versteht nämlich darunter alle die, welche Philosophie studirt, ganz freisinnig über den Talmud und die Rabbinen, ja über die Thora und Offenbarung selbst sprechen, so daß der, welcher sie reden hört, Wunder glaubt, wie aufgeklärt sie seien und welche Reformen sie alle vornehmen würden, aber es bleibt beim bloßen Reden und auch nicht dabei, wenn es nicht mehr unter vier Augen geschehen kann. Sobald die bloße Conversation aufhört und diese Leute sich öffentlich äußern, ernst und bestimmt *) sich aussprechen, oder gar über praktische Fragen vernehmen lassen sollen, erkennt man sie nicht mehr, wollen sie nichts mehr von allem dem wissen, was sie gelegentlich und gesprächsweise geäußert. Denn ihr Inneres liegt noch in den Ketten des Pharisäismus gefangen, ihren Geist umweht noch talmudische Finsterniß, und was sie Helles und Freies gesprochen, kam nicht aus tiefer innerer Ueberzeugung, aus einem wirklich höheren Bewußtsein, das die Wissenschaft geweckt und gebildet, hervor, sondern war nur so ein flüchtiger Gedanke, ein Einfall, eine momentane philosophische Aufregung, oder vielmehr ein Spuk der vor ihrem Geiste in schwachen Stunden vorübergegangenen Philosophie. — Diese Fraction mußte *) Wir heben mit Fleiß diese Worte hervor, um dem Einwurse zu begegnen, daß ja diese Schule keinen Anstanv nehme, aul öffentlich in Schriften und Journalen, solche freie Ansichten zu äußern, denn auch dann wird sie nicht mehr als bloße Conversafton, man ignorirt sie, umgehet sie, legt ihnen weiter keinen Werth und keine Wahrheit bei, sobald es darauf ankömmt, ven geäußerten fteien Ansichten Folge zu geben, den Cultus und ras Leben darnach zu gestalten, wie dieses mehrere Artikel in der Frankel'schen Zeitschrift beweisen. zurückschrecken vor der Braunschweiger Rabbiner-Versammlung, die mit der Freisinnigkeit und. dem von der Zeit gebotenen Fortschritte Ernst gemacht.- Zu ihr gesellten sich dann die finsteren Geister aller Orten, die dumme und halsstarre Orthodorie, das Krakauer Betb- Din und die 77. — Allein man müßte den gegenwärtigen Zustand des Iudenthums ganz verkennen, wollte man sich einreden, daß jene Bewegungen gegen die erste Rabbiner-Versammlung ohne Erfolg sein würden. Es gibt der Frankels, und anderer jener Richtung noch genug unter uns, und noch größeren Anhang hat die dumme und starre Orthodorie, und ein sehr großer Theil unserer Glaubensbrüder, besonders auf dem Lande, braucht nur von 77 D’jm, die gegen die Braunschweiger Rabbiner - Versammlung geschrieben, zu hören, um laut dieselbe zu verketzern, wie er sie in seinem Inneren längst verketzert hat. Aber auch auf die Zusammensetzung der zweiten Rabbiner- Versammlung selbst werden jene Vorgänge von Einfluß sein. Es werden nicht nur die wirklich Orthodoren Zurückbleiben, sondern auch diejenigen Rabbinen, welche für sich einer rationellen Richtung zugethan sind, aber starrorthodoren Gemeinden angehören, sich durch Rücksicht auf diese von der Theilnahme zurückhalten lassen. Mit einem Worte: der Bruch ist da! die nächste Rabbiner-Versammlung wird schon im Voraus von der Orthodorie als ihre erklärte Feindin angesehen werden. Was soll nun jene thun? Welche Stellung sott sie einnehmen, wenn sie sich und der heiligen Sache, welche sie vertritt, nicht untreu werden will?— Ich antworte: Keine andere, als die, welche die erste Rabbiner-Versammlung eingenommen. Sie soll kein Haar breit davon abweichen, sondern sie noch mit heiligerem Ernste, mit größerer Entschiedenheit, mir rüstigerem Eifer verfolgen. Die erste Rabbiner-Versammlung hat es überhaupt mit der dummen, starren Orthodorie, wie mit der gelehrten, in hochtrabenden Phrasen und philosophischen Floskeln sich ergehenden, verdorben. Hingegen hat sie sich die Sympathieen aller dem Fortschritt ernstlich zugethanen Glaubensgenossen, ja auch derer, welche für sich auf einem ganz freien Standpunkte stehen, erworh^n. Dies kam daher, daß sie einerseits ihren Beruf darin fand, der Idee ihre volle Geltung einzuraumen; sich zu Grundsätzen zu bekennen, welche in dem Be-