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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-01 · Heft 22 (1.6.1845) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 22 (1.6.1845)
Date
1845-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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175 vom Communal-Berband der jüdischen Gemeinden, dem Einzelnen gesetzlich nicht gestattet ist, und der Staat sicherlich, auch wenn er die religiöse Bewegung protegirt, doch die vermögensrechtlichen Jnleressen rer Corporationcn schützen wird, so würden die Mitglieder einer neu constituirtcn Neligiensgenofsenschaft in die Nothwenvigkeit kommen, doppelt mit ihren Beiträgen herangezogen zu werden, unv Institute mitzuerhalten, an denen sie aufgehört haben Antbeil zu nehmen. Werden aber alle Mitglieder im Stande sein solche Opfer zu bringen, und wird die Munificenz Einzelner für die Dauer ausreichend Denn an eine Unterstützung der neuen Gemeinden, wie sie den Deutsch-Katholiken zu Theil wird, ist doch wohl in unseren Verhältnissen nicht zu denken. — Jedenfalls verdient dieser Punkt eine aufmerksame Erwägung. —■ Gegen die hiesige Neformbestrebung schrieb Dr. David Cassel eine Brochüre unter dem Titel: „Woher und wohin?" Sie ist mir noch nicht zrt Gesicht gekommen. Die von mir neulich erwähnte Schrift des vr. Krüger ist in Form eines Sendschreibens an Stern erschienen und heißt: „Bedenken gegen die neuesten Reformbestrebungen irn Judenthume." — Das ist ein so nichtssagendes jämmerliches Gewäsche in dem winzigen Ding, daß man wahrhaftig der orthodoxen Partei die Schande nicht gönnt, solche Vcrthcidiger zu haben. Als verunglückten Arzt freut es den Autor wenigstens in Bildern die Neminiseenzen ans vem anatomischen Theater auskramen zu können, und so werden wir auf jeder Seite mit allem Schrecken der Pathologie und Therapbie grausainst heimgesucht. — Auf den ersten Seiten wird behauptet, das Iudenthum hat und hatte niemals ein einwohnendes arganisches Streben nach .Reform, denn warum hätten sonst Philo, Maimonidcs, Spinoza und Mendelssohn nicht reformirt! Die Factoren der jetzigen Bewegung seien nur der flache Rationalismus, der entartete Hegelianismus, der Ieurnalliberalismus und der neueste Deutsch- Katholicismus und noch einige in Bausch und Bogen behandelte Fsnmsse. Und auf den letzten Seiten wird nichts desto weniger von der „Entartung des Rabbinismus" gesprochen, und sehr poensch gewinselt: „Synagoge und Schule lechzen und schmachten nach Erfrischung re." Und solche Faseleien wirft die Ortbodorie als Kampfhanvschuhe hin, und so wird der arme ^eser geäfft. O meine verlorne halbe Stunde! — Reformen im Jlldenthum. *) jt (Frankfurt a. M. im Mai.) Welcher nur Halbweg gebildete oder vernünftige Jude Deutschlands verlangt deute nicht *) Wir lassen diesen Artikel ohne weitere Bemerkung abdrucken, obgleich wir das, was der Herr Correspondent gegen jeden Vernach Reformen im Judenthum? Mit Berhältniß geringer Ausnahme ist alle Welt mehr und weniger der Reform zugewendet; über vas Mehr oder Weniger, über das Maas jedoch ist eine Verständigung, eine Vermittelung geradezu unmöglich. Was die einen als heilig und für die Ewigkeit bestimmt ansehen, erscheint den andern nur noch lächerlich und bereits antiqmrt; man renke nur an Geberriemen, Schaufäden und BnrnuS, an neun Ldgc, Fasten. Trauergebräuche, und an hundert ähnliche an sich ganz unwesentliche Gegenstände, mir welchen sich der europäisch herangebüdew, denkende Jude, ohne sich seiner selbst zu schämen, nicht mehr befassen kann, wesentlicherer Differenzen vorerst nicht zu gedenken. Es ist ein großer Mißgriff, wenn man will, eme unverständige Anmaßung, zweien in sich ganz getrennten Partheien als Vermittler sich aufdrängen zu wollen, eigentlich sich einzubilden, man stehe über beiden. Wer seine Zeit begreift, muß einsehen, daß rer Riß im Judenrhum nicht mehr zusammen geleimt und geflickt weiden kann, und nichts zeigt von geringerer Besonnenheit als Las ewige Gcrere von einem besonnenen Fortschritte. Da ist nicht viel zu besinnen, wo die einen in Banden festgehalten werden, die sie kaum einen Scheut vorwärts thun lassen, und die andern längst von diesen Banden sich losgemacht haben und sich frei ergehen in Gottes schöner Welt; da bleibt nichts übrig als auch jene von ihren Banden zu befreien, oder, wenn sie es vorziehen, sie in denselben zu belassen, wie man ja auch Beispiele hat, daß Gefangene ihren vieliährigen Kerker mit der freien W.ft zu vertauschen sich weigern. Diesen aber die Finsterniß, die ihre blöd gewordenen Augen allein noch zu ertragen vermögen, etwas aufbellen, und jenen das Helle Tageslicht, an das sie mitunter von Jugend auf gewöhnt sind. theilweise entziehen, und sie zusammen in ein unerquickliches Dämmerlicht sperren wollen, ist nicht Vermittelung sondern Vermessenheit, und man macht es damit keinem Thcile zu Dank. Unv daß man uns nicht einwerfe, wir hätten blos die Ertteme im Auge, es gäbe eine richtige Mute, ein gusle-milieu; dieser Einwurf beruht auf einer irrigen Auffassung, auf einem Verkennen der Verhältnisse. Zuvörderst finden sich eigentliche Extreme in hiesiger Gememde nach keiner Seite hin vor. Unsere Altgläubige stehen schon nicht mehr auf dem Standpunkte derer in Polen, Ungarn, Böhmen und Mähren, oder der deutschen tzandjuven; sie wollen selbst Reformen, dtc freilich danach sind; die einen lassen sich in den halben Feiertagen zwicken. die andern sich überhaupt gar rafiren; an den mittclungvvcrsuch unv über den Starrsinn der Altgläubigen sagt, im Allgemeinen nicht zugeben. Es mögen aber allerdings diejenigen, welche der Herr Eorresponvent vor sich hat, es zu einer wahrhaften Virtuosität im Kavitel des Starrsinns und des Trotzes gebracht haben. Die Red.

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