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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-01 · Heft 22 (1.6.1845) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 22 (1.6.1845)
Date
1845-06-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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176 Samstagen tragen welche außerhalb der Stadt ihre Tücher re. in den Taschen, und welche rühren Geld an oder erbrechen Briefe; die einen beobachten diesen die andern jenen Fasttag nicht mehr; ihre Frauen-und verheiratheten Töchter halten das Haupthaar nicht versteckt; kurz, sie wären vor fünfzig Jahren dahier als Gojim bezeichnet und verfolgt worden, wie sie es in Krakau:c. heute noch würden. Allein das geschieht alles thatsächlich; dazu aber daß etwas dergleichen grundsätzlich ausgesprochen und festgestellt werde, können sie sich nicht verstehen; die Augen zudrücken über das eine und das andere, das können sie, aber den Mund öffnen, nimmermehr, es müßte denn an ihnen ein Wunder geschehen wie an welland Bileams Eselin. In diesen Leuten lebt überdies der alte unselige Geist des Trotzes, des Widerspruchs und der Verneinung, dieser Polter- und eigentliche Plagegeist unserer unglücklichen Glaubensgenossen. Auch finden sich modernifirte bartlose Lamronim vor, die, um ihr Anseden, ihren Einfluß bei der unwissenden Menge zu erhalten, sich nicht fügen, sich keinem andern unterordnen dürfen; diesen Leithämmeln folgt die Heerde. Würden ihnen ihre Rewwc Mausche und RewweSchlaume z. B. erlauben, zu Ostern Bohnen und Erbsen zu verspeisen, sie ließen sich solche ganz gut schmecken. Erlaubt es ihnen ihr Rabbiner Stein, so essen sie sie erst recht nicht, schon um zu zeigen, daß man nichts nach ihm frage, daß man seine Autorität nicht anerkenne. Mit diesem Volke ist nicht fertig zu werden, man muß es gewähren und selbst zuschn lassen, wie es zurecht kommt. Unsere Reformers bewegen sich zwar gleichfalls nicht in Extremen, wie schon die Abwehr in diesem Blatte gegen Albert Fränkel, Pinoff re. zeigt; was der Einzelne glaubt, ist Sache dieses Einzelnen, im Allgemeinen aber wollen sie einen von talmudisch-rabbinischen Schlacken gereinigten Mosaismus als religiöse Grundlage. Insbesondere verlangen sie, und das ist die Hauptverschiedenheit, daß die Absperrung nach außen, die Solidarität, der Particularismus, der Separatismus im Judenthume aufhöre, daß dieses eine Glaubens¬ und keine Volks-Gemeinschaft weiter abgebe, und daß dem deutschen Juden der deutsche Christ näher stehe und mehr anverwandt sei als der ausländische Jude. In dem Anerkenntnisse, daß der jüdische Staat auf ewig uniergegangcn, in dem Ausgebcn der jüdischen Nationalität für alle Zeiten, es sei ausdrücklich oder stillschweigend geschehen, ist der Bruch mit dem rabbinisch-talmudischen Judenthume, dessen Ausgangs- und Endpunkt das Festhalten dieser abgesonderten Volksthümlichkeir ist, vollendet. Das ist die geistige, innere Selbst-Emanzipation der Juden, welche von der äußeren politischen Emanzipation derselben so wenig abhängr oder bedingt ist, daß letzte in Holland;. B. schon seit Jahren statt gesunden, ohne daß von erster dort eine Spur anzutrcffen wäre. (Schluß folgt.) Das Manifest der 77. (Von der unteren Mosel im Mai.) „Es regt und bewegt sich doch gewaltig, und es ist doch Leben in Israel!" so rief ich kürzlich aus, als ich in meiner Studierstube in meinem Nachschlagen und Grübeln über einige an mich gerichtete sehr schwierige kasuistische Fragen, wie über ns’bn, und mpD die von jedem gewissenhaften Rabbiner, welcher Richtung er auch angehören möge, jetzt noch streng nach dem V"W entschieden werden müssen, was gewiß noch einen großen Stillstand bekundet, auch einmal unterbrochen wurde, durch das Eintreffen zweier entgegengesetzter Schreiben; das eine nämlich brachte mir die Nachricht, daß 77 Rabbiner in sehr scharfen und verdächtigenden Ausdrücken und Aeußerungen einen Aufruf an alle Gläubigen in Israel gegen die Beschlüsse der ersten und noch folgenden Rabbiner-Versammlungen erlassen hätten, das zweite enthielt eine Aufforderung der Vertreter der israelitischen Gemeinde zu Papa in Ungarn, mich gutachtlich über 5 Fragen zu äußern, um hierdurch zur Beförderung des Fortschrittes, welcher dort von den Männern der Finsterniß aus jede Weise gehemmt wird, auch in Ungarn beizutragen, wie sich dieses Schreiben äußert. Erschöpft und ermüdet von dem früheren mehrstündigen Nachschlagen und Denken über die erwähnten kasuistischen Anftagen und zerstreut durch die beiden Schreiben verschiedenen Inhalts und entgegengesetzter Richtung, ließ ich mich in meinen Lehr- und Sorgseffel, dem magnetischen Ableiter aller privatlichen und gemeinnützigen Quälereien und Aergerniffen nieder, um mich von den verschiedenen Eindrücken etwas zu erholen, und zur neuen Arbeit zu stärken und zu sammeln. Unwillkührlich griff ich nach der neuesten politischen Zeitung, die auf meinem Tische lag, und meine Blicke fielen sogleich auf einen Artikel, datirt: „Paris den 1. April", in welchem Folgendes zu lesen war: Bei 77 Offizieren der Nationalgarde liegen Petitionen gegen die Armirung von Paris offen." Ich armer Mann, der ich mich etwas erholen und sainmeln wollte, kam durch diese Zeitung noch mehr in Verwirrung. Es sauste gewaltig in meinem Hirnkasten, alles war ein wildes Chaos, ein Thohu Webohu. „77 Rabbiner gegen die Rabbiner-Versammlung! 77 Offiziere der Nationalgarde gegen die Armirung von Paris! Merkwürdiges Zusammentreffen! Was haben diese beiden so verschiedenen und sich so fernstehenden Ereignisse für Verwandschaft mit einander?" (Fortsetzung folgt.) Verlag der I. C. Herrn ann'schen Buchhandlung in Franffurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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