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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-01 · Heft 22 (1.6.1845) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 22 (1.6.1845)
Date
1845-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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m lauten. Phrasen aber nenne ich dergleichen Redensarten, denn wer pocht nicht in Religions- und Glaubenssachen auf das Zeugniß der Wahrheit? welche Parthei fftim es nicht tm Munde? Und was die partheilose, objeen've betrifft, so laßt sie sich eben so wenig auf einen Punkt — die Gegenwart — zusammendrängen, als es überbaupt der Gang der Entwickelung ist, irgendwo den plötzlichen Sprung *) in das gelobte Land des Reinwahren zu machen, wie viel weniger im Religiösen, das immer eine Sprödigkeit gegen jede Umgestaltung bat und seiner Natur nach haben muß. Was soll denn nun aber daraus werden? Wer soll den schneidenden Widerspruch beseitigen und den drobenden Dämon beschwören? Dr. Salomou hat mit einem alten Witzworte darauf geantwortet pm? mt? ji*c — die Rabbmen! (Die Rabbinerversammlung und ihre Tendenzen S. 24.) Ich weiß nicht, ob ihm die Rabdinen für das gefährliche Compliment Dank wissen werden, gefährlich jedenfalls, da sie nun mit der Last einer Verantwortlichkeit beladen sind, die wahrlich in unsern Tagen keine kleine zu nennen ist. Die Rabbinen sollen den Widerspruch lösen, sollen dabei mit ihren Gemeinden im Einklänge bleiben, **) sollen der Wissenschaft nichts vergeben und zugleich mit der Praxis Rath halten , sollen — was weiß ich Alles noch in sich vereinigen, *) Einen solchen kann man aber die neuesten Reformbewc- .zungeu, die Frankfurter sowohl wie die Berliner, durchaus nicht nennen. Zrn Gegentbeil sind sie als ein ganz geschichtlicher und organischer Prozeß des religiösen Lebens zu betrachten. Es müßte endlich radin kommen, daß die freie Ansicht, welche nun schon seit mehren Decennien herrschte und die thatsächliche Entfesselung vom Talmurismus zur Folge hatte, sich dergestalt zur Gesinnung festigte, oaß man sich gedrungen fühlte. sie als solche frei und förmlich auszusprechen, ihr den heiligen Charakter eines Prinzips, eines Bekenntnisses zu geben. Die Red. **) Allein die Rabbinen haben sich ja schon früher (namentlich bei dem Hamburger Tempelstr ite und in der Geiger- Tiktin'- scken Sache frei geäußert, ohne daß dadurch das friedliche Berhältniß mit ihren Gemeinden gestört worden wäre. Es wird dieses also auch hoffentlich nicht durch ihre freie Meinungsäußerung in der Rabbiner-Versammlung geschehen, wenn sie, was die praktische Ausführung betrifft, die Achtung vor der Wahrheit mit der Schouulkg der Gewissen auf die rechte Weife zu vereinigen wissen. Diejenigen aber, welche starrorthodoren Gemeinden angehören, oder selbst „furchtsamen und verzagten Herzens" sind, werben schwerlich sich bei den künftigen Versaminlungen einfinden. j Die Red. | um nicht blos ihrer Pflicht und ihrem Gewissen zu ge- [ nügen — das ginge noch — sondern auch der Welt, der zerrissenen, zerklüfteten Welt — wahrlich der alte! Prediger hat Recht, es gehört so etwas von einer Engelsnatur dazu, dieser Forderung ganz gewachsen zu sein. Sie werden nun bald wieder /ine Probe davon abzulegen haben — in Frankfurt, denn die zweite Zusammenkunft ist ja nicht mehr fern und daß sie zu Stande kommen wird zweifle ich nicht trotz allen Machinationen der Gegner, aber auch das erlauben Sie mir zu erwähnen, daß sie einen ganz anderen Charakter haben wird und haben muß, *) als die erste. Die Naivität, die Unbefangenheit ist weg, im guten wie im schlimmen Sinn. Zm guten in so fern, als der Besen der Kritik manchen Fehlgriff weggefegt, manche Uebereilungen aufgedeckt und gerügt hat, als man jetzt das Terrain kennt und darum sich keinen Illusionen und keinen Ueberraschungen hiugeben wird. Aber auch im schlimmen Sinne. Als vor einem Jahre die Einladung zur Theilnahme erging, da war überall in der jüdischen wie nichtjüdischen Wett Spannung und Vertrauen, von dieser wurden die Mitglieder empfangen und gehoben, der Muth war noch frisch, fast möchte ich sagen jugendlich, die Kraft noch unerprobt, aber auch noch ungeschwächt und ungetheilt, die ganze große schwere Aufgabe lag vor ihr ausgebreitet — als ihre Zukunft, und eine jede noch unenthüllte Zukunft hat etwas messianisches an sich. Die Hülle ist gefallen. Die Zukunft ist inzwischen zur Vergangenheit geworden und was sie enthüllt hat, darüber liegen die Akten offen. Nur das Eine will ich daher berühren, daß auch die Stimmung des Publikums, in meiner Umgebung wenigstens, eine wesentlich andere geworden ist, daß die Erwartung sich abgekühlt hat, theils in Folge der eingetretenen Fraktion, theils und hauptsächlich in Folge jener ganzen Wendung der Dinge, die in diesem Jahre die religiöse Gestaltung Deutschlands genommen hat, so daß die jüdischen Vorgänge nicht mehr im Vordergründe der Anfmerksamkeit stehen. Wir wollen diesen Veränderungen nicht grollen. Es ist jedenfalls gut, wenn die Beispiele aus andern Confessionen den Unvollkommenheiten im Judenthume die Waagschale *) Wir glauben aber gerade, daß die zweite Versammlung, will sie etwas erwirken, dem Charakter der ersten treu bleiben müsse und hoffen dieses demnächst ausführlich darzuthun. Die Red.

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