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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-01 · Heft 22 (1.6.1845) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 22 (1.6.1845)
Date
1845-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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freilich auch im Herzen, aber doch einen mehr harm- und lärmlosen. Fragen Sie mich aber, welchen Zustand ich vorziehe? so würde ich unbedingt antworten, den jetzigen, als den höheren, als die Entwickelung, wenn auch die schmerzens- und wehenvolle — wäre nicht zweierlei, was mich bedenklich machte und mein Urtheil noch zurückhielte. Das Eine ist dieses. Es will mir scheinen — und je mehr ich durch meine Bekanntschaft mit unfern Glaubensgenossen auf den Grund zu kommen suche, desto mehr wird der Schein zur Wahrscheinlichkeit — daß der ganzen jüdischen Auf- und Durchrcgung zur Zeit die originelle Färbung und Haltung fehle, daß sie nicht genug Eigenthümliches habe, um zu einer guten Folge, nm zu einem irgend erklecklichen Schlüsse zu gelangen. Man spricht sich gegen die jetzige Form des Iudenthnms, gegen die mangelhafte Einrichtung in demselben aus. Nun gut. Wir Alle fühlen diese Mängel mit, wir Alle fühlen mehr oder weniger uns unbefriedigt mit dem gegenwärtigen Zustande. Ader was an dessen Stelle setzen? Hier fehlt häufig das klare Bewußtsein und wird von einem wilden, chaotischen Drängen und Treiben zur That getrieben. Man will, um mit dem Breslauer Aktenstück j zu reden, „dem Bedürfniß der Gegenwart" seine Erfüllung bringen. Aber indem man nur das Bedürfniß, | das allgemeine, reden läßt und nicht auch und Haupt-! sächlich den inneren religiösen Gehalt, den inneren nothj wendigen Fortschritt, kann man zu keinem Resultate gelangen. Es wird immer nur der Weltschmerz des Bedürfnisses bleiben und wiederkehren, weiter, ganz ähnlich dem politischen, eben nur kosmopolitisch, nicht patriotisch und nicht eigentlich jüdisch ist. Möglich indessen, daß ich irre, daß ich Vielen Unrecht thue, daß ich eine Fraction der Reformlustigen für Alle nehme, aber darin irre ich nicht, daß eine große, zahlreiche Fraktion — ich sehe sie ja täglich in meiner Nähe — sich mit solchen allgemeinen, unbestimmten Forderungen herum trägt und das weiß ich auch, daß ihr nicht leicht zu helfen ist, daß *) Wie ist aber dieses jetzt schon oder in dem vom Verfasser gewünschten Grade künftig möglich? Eine jede Reform in unserer, die Gewissensfreiheit'der Einzelnen achtenden Zeit, muß sich darauf beschranken, das, worin Alle übereinstimmen, in möglichst allgemeiner Fassung auszusprechen, und dem subjectiven Bedürfniß überlassen, was und wie viel es in den allgemeinen Umkreis ziehen will. Die Red. m jeder, wenn auch noch so geringe Rest der jüdischeu Eigen thümlichkeir ihr anstößig bleibr. Es soll sich aber Alles nivelliren. Ist das möglich? — Mein anderes Bedenken gegen die Zustaude der Gegenwart betriffr die uninirtelbare Folge derselben auf dem Lande und in kleinen Gemeinden. In größer» Städten und in größer» Gemeinden mag es noch angehen, daß die Gleichgesinnten sich fest grnppiren, abscheiden, eine eigene Glaubens- und Nichtglanbensfahne aufstecken. Ist auch dorr die Spaltung ein auflösendes Eie ment, so sind doch die Berührungspunkte nicht so nabe an einander gerückt, daß nicht jeder Theil zur Nord ohne den andern seiner Ansicht Raum verschaffen kann. Das ist in kleinen Gemeinden, wie ich sie vor mir habe, ganz anders. Wenn hier ein Glied oder einige Glieder sich abtrennen und ihren eignen Weg geh»n wollen, io stockt der ganze Gemeinde - Organismus. Da bewirkt also das Borwartstreibeu der Neformlnst nicht bloß einen Abstand, sondern einen ganzen Scil'.üand; zwischen den Zurückgebliebenen und den Männern der Bewegung gibt es keine Ausgleichung mehr und doch können sie einander nicht entbehren, können sie einander nicht aufgeben. Aus diesem Grunde hatte man bis letzt einander gedu! det, zusammen gur oder schlecht für das Gemeindewefen Sorge getragen. Diese Gemeinsamkeit bar aber aufgehört, so wie der Bruch sich erweitert, mau muß einander den Rücken kebren, weil auch die Duldung ihre Gränzen hat; ein completer Zerfall, eine comvlere Zw lirung ist die nächste Folge. *) Soll, darf nun auf diese kleinen Gemeinden-— die doch zusammen eben so viele Bekenner des jüdischen Glaubens zählen, wie die größern — gar keine Rücksicht genommen werden? kann es gleichgültig sein und lassen, wie sich hier die Rech nung stellt? Sollte die Nachahnumg der Bewegung aus andern Confessionen sich nicht diesen spccifischen Umer schied merken und darum ihre Ansprüche mäßigen? Es mag nun fein, daß man mir darauf erwidert: die Wahrheit solle keine Rechnung und kein Bedenken und keine Rücksicht haben, sie werde schon die Zurückgebliebenen von selbst nachfchieben und wie dergleichen Phrasen mebr *) Zn Meinungen und Handlungen, die nicht den öffentlichen Gottesdienst berühren, bestanv dieü Jsolirung aber auch bis jetzt, und weiter wird es in kleinen Gemeinden kein Ein'iibtiaer mehr kommen lasten. Di: Red.

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